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Sonntag. 22. Oktober 7976.
Lin Attentat aus den österreichischen Ministerpräfidenten.
W.T.-B. Wien, 21. Olt. (Drahtbericht.) Ministerpräsident Graf S t ü r g k h wurde heute mittag das Opfer eines Attentates. Während Stiirgkh im Hotel Meißl und Schaden das Mittagessen einnahm, trat der Schriftsteller Friedrich Adler an den Tisch heran und gab in rascher Aufeinanderfolge drei Schüsse auf de« Ministerpräsidenten ab. Graf Stürgkh wurde in den Kopf getroffen und war sofort tot.
Aus unserer verbündeten Donaumonarchie bringt oer Telegraph die Meldung von einem unseligen Attentat: der österreichische Ministerpräsident Graf Stürgkh ist erschaffen worden. Namenloses Weh ist über die Angehörigen des Verblichenen und wohl über die ganze deutschgesinnte Bevölkerung Osterreicb-Ungarns gebracht worden. Denn Graf Stürgkh ließ sich vornehmlich von den Gesichtspunkten der deutschen Politik leiten, er stellte immer seinen Mann, wenn es galt, das Deutschtum nach innen und außen zu verteidigen. Nur zwei Beispiele seiner deutschfreundlichen Gesinnung seien hier herausgegriffen: So trat er am 16 . Mai 1904 in der österreichischen Delegation mit warmen Worten für den Dreibund ein and betonte. Deutschland bekunde auch in den Handelsvertragsverhandlungen seine jbundesfreundliche Gesinnung. Am 28. März -906 polemisierte er im Abgeordnetenhause gegen die von dem damaligen Minister des Innern Grafen Bylandt-Rheydt präsentierte Wahlreform. die er als einen schweren Schlag gegen das Deutschtum in Österreich bezeichnete. Es sind denn auch csfenbar nicht Gründe der auswärtigen Politik, sondern rein innerpolitische Fragen, die den Attentäter veranlaßt haben, seine Hand gegen den verdienstvollen Mann am Ruder der österreichischen Regierung zu erbeben. Über die Lebens- laufbahn des mitten aus Amt und Würden herausge- riffenen Mannes hier kurz folgende Angaben:
Graf Karl v. Stürgkh entstammt einer alten österreichischen Adelssamilie. Er wurde am 30. Oktol>er 1859 in Graz, als Sohn oes Oberst-Erülandvorschneiders Grafen Karl v. S. und fehlet Gemahlin Eleonore, geb. Gräfin Meraviglia- Crivelll, geboren, nn Elternhaus erzegen und studierte nach seiner Gymnasialzeit in Graz die Rechte. Im Alter von 22 Jahren trat er 1851 bei der, Statthalter et Graz in den Staatsdienst ein, wurde 1886 Konzipist im Ministerium für Kultus und Unterricht und rückte 1588 zum Minijterialvtze- sekretär auf. Sechs Jahre später wurde er Ministerialrat in demselben Ministerium, als welcher er das Mittelschulreferat übernahm. Im Jahre 1891 wurde Graf Stürgkh von den verfassungstreuen Großgrundbesitzern Steiermarks in das österreichische Abgeordnetenkaus gewählt, legte das Mandat aber 1894 bei seiner Ernennung zum Ministerialrat nieder. Ein Jahr daraus schied er nach dem Sturz des Ministeriums Windisch-Graetz ans seinem Amt aus. Die unmittelbare Ursache dieses Schritts war -die Slowenisierung des Gymnasiums in Cilli. Er widmete sich darnach ganz dem Par l am e n t s le be n, trat 1896 in den steirischen Landtag ein und wurde 1897 wiederum in das Zlb- geordnetenbaus gewählt, wo er bald dem Verstand der selbständigen Gruppe -des verfassungstreuen Großgrundbesitzes angehörte. Im Jahre 1901 erfolgte' jene Ernennung zum Geheimen Rat. Besonderen Anteil riahm Gros v. Stürgkh nn Februar 1908 an der Mittelschulenquete und gesellte sich -zu den Verteidigern des h u m o n i st i s ch e n Gymnasiums. Am 11. Februar 1909 übernahm er. in deni zum Teil erneuerten Ministerium des Freiherrn .