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Sonntag. 29. Oktober 1916.
Morgen-klusgabe.
Nr. 524. ♦ 64. Jahrgang.
Das zweite türkische Uriegsjahr.
(Von unserem militärischen Mitarbeiter.)
Zunr zw eiten Male jährt sich am 29. Oktober der Tag, an welchem sich vor 2 Jahren die Türkei an die Seite der Mittelmächte stellte.
Mährens in den Kriegsmonaten des ersten Jahres das osmanische Reich auf die Verteidigung angewiesen war und so Heldenhaftes dabei leistete, daß seinen Gegnern die Eroberung von Konstan- t i n o p e l auf dem See- und Landwege versperrt wurde, sah das zurückliegende die tapferen türkischen Truppen ebenso siegreich kämpfend in der A b w e h r an den Fronten, welche hierzu bestimmt waren, sowie inr Angriff au den Stellen, wo eine Entscheidung herbeigeführt werden sollte. Das Dard an eilenabenteuer unserer Gegner befand sich in den letz> ten Monaten des vorigen Jahres bereits in einem Zm stände erfolglosen Stillstandes. Me Versuche, mit den im September neu gelandeten Truppen die türkischen Verteidigungsstellungen auf der West- und Südfront von Gallipoli zu durchbrechen, scheiterten immer wieder. Während die englisch französische Heeresleitung sich im Widerstreit darüber befand, ob das Dardanellen unternehmen gänzlich aufgegebcil werden sollte, traf sie und ihre Landungstruppen der erste tödliche Streich der Türken am 18. und 19. Dezember vorigen frischem Angriffe wurden die englisch-französischen Landungstruppen auf der Westküste von Gallipoli zurückgedrückt und dazu gezwungen, sich mit den Teilen, welche nicht vernichtet wurden, fluchtartig auf die Schiffe zurückzuziehen. Schwere Einbuße an''Menschen und Material, noch größere an Ansehen bei den Völkern des Balkans und im Orient waren die Ergebnisse dieser peinlichen Niederlage für die Em tente. Kaum 3 Wochen später wurden auch die übri- gen Reste der englisch-französischen Landungstruppen von der S ü d s p i tz e der Halbinsel vom türkischen Boden vertrieben. Hiermit war das große Ziel unserer Feinde, der Marsch auf K o n st a n t i n o p e I, die Vereinigung mit Rußland auf dem Seewege und die L o s t r e n n u n g der Türkei von den ihr verbündeten Mittelmächte auf das kläglichste gescheitert.
Trotz dieses Mißgeschickes gaben unsere Gegner die Hoffnung auf die Niederringung der Türkei noch nicht auf. Was ihnen in 9 Monaten vor den Dardanellen zu Wasser und zu Lande nicht geglückt war, das versuchten sie zu Anfang des Jahres 1916 auf dem mesopotamischen Kriegsschauplatz. Nach anfänglichen Erfolgen am oberen Tigris glaubten die Engländer in wenigen Wochen in Bagdad einziehen zu können, um so ihre empfindliche Schlappe an den Dardanellen wieder wettzumachen. Dieses Unternehmen mißglückte genau so wie das frühere auf der Halbinsel Gallipoli. Hier wie dort waren die V o r- ,b e r e i t u n g e n derartig mangelhaft gewesen, daß die Truppenführer auf die Dauer keinen Erfolg erzielen konnten. Anfang November schritten die Türken zum erfolgreichen Gegenangriff, schlugen in den Gefechten vom 22. bis 26. November die englischen Truppen bei K t e s i p h o n und zwangen sie zuin Rückzug in südlicher Richtung. Bei der Tigrisfestung Kut-el-A:nara wurden die Engländer von den Türken eingeschlossen und trotz aller Ausfallsversuche der Festungsbesatzung sowie der zahlreichen Entsatz- Unternehmungen von Süden her am 30. April des Jahres zur Übergabe gezwungen. Der Sieg bei Kut-el-Amara war der zweite schwere Sch lag, welchen das englische Ansehen inr nahen Orient erlitt. Seit diesem Mißgeschick haben die Engländer keine größeren Unternehmungen versucht, um eine Vereinigung mit den Russen in Persien zu erreichen. Der wesopotamische Feldzug ist nach glücklicher Beendigung durch unseren türkischen Bundesgenossen vom Bewegungskrieg in einen Stellungskampf übergegangen. welchem gegenwärtig keine weitragende Bedeutung mehr zukommt.
