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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin V.. P,tsba«er Str.IAL Kernspr.! «»t Lntz°«6202 ».6203.
Vienstag, 31. Oktober 1916.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 527. . 64. Jahrgang.
Die Englische weltwirtschastsgesahr.
In Englands
wirtschaftlichen und politischen Kreisen scheint es schon jetzt als Tatsache betrachtet zu werden, daß das innerpolitzsche Ergebnis des Krieges sür das Imperium die Bildung eines Bundes st aats ails Großbritannien und seinen Selbstverwaltungskolonien (Australien, Neuseeland, Kanada, Südafrika, Neufundland) sein wird. Manche ÄLeltpoliMer, wie z. B. der bekannte Sir H. H. John- ston (New Statesman vom 9. September 1916) gehen sogar noch weiter und verlangen auch die Aufnahme solcher Kolonien in den Bundesstaat, die wie die westindischen bereits über eine gewisse, äußerlich auch in dem Besitz eines gewählten Parlaments zum Ausdruck kommende Selbstbestimmung trotz ihrer Unterstellung iunter einen vom König ernannten Gouverneur verfügen. Es liegt kaum ein vernünftiger Grund vor, eine engere Bereinigung zwischen Mutterland und Selbstverwaltungskolonien für unmöglich zu halten, erst recht nicht, nachdem der jetzige Krieg gezeigt !hat, daß der organische Zusammenhang des ^britischen Imperiums ein viel f e st e r e r ist, als man nach dem B u r e n k r i e g, der Sprachenbewegung in Kanada, den Verstimmungen in A u st r a I i e n wegen der englischen Japanpolitik und ähnlicher Erscheinungen annchmen konrrte. Und da gleichzeitig viele für unabänderlich gehaltene Wirtschaftsauffassungen in England durch den Krieg überholt worden sind, ist es wirklich nicht so fernliegend, daß der Lieblingsplan des älteren Chamberlain doch noch zur Tatsache wird.
Daß uns eine solche Organisierung des britischen Reiches auf das allertief st e berühren inuß, ist klar, wenn man berücksichtigt, in welchem Umfang wir Kunden des britischen Weltreiches geworden waren. Eine solche Neuorientierung der britschen Kolonialpolitik hätte aber in erster Linie wirtschaftlichen Kampfzweck. Englands gesamte Politik war, ist und wird in alle Zeit eine solche der wirtschaftlichen Bedürfnisse sein und sein müssen, oder das alte England ist nicht mehr. Seine 30 Millionen Quadratkilometer Kolonien mit ihren 400 Millionen Menschen' die sind das Mittel, die England feine einzig in der Weltgeschichte stehende Rolle geschaffen haben, die es nicht nur zum politischen Herrn der Welt, sondern vor allem zum Inhaber der We l t w i r t s ch a f t s- macht schufen. Es gab kein Produkt der Erde, das wicht das englische Weltreich hervorbrachte, und wo ändere Staaten drohten, zum wirtschaftlichen Konkurrenten zu werden, da war die englische Politik immer bereit, die ihr passend erscheinenden Mittel anzuwenden, um die englische Wirtschaft von der Sorge um den Verlust zu befreien. Das war letzten Endest die Ursache des Kriegs und das wird das treibende Element englischer Politik bleiben, je mehr der Plan zur 'Niederringung Deutschlands f e h l < ch l ä g t.
