" i Morgen-Seilage der Wiesbadener Tagblattr. > --
ttr. 253. Samstag. 28. Oktober. 1916 .
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(0. Fortsetzung.)
wenn die Mütter faNen.
Roman von HanS von Belgard.
(Nachdruck verboten.)
Was wollte der Graf Bergen von mir, der mich ja gar nicht kannte, dem ich so fremd war wie er mir?
Sein Reichtum, der Luxus eines Lebens mit ihm lockten mich nicht; wie sollte ich mir etwas wünschen, bas ich niemals gekannt; man entbehrt doch nur, was man besessen.
Ich entbehrte und ersehnte nur eins: ein Lebenszeichen, einen Gruß von dem Manne, dessen Liebe und Vertrauen ich besessen, ein einziges liebes, tröstendes und ermutigendes Wort von dir, Werner.
Und besaß ich denn in dem Bewußtsein unserer Liebe nicht einen Schah, über den weder Welt noch Schicksal Macht besaß? Nein, nein, ich wollte den Grafen nicht, ich konnte ihm nicht folgen auf sein stolzes Schloß, in seine Welt voll Glanz und rauschender Feste.
Daheim wollte ich bleiben, in den Räumen, da jeder Winkel, jeder Gegenstand von dem seligen Einst erzählte, den Wald konnte ich nicht verlassen, wo jeder Baum, jede Duelle mir die Träume glücklicher Zeiten rauschten.
In tiefem Sinnen, aber fest entschlossen, die Werbung zurückzuweisen, betrat ich das Wohnzimmer, in dem Tante Mie und Waltraut mich mit Ungeduld'erwarteten.
Wie sie mich plötzlich anheimelte, die alte Stube mit den verblichenen Möbeln aus Urvaters Hausrat, wie es mich durchzuckte, daß es nirgends wieder ein Plätzchen geben könnte von so traulichem Frieden und schlichter Behaglichkeit, als wie es der alte Lehnstuhl bot in dem großen Fenster mit der Aussicht auf den Gemüsegarten.
Wie fast immer, saß Tante Mie auch jetzt wieder halb verloren in dem mächtigen Stuhle, mißtrauisch schauten ihre hellen Augen. mit dem jungen Leuchten immer wieder hinaus, oh die frechen Spatzen ihr auch nicht über ihre Gemüsebeete kämeii. Zornig sprang sie dann wohl auf klatschte in die Hände und rief: „Fort, fort, wollt ihr wohl!" und lange noch grollte sic dann vor sich hin, eine geraume Zeit noch hörte man dann ;hr murmelndes Schelten: „Ach Göttchen, ach Göttchen, wich freches Pack, das ist kein billiges Vergnügen, wenn dre mir in die Zuckererbsen kommen."
, Augenscheinlich hatte sie soeben wieder einen Kampf mit diesen ihren Todfeinden gehabt, denn ihre Lippen murmelten noch leise und unverständlich, und in den Augen war ejn feindliches Blitzen, während Waltraut, leise und gutmütig lächelnd, über ihren Flickkorb ge- beugt, dem zornigen Grollen lauschte.
Kaum hatte "sich die Türe hinter inir geschlossen, sprang Tante Mie empor in solch rugendlicher Hast, als wären die frechen Spatzen nun gar ins Zimmer iiber - die Goldlack- und Hyazinthentövfe geraten, und ehe ich ein Wort sprechen konnte, hatte sie mich fest mit beiden Armen umschlungen, ihre Küsse rieselten Über mich hm, und innner wieder rief sie. ganz außer Atem vor Erregung und von der schnellen Bewegung: „Ach Gott-
chen, ach Göttchen, mein lütt Dirning, mein lütt Erika- chen, du sollst Gräfin werden. Ach Göttchen, diese Freude, diese Ehre."
Ich versuchte mich frei zu machen, wollte sprechen, erklären, daß sie int Irrtum, daß ich niemals Gräfin sein würde, doch ich war ganz benoimnen von den stürmischen Zärtlichkeiten, una nur verschwommen hörte ich die Worte Waltrauts, die mit strahlendem Lächeln rief: „Wie herrlich, Erika, nun ist das erhoffte Wunder doch gekommen, wir sind frei von der Sorge, der Angst um Hans Magnus."
Ich wollte Fragen stellen, wollte wissen, was Hans Magnus'Sache mit der Werbung desGrafen zu tun habe — energisch befreite ich mich nun doch von Tante Mie.
Aber schon war ich von neuen: von warmen Armen umstrickt, und Waltrauts Stimme klang sonderbar- feierlich und ernst an mein Ohr: „Welch wunderbare, gnädige Fügung. Du wirst nun reich irnd kairnst an Hans Magnus sühnen, was der wüste Werner an ihm verschuldet."
Ein sonderbares Empfinden überrieselte mich bei diesen Worten, in jenem Augenblick ward ich eine andere.
Versunken schien mit einem Schlage das blühende Land meiner Jugend, verflogen die Träume von Glück, das Sehnen und Hoffen langer Tage, banger Nächte.
Ich war kein Kind mehr, kein hoffnüngsseliges junges Mädchen, ich war zum Weibe geworden, zu einem reifen Menschen, der auf eigenes Glück verzichtet, der sich selbst zum Opfer bringt. _
Ich mußte den schweren Schritt tun, ich mußte sühnen, .was deine Schuld in meines Bruders Leben verursacht.
Du lächelst, unbegreiflich erscheint dir mein Handeln.
Wie solltest du aber auch ein Verständnis haben für das Seelenleben, für das reine Deitken und Fühlen eines ganz jtmgctt Mädchens. Verstehe ich mich doch heute selbst nicht mehr, nachdem das Leben über mich dahingegangen, nachdem ich so oft wirklicher Schuld gegenüber gestanden, nachdem mein ganzes Empfinden so anders geworden ist.
Heute ist es auch mir unbegreiflich, dieses wunderbare Gefühl von heiligem Ernst und glückseligem Opfer« mut, das ich empfand, als ich dem Grafen mein Jawort gab..
Mit keinem Gedanken weilte ich bei seinem Reichtum, seinem Grafentitel, nur das Entpfinden des Sühtreopfers war in mir.
So fest war ich überzeugt, das Rechte zti tun, daß auch meines Vaters angstvoll beschwörende Frager „Weißt du aber auch, was du tust, mein Kind, bist du dir der Größe jener Stunde bewußt, da zweier Menschen Leben zu einem wird?" kein Schwanken in miv wachrief.
Mir war dieser Schritt zur innerett Notwendigkeit geworden, da kümmerte mich nichts anderes mehr,