Ebenso erfolgreich wie auf Gallipoli und in Mesopotamien kämpften unsere tapferen Verbündeten auf dem armenischen Kriegsschauplatz. Die Kampflage in diesem Gebiete wurde in dem abge- mufenen Jahre für unseren Verbündeten dadurch erschwert, daß dieser Landesteil arm an Wegen und Eisenbahnverbindungen ist, während die Russen in nächster Nähe ihrer Heimatverbindungen kämpften. Trotzdem
vermochten die Russen keine Erfolge von weitragender Bedeutung zu erzielen. Die Eroberung von T r a p e- * u n t und E r z e r u m im Februar d. I. waren ort- Nche Gewinne der Feinde, ohne daß hierdurch ihr Ziel, der Vormarsch auf Konstantinopel. greifbarer geworden wäre. Die türkischen Truppen halten westlich von Erzerum seit mehreren Monaten eine starke Verteidigungslinie. Auf ihrem rechten Flügel gelang es ihnen Ende Juli, Teile des nördlichen Persien zurück- Luerobern.
Im Hochsommer d. I. dehnte die Türkei ihren militärischen Wirkungskreis in nördlicher Richtung aus. Osmanische Truppen griffen auf der Ostfront m Galizien mit guten Erfolgen in die Kämpfe ein und trugen mit dazu bei, daß der Ansturm der Russen an der Front der Armee des Grafen Bothmer nirgends Boden gewinnen konnte. Als Rumänien in der hinterlistigsten Weise Ende August die Mittelmächte überfiel, erkannte die Türkei sofort die Notwendigkeit, eigene Truppenteile zu den befreundeten Heeren zwecks Niederkämpfung des neuen Feindes stoßen zu lassen. An den siegreichen Kämpfen in der -p-obrudscha nahmen diese hervorragenden Anteil. Auch an der S t r ü m a f r o n t sind nach neutralen Meldungen türkische Truppen festgestellt worden. Unsere Gegner können an der Tatsache, daß die Türkei in Galizien, rn Asien, auf dem Balkan und auf afrikanischem Boden vor dem Sueskanal mit gutem Erfolge fechtet, nicht achtlos vorübergehen. Wir aber dürfen irns des festen Bündnisses, das in zweijähriger Waffenbrüderschaft mit Blut und Eisen geschiniedet ivurde, freuen und unsere tapferen türkischen Verbündeten wissen ihrerseits, daß sie mit ihrem Vertrauen auf Deutschlands unbesiegbare 5kraft nicht getäuscht worden sind in der Stunde der Entscheidung über Sein oder Nichtsein ihres Staates.
Die Siegesfreude in der Türkei.
W. T.-B. Konstantinopel, 28. Oft. (Drahtbericht.) Die Blätter geben fortgesetzt ihrer Freude über den Sieg in der Dobrudscha und ihren: Stolze über die glänzende Haltung der türkischen Trappen Ausdruck. „Tasvir-i-Efkiar" sagt: Es war den Türken Vorbehalten, daß sie selbst für P lew na Rache nahmen. — „Le Soi" schreibt: Die Ortsnamen in der Dobrudscha und Tatarei rufen Erinnerungen wach an den am weitesten zurückliegenden Abschnitt in der Geschichte der Türkei. Zu der Zeit, als die ersten Grundlagen der Türkei gelegt wurden, lag ein anderer Zweig der türkischen Familie, die seltschuckischen Turkmenen, in der Dobrudscha, Von hier gingen viel früher, als die osmanischen Türken daran dachten, die ersten Pläne der Türkei zur Eroberung Konstantinopels aus. Das Blatt stellt bei dieser Gelegenheit fest, daß die Türkei noch nie eine so große Armee wie heute ausgestellt habe und daß ihre Lage niemals besser gewesen sei. Dieses Ergebnis sei der Umsicht und Weisheit der gegenwärtigen Regierung zu danken.