Und nun stelle man sich eimnal vor, welchen g e- w a I t i g e n Wi r t s ch a f t s t r u st ein über alle Breiten sich erstreckender Staatenbund verkörpert, in dem das industriereiche England, das zukunftssichere Australien, das reiche Südafrika und das erst in den An'ängen steckende Kanada — zu schweigen von den auch nicht wertlosen übrigen Kolonien — vertreten ist? Das ist bei der bereits erwähnten sprachlichen und Kulturellen Einheit der Länder ein Wictschastsblock, der Allmächtig ist, gegen den ein Ankämpfen aussichtsloses ^Beginnen erscheint, weil er, gebunden durch gemeinsame Zollgesetzgebung und ungehindert durch die Hem- inmngen, die selbst noch auf den Trusts des plutokra- fisch regierten Nordamerika liegen, schlechtrrdings der Herr der Welt ist. Ein Bloch der so überwältigend groß ist, daß der Gedanke, die jetzt noch neutralen Staaten könnten ihm einen Widerstand leisten, fast undenkbar ist. Selbst wenn sie den ernstlichen Willen dazu hätten. Diese Masse wäre nichts anderes als die wirtschaftliche und damit auch politische Anglisierung der Welt. Man braucht ja nur daran zu denken, welchen unerhörten Einfluß etwa die englischen Einsu hrtrusts in der Schweiz, Skandinavien usw. schon jetzt während des Krieges haben! Und insbesondere würde für unsere deutsche Wirtschaft mit ihren Millionen von Arbeitern, die Lohn und Brot nur !bei voller Sicherung eines unabhängigen Rohstoff- hezugs finden, die Angelegenheit eine Bedeutung erlangen, für die der kürzlich proklamierte Versuch der ^englischen Regierung zur Erdrosselung der deutschen ^Ölindustrie mit Hilfe des englisch-westafrikanischen Palmkernmonopols uns einen kleinen Vorgeschinack bieten würde.
Bei uns wird so viel über die Notwendigkeit zur Sicherung unserer Ernährung in der Zukunft in Hinsicht auf die Einzelheiten eines glücklichen Friedens gesprochen. Mindestens ebenso wichtig ist aber die immer nur so nebenher gestreifte Frage unserer zukünftigen iWeltwirtschaftsbeziehungen, also in erster Linie die
Sicherung unserer Rohstoffversorgung! Was hilft uns ein glückliches Ende des Krieges, wenn es uns nicht die wirtschaftliche Unabhängigkeit auch auf diesem Gebiete verschafft? Die können wir uns abar nur • schaffen, wenn wir als S e l b st e r z e u g e r der von uns benötigten Rohstoffs allen englischen und von England abhängigen Bestrebungen auf die Vertrustung der wichtigen Welthandelsgüter ein „Hände weg" entgegenzusetzen stark genug sind: d. h., wenn wir endlich lernen, daß ein ausreichender eigener Kolonialbesitz uns einen wichtigen Teil unserer nationalen Sicherheit zu verbürgen imstande ist. England, das schon vor dem Krieg ein fast absolutes Monopol in vielen Rohstoffen besaß, die wir in Deutschland am dringendsten brauchten, wird auf jeden Fall allen Anlaß haben, im Interesse seiner eigenen durch den Krieg auch nicht gerade geförderten Volkswirtschaft alles aufzubieten, um seinerseits wirtschaftlich noch unabhängiger zu werden. Die vor einigen Wochen vollzogene Gründung der Vereinigung „British Empire Producers" steht damit in engem Zusamnienhang. Andererseits ist das vom internationalen Markt hermetisch abgeschlossene Deutschland mindestens um einige Längen im Wettlauf zurückgeblieben, und es hätte selbst unter günstigeren Bedingungen es schwer genug, das einmal verlorene Gelände wieder aufzuholen. Wie aber nun, wenn der allenglische Block die riesigen und vielseitigen Kräfte geschlossen und einheitlich in An- Wendung bringt? Nicht nur als Verkäufer von Rohstoffen, sondern auch als Käufer unserer Industrie- Produkte?
Wie gesagt: Es handelt sich da unr eins der wichtigsten und schwerwiegendsten Probleme für unsere nationale Wirtschaft und damit für unser ganzes Volk. Die Gefahr schwindet erst dann, wenn wir als ausreichend ausgestatteke Kolonialmacht uns das Maß von wirtschaftlicher Selbständigkeit schaffen können, das der politischen erst ihren Wert und die notwendige materielle Grundlage gibt. _
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 30. Oft. (Dvahtbericht.) Amtlich verlautet vom 30. Oktober, mittags:
östliche v Kriegsschauplatz.
