r e- -> Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i- ^
Nr. 234. Sonntag, 29. Oktober. t916.
(10. Fortsetzung.)
wenn die Matter fallen.
Roman von Hans von Belgard.
(Nachdruck verboten.)
Ost grübelte ich darüber, welches ivohl der Grmld zu seiner Werbung gewesen, rmd allmählich kam mir das Verstehen.
Flüchtig hingeworfene Worte, satirische Urteile über Ehepaare, mit denen wir zusammentrafen, ließen mich die Gründe erraten, die ihn zur Ehe mit mir ge- stihrt.
Er war lange Jahrs der Liebling der großen und der Halbwelt gewesen, der umworbene Freier aller töchtergesegneten Familien, der beliebteste Causeur in den eleganten Salons schöner vornehmer Frauen, in den schwül dustenden Boudoirs der Halbwelt.
Er hatte das Leben genossen, skrupellos, in gierigen Zügen. Er hatte sein Lebenslicht an beiden Enden angebrannt, wie er einst mit sich selbst verspottender Ironie erzählte, da war die Kraft natürlich schneller verbraucht als wie bei normalenr Leben. Täglich hatte ihm sein Spiegel eine schlaffe Falte, einen müden Zug mehr gezeigt, täglich war der kahle, weiße Fleck in seinem blonden Haare größer geworden und täglich größer auch der Überdruß an dem tollen Leben, der Ekel an den seichten Vergnügungen.
Er faßte den Entschluß, zu heiraten.
Er war der Majoratserbe und mußte sorgen, daß die Erbfolge auch fernerhin gesichert blieb.
Leicht lächelnd hatte er seinen Entschluß im Klub verkündet, und war er schon stets eine begehrte Persönlichkeit gewesen, so konnte er sich letzt nicht mehr retten vor den Einladungen und Festen, vor zärtlich verheißenden Blicken, verständnisinnigem Entgegenkommen.
Er ober dachte nicht daran, sich eine Lebensgefährtin in den Kreisen seines bisherigen Verkehrs zu suchen.
Wie jemand, von Champagner übersättigt, schließlich nach einem reinen Trünke, nach klarem, kalten Wasser verlangt, so hatte sich in ihm der Gedanke festgesetzt. sich seine Frau aus einer von der Welt unberührten Einsamkeit zu holen.
Er entstammte einem alten, fast zu alten Geschlechts, das durch oft wiederholte Verwandtenherraten stark degeniert war. Daruin wollte er durch die Ehe init einer ganz jungen, frischen, gesunden Frau das träa gewordene Blut auffrischen, neue, gesunde Reiser sollten dem alten Stamme entsprießen.
Als er mich an meinem Einsegnunqstage gesehen, hatte sich bereits der Grdanke in ihm festgesetzt, daß ich die Frau sein sollte, dem alten, morschen Geschleckte neue Kraft und neues Leben zu bringen.
Nicht mit klaren Worten hat mein Mann es ausgesprochen, daß dieses der Grund zu seiner Werbung, aber es ward mir nicht schwer, aus vielen kleinen Einzelheiten seinen Entschluß zu erraten und zu verstehen.
Es war mir ordentlich wobltuend, zu wissen, daß auch ihn nicht Gründe heißer Liebe zn unserer Ehe ge- fiihrt. ich kam mir weniger schleckt und berechnend vor, und täglich wurden wir bessere Kameraden.
Wie ein Märchen aus Lausend und einer Nacht erschien mir die Zeit unserer Hochzeitsreise, die wir fast ein halbes Jahr ausdehnten.
Einen besseren, liebevolleren Führer durch die mir neue Welt, als wie mein Mann es war. hätte ich nie finden können. Wie herzlich freute er sich mit mir an all dem Neuen, Schönen, das sich mir erschloß.
Ich hatte ja noch nie das Meer gesehen, kannte den Süden nicht mit seinem berauschenden Dust, seinem farbenfreudigen Blühen.
Wie ich es liebte, das Mittelmeer, tvenn es in dunkler Bläue wie flutender Lapislazuli erstrahlte oder wie der lichte Glanz von Saphiren und Türkisen schimmerte. .
Wie ich es nicht fassen konnte, daß ich ihn tmrklrch erlebte, diesen Blütentrarrm des Südens.
Phantastische Eukalyptus, blühender Ginster, Oleander und Magnolien, Lorbeer und Myrthe dufteten unter der heißen Sonne. Dann wieder zauberten weiße Margueriten, goldige Ranunkeln brennend rot Geranien und tiefblaue Schwertlilien mir die Heimat vor.
Alles wuchs und wucherte, schlang und wirrte sich durcheinander, in Blütenschnee schien man gehüllt durch die Menge weißer Cistusrosen.
Orangenbäume, das dichte Laub von Friichten durchstrahlt, javanische Mispeln, wie Buchen so hoch mit frischem, lichten Blattwerk, schlanke Dattelpalme mit langen Trauben ihrer rötlichen Früchte unter dt schmalen, schwankenden Blattwedeln wuchsen empor a einer Wildnis scharlachroter Levkojen und weißer Ji
Strindenlang konnte ich auf dem Balkon träur umstrickt von violetten Blütenmassen rankender ' zinen, und hinabschauen auf das blütenbestickte § chen Erde mit seinen Myrthen, mit Geißblatt, v Rosen und Rosmarin in meterhohen Büschen, abe' den geringsten Schatten.
Ich gab mich voll kindlichem Entzücken a rauschenden glänzenden Vergnügungen bin, w die große Welt so reich, und von denen ich ü Waldeseinsamkeit nichts geahnt, ich lernte d kennen, die Jugend und Schönheit in der W ten, und ward bald eine Meiswrin des Flirt
Lächolnd schaute, mein Mann diesem tc lichen Treiben zu, lächelnd tröstete er milk unglücklich war, eine Hundertfrankennote Carlo verspielt zu haben, und ein gutmü Lächeln lag um seinen vornehmen Mund, jubelnd einen Gewinn zeigte.
Er, der gleichgiiltig Hände voll T noten verlor und gewann, er, der j Leben, an nichts mehr rechte Freude, ' wieder jung und genußfreudig mit mir
Dann kehrten wir heim nach S und so wenig Echtes, Bleibendes m Vergnügungen der großen Welt sein