Der türkische Minister des Äußern voll Bewunderung für Deutschland.
In einer der „Neuen Freien Presse" zur Verfügung gestellten Unterredung mit einem Vertreter der Associated Preß sagte der Minister Halil-Bei: W i r st e h e n u n d fallen mit den Mittel in ächten, und gegenwärtig liegt kein Anzeichen vor, daß irgendein Mitglied unserer Gruppe fallen wird, sc lange wir Deutschland an der Spitze der Vereinigung haben. Die Deutschen, können nicht geschlagen werden, da sie mit ihrem Sieg es willen eine ungewöhnliche Organisationsgabe vereinigen. Der deutsche Siegeswille und die deutsche Organisation sind für die Türkei durchaus Bürgschaften des Erfolges und Sieges. Ein Volk von 70 Millionen, das solchen Sieges- willen hat, ist unbesiegbar. Niemals in der Geschichte der Menschheit hat ein anderes Volk solche Vereinigung von wertvollen Eigenschaften aufzilwersen gehabt wie das deutsche Volk, und deshalb betrachten wir Türken es als gewiß, daß' der Ausgang des Krieges füc unser Land günstig sein wird. Bei meiner Reise nach Deutschland konnte ich mich von der Lage dort überzeugen. Obwohl man den Krieg natürlich spürt, begegnet man seinen Wirkungen in so systematischer Weise, daß der Beobachter verblüfft ist! über diese Organisation, welche im Hinterland alle Wunden am Staats, körper heilt. Es ist geradezu etwas Unheimliches um diese Organisation, die sich geräuschlos auf kürzestem Wege dem Ziele mit Sicherheit za bewegt, die einen förmlich bannt. Solcher Organismus hat nicht bloß die Intelligenz hinter sich. Er muß auch den Willen eines Volkes zur Grundlage und b e i ß e st e n Patriotismus zur bewegenden Kraft haben. Nur so kann man sich erklären, daß sich die Deutschen fähig zeigten, jedem vom Kriege geschaffenen Problem mit Erfolg zu begegnen, Halil-Bei sprach sodann über die Organisationsarbeit in der.Türkei, zu der, wo angängig, auch Deutsche zugezogen würden und die stetig verbessert werde. Die Erfahrung, die Rumänien jetzt mache, sei für die ganze Welt wertvoll, denn sie zeige, daß die Mittelmächte noch immer militärisch kräftig und in der Lage seien, trotz der im Westen und Osten gegen sie unternommenen Offensiven große Kräfte gegen neue Feinde zu verwenden. Halil-Bei schloß mit den Worten: Wir Türken sind mit den Mittelmächten eins in der Entschlossenheit, unsere nationale Unversehrtheit zu verteidigen.
Spende eines österreichischen Erzherzogs für die türkischen Truppen.
Den fern von ihrer Heimat kämpfenden osmanischen Truppen überwies Erzherzog Franz Salvator in seiner Eigenschaft als Generalinspekte ir der österreichisch-ungarischen freiwilligen Sanitätspflege den Betrag von 15 0 0 0 0
rouea.
Bei Dorna watra Einbruch in die russischen Stellungen.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 28. Okt. (Drahtbsricht.) Amtlich verlautet vom 28. Oktober, mittags:
Östlicher Kriegsschauplatz.
Heeresfront des Generals der UavaNerie Erzherzog Uarl.
Die Kämpfe südlich des S Z it r b u k und des Voeres ?"rmly (R o t e n - T u r m p a s s e s) dauern au. Südöstlich von P r e d e a l warfen österreichisch-ungarische und deutsche Truppen den Feind aus stark verschanzten Hohenstellungen in das Paraznca-Ta! binab. An der ungarischen Ostgrenze wurden rrlmänische Gegenstöße abgeschlagen.
