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Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts. —~~» i

Nr. 255. S Dienstag, 31. Oktober. 1916.

'( 11 . Fortsetzung.!

wenn Me Blatter fallen.

Roman von Han» von Belgard.

(Nachdruck verboten.!

Mit der Zeit gelang es mir wohl, die Liebe, das Vertrauen ineines Sohnes zu gewinnen, aber noch heute habe ich das bittere Gefühl nicht überwunden, nicht den ersten Platz in meines Kindes Herzen zu be­sitzen^

Zwei Jahre lebte ich still und zurückgezogen auf Schloß Bergenthal, mich ganz meinem Sohne und der Pflege meines Schwiegervaters widmend.

Als aber dieser gestorben, ergriff mich ein wilder Lebenshunger, ich hatte so einsam gelebt, und plötzlich kam mir das Bewußtsein meiner großen Jugend.

Mit zweiundzwanzig Jahren hatte ich alles er- fahren, was eines Menschen Seele an Freud und Leid begegnen kann.

Weit, lveit schien das Land meiner Jugend, die Zeit meines ersten, heißen Liebesglückes zu liegm, unabseh­bar lag der Weg, den ich einsam und liebeleer wandern sollte.

Nie hatte ich wieder etwas von dir gehört und all­mählich war auch die Sehnsucht in mir gestorben, die Sehnsucht, die eins der besten Gefühls rn den Men­schen ist.

Ich hatte keine Lebensziele mehr, kein Hoffen, man hatte mir das Große im Leben genommen und darum ward das Kleine mir groß.

Keine Pflicht band mich mehr an zu Hause, an die Heimatscholle. Ich wollte nicht mehr all den Idealen und Hoffnungen nachtrauern, an denen das Leben einst so reich für mich war.

Es gibt ja soviel Surrogate und Opium, das Per- gessen zu bringen, wie ein Traum erschien mir die Zeit, da ich noch Träume hegte, goldige, wunderbare Träume, da das Leben vor mir lag, herrlich wie ein Blumengarten in den Märchen.

Jetzt hieß es, den Rest meines vergeudeten Lebens nicht zu vertrauern, sondern zu genießen.

Und ich genoß mein Dasein als reiche, vornehme, junge und schöne Frau.

In den sashionablen Badeorten, an den Plätzen, da die große Welt sich trifft, war ich bald eine bekannte Persönlichkeit, und zu den intimen Zirkeln der Gräfin Berten zu gelassen zu werden, war der Erhrgeiz vieler, gehörte sozusagen zum guten Ton.

Lange Jahre hatte ich meinen Sohn stets mit mir, ich liebte ihn zu sehr, als daß ich mich von ihm trennen konnte, er war ja das einzige, was mir geblieben, und sein unschuldiges Kindesdasein war mir Schutz und Halt in all den Anfechtungen meines Wcltlebens.

Dann nahm man ihn mir.

Mein Schwager Albrecht, des Knaben Vormund, erklärte ihn für zu groß, um nur durch einen Haus­lehrer unterrichtet zu werden, und mich für zu jung, um in Begleitung eines so jungen Erziehers die Welt zu durchreisen, meine alte Gesellschafterin sei kein ge­nügender Schutz gegen böse Verleumdungen, die er aus dem Namen der Grafen Bergen nicht dulden dürfe.

Ich kämpfte verzweifelt um mein Kind, ich war be­reit, das Reiseleben aufzugeben, still auf Bergenthal nur meinem Knaben zu leben.

Umsonst mein Flehen.

Mein Schwager bestand darauf, daß mein Sohn auf die Ritterakademie kam, er wäre weiblicher Erziehung entwachsen.

Ich mußte mich fügen und führte mein Nomaden­leben weiter. In den Ferien nur sehe ich meinen Knaben, fast immer auf internationalem Boden, und jedes Mal scheint er sich innerlich weiter von mir ent­fernt zu haben.

Nach Bergenthal komme ich nur selten.

Ich bin fremd geworden, wo ich einst so fest ge- wurzelt. Mein Vater, der nach seiner Pensionierung zu deinem Bruder und Waltcaut gezogen, zürnt mir ob meines freien Reiselebens, und meine Schwester geht so vollständig in ihren Pflichten als Frau und Mutter und Musterlandwirtin aus, daß sie wenig Zeit und Ver­ständnis für eine Schwester hat, deren Leben so nutzlos, in so ganz anderen Bahnen dahinfließt."--

Sie schweigt in trübem Sinnen.

Auch der Maler findet lange kein Wort, dann fragt er leise, als wage er kaum, diese Frage zu stellen, als fürchte er, kaum vernarbte Wunden aufzureißcn: „Und bist du glücklich bei diesem Leben, Erika?"

Sie sieht ihn an, und niemals meint er diesen Blick vergessen zu können, etwas Todwundes ist darin, etwas wie trotziges Selbstverspotten eines verfehlten Lebens.

Dann erwidert sie, kurz auffachend: „Ob ich glück­lich bin, willst du wissen. — Was bedeutet das Wort „Glück" überhaupt, ist es nicht ein Begriff, von jedem anders aufgefaßt, von jedem in anderer Gestalt ersehnt und erhofft? — Nennt man in reisen Jahren das noch Glück, was uns in Jugendseligkeit ein solches erschien? Wir alle waren anders, als wir später wurden, imb das Schlimmste ist, daß wir alle einmal jung waren und es nicht vergessen können."

Sie spricht nicht weiter, es ist, als erwarte sie ein Wort, eine Bemerkung, als müßte der Freund ihr ratend helfen. —

Doch er schweigt, da sagt sie forciert lustig: „Doch warum philosophiere ich, spreche Dinge, die keinen Zweck und keinen Sinn haben, warum antworte ich auf deine klare Frage nicht einfach, wie ich antworten muß. „Wo du nicht bist, da ist das Glück", das paßt auf mich. Doch auch ohne Glück kann das Leben sehr lang sein, da muß man denn die Freuden suchen, wo man sie findet. — Aber du schwelgst immer noch, Werner, sieh, ich gab dir eben mein ganzes Vertrauen, in klaren Umrissen stehen die Jahre meines Lebens vor dir — willst du nun nicht auch von dir sprechen, von den Schicksalen, die du fern von mir gehabt hast?"

Er schüttelt wie verneinend das Haupt.

Dann sagt er fest: „Nein, Erika, von meinem Leben will ich dir nicht sprechen, du würdest kein Verstehen