Heeresfront des Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.
Bei O r s o v a nichts Neues. Südwestlich des S z u r - duk-Passes drängte der Feind Teile unserer Gefechts- truppen um einige Kilometer zurück. Südöstlich des Beres Toro»»er-(Röten-Turm-)Passcs erweiterten wir unsere Erfolge. Nördlich von Canipulong wurden rumänische Vorstöße abgeschlagen.
An der ungarischen O st g r e n z e 'ließ die Kampftätigkeit nach.
Heeresfront des Generalseldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.
Bei P u st o m y t» versuchten die Russen nach kurzem, aber heftigem Artillcricfeuer einen Masscnsturm. Ihre Kolonnen brachen teils vor, teils in unseren Hinderniffen zusammen. Ebenso scheiterte ein feindlicher Maffenstoß bei S z e l w o w.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Bei ungünstigen Sichtverhältnissen war gestern die feindliche Ecfechtstütigkeit im Küstenland geringer als a» den vorhergegangenen Tagen.
Südöstlicher Kriegsschauvlatz.
Bei unseren Truppen unverändert.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. Höfcr, Fcldmarschalleutnant.
Die militärische Lage.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 30. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das starke Artilleriefeuer wird täglich zwischen ältere und Somme fortgesetzt. Immer von neuem erproben Engländer und Franzosen die erzielte Wirkung ihrer Beschießung und senden ihre Fnfantcriemassen vor. Am 27., 28. und 29. Oktober griffen sie oftmals an, wurden aber jedesmal zurückgeschlagen und vermochten nur östlich von Verdun in bescheidenstem Maße etwas vorwärts zu kommen. Nachts flaute das Feuer ab. Östlich der M a a s arbeiten die Artillerien weiter sehr heftig. Schwere Geschütze beschießen das^rückwärtige Gelände, aber seit 27. Oktober haben die Franzosen ihre Jnfinterieangrifse nicht erneuert.
An der Ostfront hatten die am 28. und 29. Oktober von den Russen 35 Kilometer östlich von L u ck bei Szclwow eingesetzten heftigen Angriffe keinerlei Ergebnis, es sei denn der große Menschenweust. Weiter im Süden suchten die Russen wieder eimnal
durch Verlegung des Artillcriefeuers auf eigene Gräben ihre Infanterie zum Sturmangriff vorzutreiben. Auch dieses Gewaltmittel blieb ergebnislos.
Im siebenbürgischeu Osten hemmen Regen und Nebel die Kampfentwickelnng. Nur Patrouillen stießen vor und begegneten heftigem rumänischem Widerstand. Südöstlich des Roten-Turm- pastes haben schon am 28. Oktober hannoverische und mecklenburgische Jäger den Feind zurückgeworfen. Gestern wurde der Erfolg durch gründliche Säuberung des Geländes von rumänischen Abteilungen vervollständigt. In der Dobrudscha fechten die vorrückenden Truppen unter Mackensens Befehl vor allem gegen russische Kavallerie. An der Donau dauert das wechselseitige Kanonen- und Jnfanteriefeuer an.
Das mazedonische Kampfgebiet sah wieder lebhaftere Kämpfe. Der Feind griff gestern nnd in der vergangenen Nacht im Cernabogen erneut an, stellenweise kam es zu erbittertem Handgemenge, doch wurde der Angriff überall abgewiescn.
Vom italienischen Kriegsschauplatz wird tm Karst und zwischen Etsch- und S u g a u a t a l lebhaftere Artillerie- und Minenwerfertätigkeit gemeldet.
Die wirren in Griechenland.
Der Mißerfolg der venizeliftischen Bewegung.
