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Morgen-Vellage der Vierbadener Tagblattr. ^

Nr. 248. Sonntag, 22. Oktober. 1916.

s4. Kortsetzun»)

wenn die Mütter fallen.

Roman von HanS von Belgard.

(Nachdruck v«rbot«n.1

Und sie standen regungslos und schauten einander In die Augen, und wußten nicht, wie ihnen geschah.

AlS hätten ste Brangänes Liebestrank geschlürft, so zauberhaft ward ihnen zu Sinne.

Das Bächlein rauschte, der Flieder duftete süß und schwül, die Nachtigall schluchzte ihr uraltes und doch 'ewig junges Liebeslied und der holde Abendstern schaute lächelnd nieder auf das junge Menschenpaar, an dem sich das große, holde Wunder vollzog, des Lebens köstlichstes Geschenk, die reine Liebe zwischen Mann und Weib.

Dann lag Werner Plötzlich zu Erikas Füßen, ab­wechselnd ihre beiden Hände an die Lippen ziehend und fast schluchzend stammelte er immer und immer wieder: Erika, mein Lieb, mein Heideprinzeßchen, meine süße, kleine Braut."

Lange noch saßen sie dann zusammen in der Abend­stunde dieses milden Frühlingstages mit seinen weichen, blauen Schatten und schwerem Blütengeruch.

Vom fernen Dachfirst klang der letzte süße Lockruf der Amsel, und immer wieder tönte aus dem Gebüsch von blühendem Flieder und Goldregen der langge­zogene Gesang der Nachtigall, weich und betörend.

Ihr Köpfchen ruhte an seiner Schulter, und ihre kleine, warme Hand lag behutsam in der seinen, so leicht und liebkosend wie ein Blumenblatt.

Heilige, siiße Gefühle durchglübten sie so war der Frühling noch niemals in ihrem Leben, so blühend und selig.

Wie ein Blütenregen des Glücks überströmte sie ein seliges, sehnsuchtsschweres Gefühl, und immer wieder fanden sich ihre jungen, frischen Lipven zu weichem, keuschem Liebeskuß.

Wie so ganz anders lvaren doch diese Küsse als jene, die der stürmische Junge einstmals dem Kinde geraubt und plötzlich lacht? Werner hell auf, und zärtlich über die seidenen Haare seiner kindlichen Braut streichelnd, sagte er neckend:Weißt du noch,

Herzlieb, wie ich dich an meinem Einsegnungstage so täppisch umhalste?'

Auch über Erikas weiches Gesicht flog 'ein leichtes träumerisches Lächeln, doch in ihrer Stimme lag viel ernstes Sinnen, als sie erwiderte:Wie magst du nur so fragen, als ob inan das wohl jemals vergessen kann. Mer eigentlich sind wir beide doch recht schlechte Menschen. Anstatt an solch ernsten Tagen, an denen man die Grenze der Kindheit überschreitet und in ein neues Leben mit eigener Verantwortung und ernsten Pflichten tritt, anstatt da recht gewissenhaft innere Ein­kehr zu halten, küssen wir uns und sprechen non Liebe."

Doch Werner lacht hell aus, und der Jubel eines jungen, ganz jungen Menschenherzens, das vom Leben noch nichts weiß, liegt in seiner Stimme, ,lls er be­ruhigend sagt:Unsinn, Lieb, was grübelst du denn nur. Wir haben ja doch gerade ernsthaft innere Ein­kehr gehalten, und da haben wir eben gefunden, daß unsere Kinderliebe über uns hinausgewachsen ist und so groß und mächtig geworden, daß ein ganzes langes

gemeinsames Leben dazu gehört, um all das Köstliche und Wunderbare solch großer, herrlicher Liebe zu ge­nießen. Und heißt es denn nicht schon in der Bibel: Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, doch di? Liebe ist die größte unter ihnen. Und diese Liebe haben wir, ste ist einSchatz, über den wederWelt nochSchicksalMacht haben."

Dann, sie noch einmal heiß in die Arme schließend, flüstert er, während ein Leuchten in seinen Angen strahlt, als grüßten sich Sehnsucht und Erfüllung: Komm nun, Liebling, und zage nicht. Glauben an den Erfolg, Glauben an das Glück ist schon Erfolg und Glück selbst. Und morgen sagen wir es meinen Eltern und deinem Vater und Tante Mie ach Gött­chen werden die aber Augen machen."

Er hatte recht, ihre Angehörigen machten Augen, aber in ganz anderer Art, als das glückstrahlende Kinderbrautpaar erhofft und erwartet.

Der alte Olden vergaß sogar vollständig, daß sein Sohn doch immerhin schon die Offiziersepauletten trug, und überschüttete ihn mit Vorwürfen und Scheltworten tvie einen dummen Jungen.

Schweigend, mit fest zusammengebisienen Zähnen ertrug Werner die zornigen Schmähungen seines Vaters, doch als dieser in seiner Heftigkeit rief:Und ein so junges, unerfahrenes Ding in Liebesgeschichten zu verwickeln, wenn man genau weiß, daß man sie nie heiraten kann, das nenne ich einfach ehrlos", da zog eine tödliche Blässe über sein junges, vornehmes Ge­sicht und seine Hand umkrampfte den Pallasch so fest, daß er leise klirrte, nnd seine Stimme war heiser und fast unverständlich, als er murmelte:Vater, gehe nicht zu weit." 0

Fast erschrocken schaute der alte Baron da auf seinen Sohn, in dem er nun plötzlich nicht nur sein Kind, son­dern den Offizier, den Kameraden in des Königs Rock sah, und etwas wie Verlegenheit war über ihm, als er wie entschuldigend sprach:Nun ja, vielleicht ist der Ausdruckehrlos" falsch gewählt, vielleicht zu hart, doch mindestens unbedacht muß ich dich nennen. Denn sprich selbst, wovon, woraufhin gedenkst du Erika je­mals zu heiraten? D» weißt ja, daß Malten seinen Kindern keinen roten Heller geben kann, und ebenso, daß ich kein reicher Mann, daß es mir wahrlich schwer genug wird, dir und Claus eure doch nur kleinen Zu­lagen zu geben, und nach meinem Tode, ja, da wirst du dich eben durchschlagen müssen, laut Oldenscher -Tradition bekommt Claus das Gut, du aber"

Vater, das weih ich ja alles", hat Werner ihn da unterbrocl)en. Rauh und gepreßt klang seine Stimme, und hastig, wie um seiner furchtbaren Erregung Herr zu werden, begann er auf- und abzugehen.

Ein schwerer Kanrpf tobte in ihin nnd malte sich deut­lich auf seinen noch knabenhaft weichen Zügen.

Doch mußte es sein, galt es doch nicht mehr allein sein Leben und seine Zukunft, fonderri er kämpfte für sein Liebstes auf der Welt. So sprach er denn, als er etwas ruhiger geinorden, mit ernster Stimme:Alles weiß ich ja, Vater, und natürlich auch, daß ich als Offi-