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Nr. 252.

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr.

Sreitag, 27. Oktober, 19*6.

[(8, Fortsetzung.)

wenn die Mütter fallen.

Roman von HanS von Bclgarb.

Machdruck verboten.)

Wie ein wilder Vogel erschien mir da plötzlich das Glück, so leicht war es davongeflattert.

Lange saß ich dann an dem großen Weiher inmitten der Waldwiese, über den die Weiden dichte grüne Schleier hingen; ich fand keine Tränen, nur ein Weinen nach innen, das der Seele so bitter wehe tut.

Doch trotz der bitteren Qual der Enttäuschung fand ich jeden Tag den Weg zur Eiche, immer wieder hoffend nnd immer von neuem den wilden Schmerz vergeb­lichen Sehnens erfahrend. Wohl dachte ich daran, den alten Johann zu fragen, ob wiicklich kein Schreiben für mich an ihn gelangt, aber eine heilige Scheu schloß mir die Lippen.

Ich konnte nicht sprechen von dem, was mein Herz zerriß, meine Seele bis in die tiefsten Tiefen erbeben machte nicht über die Lippen wollte mir der Name meines geheimen Glückes, meiner heißen Sehnsucht.

Immer wieder verschob ich es; ich war ja nicht mehr das Kind, das der Mte in feinen Armen gehalten, ich hatte die Brücke überschritten, die hinüber führt von der Kindheit in das stürmische Frühlingsblühen der Jugend.

Und dann war es zu spät/

Der alte Johann hatte Oldenshöhe verlassen, um zu seinem verheirateten Sohne in die Stadt zu ziehen; er war gegangen, ohne mir Lebewohl zu sagen.

Wie ich die Tage damals ertragen habe, weiß ich noch heute nicht.

Das wilde Weh, die heiße Sehnsucht und nieniand, an dessen Herzen ich mich ausweinen konnte.

Oft spielte ich mit dem Gedanken an den Tod, aber eben ein Spielen war es nur, denn um ernstlich an ihn zu denken, dazu war ich doch wohl noch zu jung, zu un­verbraucht, und in mir war noch die wilde, zähe, unver­ständliche Kraft, mit der ein junges Leben sich an die Erde krampst.

Und dann war es gerade Frühling aus Erden, der junge Lenz flog auf goldenen Sonnenstrahlen durch die Lande, und überall jubelte es aus zirpenden Vogel­kehlen.

Nie schien das Frühjahr so reich an Blumen, an süßen Vogellauten.

Wenn ich, die Arme voll Veilchen und Maiglöckchen, den Wald durchstreifte, auf dessen moosigem Boden es sich so leicht, so federnd wanderte, dann überkam mich oft ein trunkenes Gefühl, geboren aus blühendster Jugend, Blumenduft und Frühlingszauber. Da ver­gaß ich dann Wohl zuweilen das bittere Leid meiner Liebe.

Dann wieder kamen dunkle Stunden, von denen ich glaubte, sie müßten das Lachen für immer aus meinem Leben nehmen, da mir das Dasein ein dunkles, irres Rätsel schien.

Und zu dem tiefen Schmerz um mein verlorenes Glück kam bald ein neues, scharfes Weh.

Böse Zeiten waren über unser trauliches Heim ge­kommen. verstört, kein lautes Wort wagend, gingen wir alle im Hause umher.

Hans Magnus war für ein Vierteljahr beurlaubt, und wir alle wußten, daß dieses der Anfang vom Ende, daß er seinen Abschied nehmen mußte.

Denn wer sollte und konnte die hohen Summen be­zahlen, die der unglückliche Junge in sträflichem Leicht- sinn schuldig geworden?

Wenn auch unser Vater, nachdem sein erster, furcht­barer Zorn vorüber, gern seine wenigen Ersparnisse geopfert, die er seinem knappen Einkommen in langen Jahren abgerungen, was waren sie gegenüber den großen Schulden ein Tropfen nur im Meere der vielen Verbindlichkeiten.

Auch Tante Mie durchsuchte tränenden Auges die alte Pappschachtel, in der sie Mark für Mark gesammelt, um einst ein anständiges Begräbnis zu haben.

Immer pflegte sie zu sagen:Alles, was recht ist, Kinoerchens, ein Begräbnis ist kein billiges Vergnügen, und anständig will ich unter die Erde kommen, das bin ich schon meinem alten Namen schuldig. Aber keine Ruhe fände ich im Grabe, wenn ihr dadurch Kosten hättet nein, arm aber anständig. Im Leben habe ich nichts für mich ausgegeben, aber meinen Tod lasse ich mir etwas kosten."

Die gute Tante Mie! Sie war dennoch bereit, ihr Geld zu opfern, denn die Lebenden gingen vor den Toten-aber umsonst ihr guter Wille.

Auch Waltraut und ich brachten unsere Spar­pfennige, aber alle Liebe, aller gute Wille und Opfer- stnn brachten doch nur ein Drittel der schuldigen Summe zusammen.

Es war eine furchtbare Zeit, Werner.

Mein Bruder, der mir ja immer der Liebste unter meinen Geschwistern gewesen, mein Spielkamerad seit frühesten Kinde czeiten, er tat mir so grenzenlos leid, wenn er, der einst so frische, lustige Bursche, scheu und gedrückt im Hause herum schlich, kaum jemals ein Wort sprechend.

Nur wenn Tante Mie und Waltraut dich mit Vor­würfen überhäuften, dich seinen Verführer wie über­haupt das Unglück unserer aller Leben nannte, dann, Werner, dann ermannte sich Hans Magnus.

Mit leidenschaftlichen Worten, mit warmer Bered­samkeit verteidigte er dich, seinen Freund; kein Tadel sollte dich treffen, nicht du, nur er war der einzig Schuldige. ,

Trüber und hoffnungsloser ward jeder Tag, ein Wunder mußte kommen, um uns in unserer Not zu helfen, und Wunder geschehen so selten.

Da fuhr eines Tages Graf Günther Bergen bei uns vor. Er tat dieses häufig, und die herrlichen Vierer­züge waren mir kein ungewohnter Anblick mehr wie einst an meinem Einseqnungstage; man gewöhnt sich ja an alles im Leben, und am leichtesten wohl an den Anblick von Luxus, an schöne Equipagen und galoniert«, glattrasierte Diener.

Auch an den Besuch des Grafen hatten wir uns wöhnt, er plauderte fast täglich mit unk in seiner sich stets gleich bleidenden ruhig-vornehmen Art, nnd so