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Der Roman.
et. "i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. ,»—
tlr, 257. Donnerstag, 2. November. 1916.
(IS. Fortsetzung.)
wenn die Blatter fallen.
Roman von Hans von Belgard.
(Nachdruck verboten.)
Die Felder sind abgeerntet: in den Wiesen träumt Verloren die Herbstzeitlose, und über den Stoppeln Feuchten die Gewebe der Herbstiäden in ihrer Feinheit und Zartheit im Sonnenlichte wie gesponnenes Silber, an dem die Tautropfen wie funkelnde Edelsteine hängen.
Ein Volk Rebhühner fliegt auf mit leisem Locken pnd ein Hase läuft lange in wilder Hast ihrem Gefährte vorails, um dann plötzlich quer über den Weg zu entfliehen und im Graben sitzend, mit angelegten Löffeln, neugierig dem Wagen nachzuschauen.
„Ein Hase über den Weg, ein schlechtes Zeichen", murmelt die Gräfin, und etwas Ängstlich-Ratloses ist in dem Blick, mit dem sie ihren Gefährten ansieht.
Dieser aber lacht hell auf, und gutmütiger Spott ist in seiner Stimme, als er sagt. „Bist du abergläubisch, Erika, seit wann denn nur, früher warst du es doch nicht? Wie kann ein harmloses Häslein dir die Stimmung verderben. Schau doch nur um dich, laß deine Augen diese Sinfonien von Farben trinken. Diese tiefe Bläue des Himmels, dieser wunderbare Farbenreichtum der Bäume. Sieh nur die silberschimmernden Pappeln, den Goldglanz der Ulmen, das Gelb und Braun der anderen Blätter und die purpurne Pracht der Ebereschen. Ist es nicht, als wehten Büsche roter Liebesglut in den Zweigen?-Und wir beide ge
meinsam den Zauber dieses weichen Herbstmorgens genießend, Seite an Seite, Hand in Hand."
Dabei legt sich seine schlanke Rechte fest und behütend um die schmale Hand der Gräfin, willenlos überläßt diese sie ihm und Hand in Hand verbleiben sie den Rest der Fahrt, bis der Wagen vor dem alten Kirchlein tn Creylingen hält.
Nicht lange lauschen sie dein Vortrag des Küsters, der ihnen die Figuren der herrlichen Holzschnitzerei des Altars von Riemenschneider erklärt.
Sie wollen allein sein im Schatten der alten Herrgottskirche nnd entlassen ihn bald mit einem reichen Geldgeschenk.
Dann sind sie beide allein, die einzig Lebenden im Reiche der Toten.
Unter schattenden Bäumen erhebt sich die Kirche, umgeben von einem kleinen Friedhof mit seinen Gräbern.
Leise rauschen die Bäume über die Stätten der stillen Schläfer, fern schimmern die abgeerntetcn Kornfelder nnd mahnen an den Schnitter Tod.
M Langsam wandern sie umher auf dem Gottesacker. ™ Bunte Herbstblumen schmücken die Gräber, leise webt der Wind nnd läßt die welken Blätter auf den Gräbern rascheln, zuweilen klirrt ein schlecht befestigtes Metallschild mit dünnem Klingen, sonst ist alles totenstill.
Sie wandern umher; hin und wieder stehenbleibend, wenn ein besonders reiches Grabmonument ihre Anf- merksamkeit erregt, dann wieder versuchend, Inschriften zu entziffern, die die Zeit mit harter Hand verlöschte.
überall blicht und duftet es von den letzten Blumen
des Sommers, kein Hügel ist so armselig, daß nicht ein Mantel farbiger Blüten ihn schmückt.
Verwischt ist der Unterschied zwischen reich und arm; derselbe Wind, der den Blütenstaub auf die denkmalgeschmückten Grabstätten der Reichen weht, streut ihn auch über die letzten Lager der Armen, die allzeit giitige Natur gleicht am Ende aus, was im Leben so verschieden war.
Lange weilen sie sinnend auf einer schmalen, roh ge« zimmerten Bank unter einer Traueresche.
Leise beginnt die Gräfin zu sprechen; verhalten und' weich ist ihre Stimme, als fürchte sie die stillen Schläfer zu stören.
„Es ist doch etwas Wundersames um das Wandeln auf Friedhöfen", meint sie sinnend, „ich liebe es, mir bei den Toten Frieden und Ruhe für das Leben zu holen. Es ist so beruhigend, dieses Wilsen: das Ende ist für alle gleich. — Wie viele Friedhöfe besuchte ich schon in meinem Leben. Besonders gerne weilte ich immer ans dem Friedhof zu Clärens, der ja auch einer der schönsten der Welt sein soll. Welch wundersame Gedanken durchschauerten mich, wenn ich hinab schaute von der Höhe der Toten auf das brausende Leben da unten, In leuchtender Klarheit liegt der grün-blaue See mit seinen glitzernden Schaumwellen, weiße Segel gleiten darüber hin. Stolz schimmern die großen Hotelpaläst« und wie verschämt liegen die Hütten der Armen. Immer mußte ich dann denken, daß in der Stunde deS Todes wohl der Ausgleich kommt. Denn wie schwer muß es den Reichen werden, ein Leben voll Glanz und Genuß zu verlassen und den dunklen Weg in das unbekannte Jenseits zu geben. Wie viel leichter wohl den Armen das Sterben wird, wenn sie die rastlos fleißigen Hände zur letzten Ruhe falten und dem Tage entgegenschlummern, da die Gräber sich öffnen und der Herr sein Urteil spricht über Gerechte und Ungerechte und nicht über reich und arm. Immer noch fand ich Frieden an den Stätten, die ihn verheißen, „Hof des Friedens", wieviel Trost liegt doch darin." *
„Wenn ich so auf die Gräber zu unseren Füßen niederschaue, Werner", fährt die Gräfin nach längeren! Sinnen fort, „da durchschauert mich immer die Frage: „Was brachte euch wohl das Leben? Ihr stillen Schläfer» kam euch der Tod als Freund oder Feind? Kam er zn schnell und überraschend, war noch ein Schritt in euren Fiißen, den ihr gern noch getan, ein Satz, ein Wort noch auf euren Lippen, das ihr gerne noch gesprochen, auf das jemand noch wartete in Hoffen und BangenÄ — Oder gingt ihr gerne zur Ruhe, wart ihr müde desi Lebens, wart ibr alt und verbraucht und euer Körper fahl und verwittert, er^^tzaft s<bon. wie der Staubs mit dem er sich vermischt? — Was brachte euch wobl das Leben an Freud und Leid, an Liebe und Haß?, Was mögt ihr erhofft nnd erstrebt haben, ihr stillen Schläfer da unten? Manch einer von euch mag auf Erden ein Großer, ein Allmächtiger gewesen sein, einer^ dem sich viele beugten, der hoch über der Menge stand,