Östlich von Dorna Watra brachen wir auf vier Kilometer Frontbreitc in die russischen Stellungen ein. Der Fernd ließ 8 Offiziere, 514 Mann und 2 Maschinengewehre rn unserer Hand. Seine Versuche, die ihm entrissenen Höhen zurückzuqewinnen, blieben ohne Erfolg.
Heeresfront der Eeneralfeldmarschalls Prinz Leopold von Bayern.
„ Bei der Armee des Generalobersten Tersztyanski starker Geschutzkampf. Em veremzelter russischer Borstoß bet Z a t u r c y wurde unter Feindverl,»stcn a b - geschlagen.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Am Südflügel der küst e n län d isch en Front dauern dre Artillerie- und Mtnenwerferkämpfe fort. Feindliche Infanterie, die entlang der Straße von Oppacchmsella vorging, wurde durch unser Feuer rasch I “ L £ stezwungt n. In Tirol nimmt das feindliche Geschutzfeuer stellenweise an Heftigkeit zu.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Bei unseren Truppen nichts Neues.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö,f e r, Feldmarschalleutnant.
Ereignisse zur §ee.
Der Vorstoß unserer Torpedoboote in den Ärmelkanal.
W. T.-B. Wien. 28. Oft. (Drahtbericht.) Zu dem Vor- stoß iui Irmclk anal schreibt die „Neue Fr. Pr.": Zum erstenmal gelingt cs Überfeestreitkräften, die keine Verkleidung haben und nicht im Dunkeln der Meerestiese sich den Blicksn entziehen, zwei englische Linien zu passieren,, und bis an die schmälste Stelle vorzurücken, die England und Frankreich trennt. Der Name Commcdore Michelsen wurde wieder einer, den man im Gedächtnis behalten und der neben Wedd-gen und anderen Helden als Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Mittelmächte gelte» wird. Deutsche Torpedoboote vor feindlichen Häfen! Da» britische Selbstbewußtsein wird durch solche Tatsachen empfindlich getroffen.
Der Schrecken in London.
W. T.-B. London, 28. Okt. (Drahtbericht.) Der Marinemitarbeiter der „Times" verlangt nach dem Vorstoß derdeutschen Torpedoboote in der Nacht von Donnerstag aus Freitag/' daß die Minenfelder so dicht wie möglich bis an die Aus- gänge von Zeebrügge und Ostende ausgedehnt werden.
Verheerende Wirksamkeit der deutschen U-Boote an der amerikanischen Küste.
Nr. Zürich, 28. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) In den nächsten Tagen sind, wie die „Stampa" aus London vernimmt, neue Nachrichten über Schiffsversenkungcu durch deutsche Unterseeboote aus Amerika zu erwarten. Aus den in London eingetcoffenen Listen der versenkten Schiffe geht hervor, daß die Wirksamkeit der angeblich sestgestellten d r*e i Unterseeboote geradezu verheerend ist. Auf der letzten Liste figurieren außer einigen norwegischen Dampfern, die Bannware an Bord führten, drei englische Schiffe von durchschnittlich 3500 Tonnen.
Eine amerikanische Feststellung hinsichtlich des U-Bootes „53".
Nr. Haag, 28. Okt. (Eig Drahtbericht, zb.) „Mocnrng Post" meldet aus New Dort: Die Berichte der Kapitäne der amerikanischen Torpedojäge^ über die Operationen von „U 53" an der Küste von Nantucket enthalten die wichtige Tatsache, daß das Unterseeboot, bevor es Schisse zum Sinken brachte, seine Behälter mit Ll aus den aufge- griffcnen Dampfern füllte. Die Behörden legen auf diese Tatsache den größten Wert, weil sie beweist, daß keine Basis an der amerikani-fc-dj en Küsptz für
