Der Roman.
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblaits. @
Nr. 249.
vienrlag» 24. Oktober.
l9lS.
(8. Fortsetzung.)
wenn die Mütter fallen.
Roman von Han» von Belgarb.
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sNachdruck verbot««.) }
„Darauf rechne nicht", hart wie Eisen klang ledes Wort des Vaters, „niemals werde ich meine Meinung lindern, übrigens zeigst du dich in deinen Plänen ja als recht liebevoller Sohn, der es nicht abwarten kann, feie Autorität der Eltern abzuschütteln. Doch sei versichert, ich gebe dir mein Wort darauf, und du weißt, , Mein Wort gilt wie ein Schwur; in dem Augenblick, j Da du gegen meinen Willen handelst und deinem Künstlertraum nachjagst, in dem Augenblick bist du für uns gestorben, hast du Eltern und Heimat für immer der- loren. Dieses diene dir zur Warnung für später. Heute .handelt es sich ja nicht um deinen Beruf, sondern um 'deine Liebesgeschichte mit der kleinen Erika, und da du vorläufig noch unter meinem Willen stehst, so werde ich die Sache in Ordnung bringen, ftiir euch ist es das Beste, ihr seht euch längere Zeit nicht wieder, und da dein Urlaub in wenigen Tagen zu Ende, läßt es sich ja leicht durchführen. Unangenehme Sachen erledigt man am besten sofort, und so werde ich Malten sogleich aufsuckxm", damit verließ der alte Freiherr hart und in stolzer aufrechter Haltung seinen Sohn.
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Sie sahen sich aber dennoch, die beiden jungen Menschen.
Zwar war der Oberförster genau so empört wie der alte Baron über die unvernünftigen Kinder, und sein Zorn entlud sich schwer über dem Haupte der guten Tante Mie, die ihren Schützling so schlecht gehütet.
Wenn diese nun auch schweigend ihres Bruders Vorwürfe ertrug, so war sie doch viel zu schwach den Tränen und schmeichelnden Bitten ihres Lieblings Erika gegenüber — auch dünkte es sie wundervoll romantisch, der Schutzengel des jrmgen Liebesglückes zu sein — und so verniittelte sie immer wieder ein Zusammentreffen der jungen Liebenden, nicht nur jetzt, sondern auch die folgenden Jahre, wenn Werner einmal einige Tage zu Hause verlebte, was immer seltener und immer ungemütlicher ward.
Trübe Wolken zogen sich über den beiden befreundeten .Häusern zusammen.
Es schien, als wäre über den gutmütigen, soliden Werner ein böser Geist gekommen, eine grenzenlose Verschwendungssucht, ein sich Betäuben-wollen durch Spiel und Trunk.
In der Provinzialhauptstadt ward er eine bekannte Persönlichkeit, und mit ihm der junge Jägerleutnant «Hans Magnus von Malten, der, immer schon sehr Gunter Werners Einfluß stehend, diesem willenlos in Den Pfuhl der Ausschweifungen folgte.
Vergeblich versuchten die Vater durch Strenge und Frau Marie-Luise mit Bitten und Tränen die leichtsinnigen Freunde zur Umkehr zu bewegen.
Unter dem wohltätigen Einfluß der Heimat gelobte Hans Magnus zwar immer wieder Besserung und versprach reuevoll, Werner und die wüsten Zerstreun- gen zu meiden.
Aber kaum zurückgekehrt in die Garnison, verfiel er wieder den alten Versuchungen und folgte dem schlechten Beispiel seines Freundes, der kühl und lächelnd erklärte, als Soldat sich nicht ändern zu wollen, sondern nur, wenn er seinen Abschied nehmen und sich der Kunst widmen dürfe, ein besseres, solideres Leben zu beginnen.
Doch auch der alte Freiherr bestand auf seinen« Willen. Immer wieder bezahlte er die Schulden seines leichtsinnigen Sohnes, selbst als noch eine neue Hypothek auf das schon stark belastete Gut aufgenoinmen werden mußte.
Er sowie Marie-Luise wollten die Hoffnung nicht aufgeben, daß ihr eigentlich so gut und ernst beanlagter Jüngster doch eines Tages zur besseren Einsicht kommen, daß rhm das wüste Leben zum Ekel werden müsse und sie dann die schweren Opfer doch nicht vergeblich gebracht.
Und mit ihnen hoffte und bangte Claus um den Bruder. In rührender Uncigennützigkeit schränkte er sich auf das äußerste ein, immer wieder versuchend, durch seine so offen gezeigte herzliche Liebe etwas Einfluß auf Werner zu erlangen, doch stets vergeblich.
Der einzige Mensch, dem gegenüber sein Bruder der Werner von einstmals geblieben, war Erika.
War er mit ihr zusammen, da erwachte dann wohl alles, was gut und edel in ihm, und oftmals bereute er unter heißen Tränen seinen wüsten Lebensivandel.
Ihr gegenüber sprach er ernst und dock hoffnungsvoll von der Zukunft, und sie glaubte an ihn, glaubte ohne Zweifeln und Mißtrauen auch dann noch, als er an seinem einundzwanzigste!: Geburtstage aus seiner Garnison verschwunden, nachdem er ein halbes Jahr Urlaub genommen und seinen endgültigen Abschied erbeten, um sich fernerhin nur der Kunst zu widmen.
Von diesem Augenblick an war er tot für seine Air- gehörigen, und Tante Mie rang verzweifelt die Hände über den ungeratenen Menschen, der ihren Liebling unglücklich gemacht, und unter bitteren Tränen und Selbstvorwürfen bereute sie. gegen den Willen ihres Bruders gehandelt zu haben.
Aber Erika verlor nicht ihren Glauben, ihr festes, Vertrauen, sie lauschte der alten ewigen Sehnsuchtsweise in ihrem .Herzen und träumte wie alle da- Märchen vom Glück.
Sie gedachte ihres letzten Beisammenseins, da alles Lebens Tiefstes, Süßestes, Wehestes und Heiligstes sie beide durchschauert. Wie treu und fest er ihr in die Augen geschaut, als er ihre beiden Hände warm in den seinen gehalten, und wie ernst, gleich einem Schwur, er zu ihr gesprochen: „Ich sage dir jetzt auf lange Zeit lebewohl, meine Erika, rnein süßes Lieb. Hab Dank für deine Lieb und Treu und daß du an mich geglaubt und zu mir gehalten trotz allem. Behalte mich fernen lieb und glaube auch weiterhin an mich. Wenn dis ganze Welt, wenn alle, alle mich schmähen und verdammen, wenn sie mich ausstoßen aus ihrem Kreise» du darfst dich nicht zu ihnen gesellen, dir gehörst zu mit?
