Morgen-Vellage der Wiesbadener Tagblailr. >->
Nr. 256. Mittwoch» I. November. 1916.
kIL. Fortsetzung.)
wenn die Blätter fallen.
Roman von Hans von Belgard.
^Nachdruck verboten.)
Da galt es. Streiter auszubilden, und manche aubritterburg erlag den Stürmen der tapferen othenburger.
Wild tobte der Aufstand der Bauern im Tale der Tauber und der Name Florian Geyers mit der Gefolgschaft seiner schwarzen Schar erregte Schrecken und Furcht, wo immer man ihn nannte. Endlich gelang es den vereinten Fürsten, die Aufrührer bei Ingolstadt zu schlagen: gegen viertausend Bauern fielen in einer Stunde, und noch schrecklichere Rache nahmen sie an dem aufrührerischen Landvolk nach der Schlacht bei Tauber-Königshofen im Juni 1625.
Mehr als sechzig Köpfe fielen unter dem Schwert- treich des Henkers und die Chronik berichtet, so hoch ei das Blut gestanden, daß es gleich einem Bächlein >ie Schmiedegasse hinab geflossen. Der Friede fand ange Zeit keine Stätte in den Mauern des idyllischen Städtchens, der dreißigjährige Krieg umtoste es in wilden Schrecken.
Hohe Herren weilten in den Häusern der alten stolzen Patrizier, Kaiser Karl der Fünfte und die Kurfürsten Johann- Friedrich und Philipp von Hessen hatten ihr Lager dort aufgeschlagen und mit ihnen die wilde Soldateska, fahrendes Volk, das Zucht und Ordnung vollständig untergrub.
Zum evangelischen Glauben übergetreten, erhofften die Rothenburger Schutz und Hilfe von dem Schwedenkönig Gustav Adolf, der, nachdem er Würzburg besetzt, ihnen auch bereitwillig eine kleine Garnison zur Unterstützung sandte.
Doch Tilly kam mit seinen Scharen, und trotz heldenmütigster Verteidigung mußte die Stadt Ende Oktober 1631 ihre Tore dem Feinde öffnen.
Grausam, wie die damalige Zeit, war das Urteil, das die Sieger über die Stadt verhängten.
Schreckliche Szenen von Plünderung und Zerstörung spielten sich ab, und wenn man auch den Schweden freien Abzug gewährte, ko war der hohe Rat des Städtchens doch den: Todesurteile verfallen.
Vergeblich schien alles Bitten von Frauen und Kindern um Gnade für die Verurteilten.
Endlich versprach Tilly, milder gestimmt durch den köstliche Willkommenstrunk, allen Begnadigung, wenn es einem der Ratsherrn gelänge, den großen bis znm Rande gefüllten Humpen auf einen Zug zu leeren.
Nach langem Zögern wagte es der damalige Bürgermeister Nusch, und wider Erwarten gelang ihm dieser Meistertrunk und damit die Begnadigung der Ratsherren.
In Rothenburg hat sich jene Episode von Generation zu Generation fortgepflanzt und zur Erinnerung an die wunderbare Errettung veranstaltet man jeden Pfingstmontag ein Festspiel: „Ter Meistertrunk dder Tilly in Rothenburg."
Aufmerksam hatte die Gräfin der Erzählung des MalerS gelauscht. Er spricht so anschaulich, daß sie fast greifbar vor ihrem Auge steht, jene alte Zeit, die man
stets die „gute" nennt, und die doch so überreich an Grausamkeiten, jene Zeit, da alle Gefühle und Empfindungen so viel elementarer und brutaler waren. Vergeblich versucht Erika ihrem Denken und Fühlen klaren Ausdruck zu geben, sie findet nicht die rechten Worte.
Ihr Freund aber versteht sie auch so; heiß lodern feine dunklen Augen über sie hin und lächelnd ruft er: „Die Gegenwart hat immer recht und Rechte, Erika. Was kümmert uns auch die Vergangenheit, der Augenblick. das Jetzt ist unser, ihm laß uns leben."
Purpurn glüht der schwere Frankenwein in den Gläsern und treibt das Blut in heißen Wellen durch die Adern. Einige Freunde des Malers gesellen sich zu ihnen, Künstler gleich ihm, mit »wachen Simicn und heißem Blute.
Sie alle haben die Poesie gesucht und gefunden in den Winkeln und Trümmern der alten Stadt, und manch malerischen Schatz haben sie mit Stift und Pinsel auf die Leinwand gebannt.
Noch nie meint die Gräfin einen gleich heiteren genußreichen Abend verlebt zu haben wie im Kreise dieser jungen, genialen Menschen, die alle mit kecker Hand nach dem Lorbeer greifen, und deren überinütiges, junges Blut die roten Rosen der Liebe gepflückt, wo immer sie blühen.
Ist es der prickelnde Reiz des zwanglosen Plau- derns, ist es der purpurne Saft der Reben, der so heiß Herzen und Sinne entflammt, oder sind es die Schatten der Vergangenheit, die die Gegenwart, das warm« Leben so besonders kostbar erscheinen lassen?
Wie in einem süßen Rausche wandert die Gräfin an der Seite des Kindheitsgespielen heim durch das Schweigen der Nacht.
Eine jener hellen Nächte ist es, in denen sich in der Natur hundert Geheimnisse zu regen scheinen, da tausend Wunder erblühen.
Wie ihr Schritt tönend widerschallt in den schlafenden Gassen, wie der Mond die Giebel und Erker, die altertümlichen Schnitzereien der alten Häuser, die,Verzierungen an dem steinernen Brunnen m phantastischen Formen erschimmern läßt.
Die Roniantik ist nicht tot, sie schläft nur.
Nur natürlich schiene es, wenn plötzlich die hohe Gestalt eines Landsknechtes in ledernem Wams und Sturmhaube, mit gefällten: Spieße vor ihnen stände, sie streng nach Weg und Art, nach Zukunft und Wanderziel befragte.
Kichert es nicht am Brunnen, als schäkerten schlank« Mägdlein mit langen, blonden Zöpfen, das Gretchen- täschchen an der Seite, dort mit ihrem Trautgesellen?
Nein, einsam steht der Brunnen, und in seinen Tiefen nur rauscht es geheimnisvoll, ein Lebenslied scheint es zu sein.
Schweigend wandern die Jugendgespielen durch da? nächtliche Schweigen.
Still ist die Nacht und wunderweich, in goldenem Glanze erstrahlen am blauen Nachthimmel die groß-