Br. Haag, 30. Okt. (Eig. Drahtbericht zb.) „Daily Telegraph" meldet aus Athen vom Freitag: Die Nichtanerkennung der revolutionären Regierung von Saloniki Resultat der Boulogner Konferenz und die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen mit der Regierung im Athen werden dort allgemein als ein Sieg des Kwnigs Konst a n t i n, der Gunaristen und der Palostoligarchie dargestellt nnd als ein Dämpfer für die Bestrebungen der Anhänger de§ Benizelos. Das Hauptorgan der Royalisten schreibt: Veni- zelos vergißt, daß mit den drei demokratischen Mächten auch die absolute Monarchie Rußlands zuscmmengeht, die alles Interesse daran hat, daß die Sicherheit und Heiligkeit der Throne der Welt niemals in Gefahr gebracht wird. Und so lange die nronarchisch regierten Länder nicht,dazu schreiten, dir Throne ihres eigenen Landes zu stürzen,-so lange werden die König« dieser Länder auch niemals zugeben, daß man berx Thron ihres Bruders, des Königs von Griechenland, umwerfe. Der Mißerfolg der bemzeliftifchen Bewegung ii-ft auch die Hauptursache, daß es vom Offizierkorps her keinen neuen Zuzug erhält. Ein großer Teil der Bevölkerung Ari- griechenlands wünscht nicht den Kampf, und es liegt ihm wenig daran, was aus Mazedonien wird. Sie folgen dem König, weil dieser gegen den Krieg ist, und wenn der König in dieser Hinsicht seine Meinung verändert, so wären sie gegen den König.
Entlassung aller venizeliftischen Beamten.
Br. Genf, 30. Okt, (Eig. Drahtbericht, zb.) Nach.einer Meldung Lyoner Blätter aus Athen unterbreitete das Ministerium Lambros dem König einen Erlaß, nach dem alle Staatsdiener, die sich der venizeliftischen Bewegung ansehloffen, ihrer B e a m t e n st e l l u n g v e r l n st i g erklärt werden.
Ein venizelistischer Dampfer vernichtet.
Br. Haag. 30. Okt. (Eig. Drahibericht. zb.) „Daily News" meldet aus Athen: Ein deutsches Unterseeboot hat das Dampfschiff Angelski" versenkt, das 300 FrerwWae des Heeres des Verüzelos an Bord hatte; 30 Mann ertranken. Die Torpedierung erfolgte am Samstagabend r>m 9 Uhr, 71/2 Meilen außerhalb des Piräus. Das Schiff wurde auf den Strand gesetzt. Man befürchtet, daß die Zahl der Opfer größer als die-angegebene Zahl von BO sei.
Die weitere Zurückziehung der griechischen Truppen.
Eure Proklamation König Konstantins.
Br. Berlin, 30. Okt. (Eig. Drahtbc rieht zb.) Wie der ,L.-A." aus Lugano vom 30. Oktaler ber-chtct meldet der ,Corriore della Sera" aus Athen vom 28. Oktober:»König Konstantins Entscheidung, daß er einen Teil der Truppen von Thessalien und dem Epirus nach dem Peloponnes zurückziehen werde, werde der Nation durch Proklamation bekanntgegeben werden mit der Erklärung, daß es sich um einen persönlichen E n t s ch'luß des Königs handele, um seine aufrichtigen freundschaftlichen Absichten geqenül>er der Entente zu bezeugen.
Die amtliche französische Darstellung.
Br. Basel, 30: Okt. iEig. Drahtbericht, zb.) Die „Agence Havas" meldet' Um jedes Gefühl des Mißtrauens der Entente zu vermeiden, lieh der König spontan den Befehl erteilen, daß ein Teil der im Epirus und in Thessalien sintte- nierten Truppeneinbeiten, nämlich das -3. und das 4. Armeekorps und die 16. Division, nach dem Peloponnes verbracht wird. Die Befehle wurden gestern.erteilt. Djc*V.erjchieLuWM werden-am 3. November beginnen..