• b. Brenerth das Portefeuille für Kultus und Unterricht und setzte -n diesem Amt die kaiserliche Genehmigung der tu Nieder- österre-cb, Österreich. Salzburg und Vorarlberg beschlossenen Gesetzentwürfe über den Gebrauch der Unterrichtssprache nn den Lehrerbildungsanstalten und den Landesrealfchulen durch. Am 9. Januar 1911 bildete Freiherr v. Bienerth cm neues . Kabinett, in dem Gras v. Stürgkh verblieb. Ern halbes Jahr sväter — am 26. Juni 1911 — trat Ministerpräsident Frei- berr v. Be n e r t h zurück; sein Nachfolger wurde Fret- . Herr v. Gautsch, der aber schon am 28. Oktober desselben Jahres sich genötigt sah. mit seinen Ministerkollegen beit Abschied einzureichen. Gras v. -Stürgkh ükernahm nunmehr als M i n' st e r p r ä s i d e n t die Bildung eines neuen Kabinetts und erklärte am 6. November 1911 im Abgeordnetenhaus, notwendig sei vor allenl eine Geschäffsord- nungsresorm, um eine Majorität der sachlichen Arbeit her- beizusühcen. von der niemand ausgeschlossen sein solle, der sich zur Mitarbeit berufen fühle. Zur Besserung der parlamentarischen Verhältnisse würden unausgesetzte Bemühungen, die nationalen Gegensätze zu mildern, insbesrndere durch Förderung des Ausgleichswerks in Böhmen, viel leitragen. Auf eine Interpellation über die Balkan- frage gab der Ministerpräsident an: 29. Oktober 1912 im Abgeordnetenhaus der Hoffnung Ausdruck, der Monarchie den Frieden zu erhalten, erklärte aber, daß das Prinzip der Erhaltung des Friedens in jedem Falle und um jeden Preis nicht die Grundlage, -der Politik einer, wenn auch von noch
Morgen-klusgabe.
so friedlichen Intentionen geleiteteir europäischen Großmacht bilden könne. Die von der österreichischen Regierung verfolgte Balkanpolitrk begründete Graf v. Stürgkh am 20. Mai 1918 im Reichsrat in einem ausführlichen Expose. Im weiteren Verlauf desselben Jahres traten die inneren politischen Fragen, nachdem auch der zweite Balkankrieg sein Ende gefunden hatte, wieder in den Vordergrund. Am 15. Oktober 1913 wurde die deutsch-tschechische Verst ä n d i g u n y s a k t i o n wieder aufgenomnien. doch blieben die Deutschen den Konferenzen fern, da Graf v. Stürgkh nicht auf die Mitarbeit des Statthalters von Böhmen, Fürsten von Thun, verzichten wollte. Die Lage erforderte in Böhmen um *'o mehr eine Verständigung der Parteien, als dr:rch ein kaiserliches Patent vom 26. Juni eine LandesverwaltungSkom- mtssion eingesetzt und damit der Ex-lex-Znstan-d etngetreten war. Tie Ansgleichsverhandlungen sind jedoch bisher nicht zu einem endgültigen Ergebnis gekommen. MinisteiPräsident Graf v. Srürgkh gehörte dem Herrerrbaus des österreichi- iihen Reich-srats auf Lebenszeit an und ist verheiratet. Sein Bruder Heinrich ijt Statthaltereirat be' der Dczirksbaupi- mannschafi in Radkersburg: Gras Joseph, der jüngste Bruder des Mintsrerpräsidenten. ist als Generalmajor dem 1. Korpskommando in Krakau zugeteilt.
Tiefster Eindruck in Berlin.
Der Atteutäter ein Sohn des österreichischen Sozialistenführers Dr. Viktor Adler.
» (Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 21. Oft. (Eig. Meldung, zb.) Das Attentat auf den österreichischen Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh hat bei der hiesigen Kolonie begreiflicherweise tiefste Erregung hecvorgerafen. Wie auch politisch die Tätigkeit des Grafen eingeschätzt wurde, selbst seine Gegner beklagen seinen Tod. da Vas. was der Attentäter zu erreichen wünschte, nun sehr viel weniger Aussicht auf Verwirklichung bat als zuvor. Die Wiederbelebung des parlamentarischen Lebens, vor der man stand, die größere Anteilnahme des österreichischen Volkes an der hohen Verantwortung der öffentlichen Geschäftsführung — diese so sehr erstrebenswerte Wandlung wird jetzt erneut verzögert werden. Diese Klagen hörten wir von einem der angesehensten Österreicher, der in Berlin einen hervorragenden Platz einnimmt. Über die Persönlichkeit des Attentäters vermögen wir einige zuverlässige Angaben zu machen. Es handelt sich um den Sohn des bekannten Reichsratsabgeordneten Dr. Viktor Adler. Der Schriftsteller Friedrich Adler stand in gewissem politischen Gegensatz zu seinem Vater, war viel radikaler; eS drehte sich etwa um die Distanz wie Scheidemawn-Haase. Dieser Friedrich Adler wurde zunächst durch seine Aufsätze in der „Wiener Arbeiterzeitung" bekannt, ging dann nach Zürich, wo er Professor der Chemie zu werden gedachte, kehrte nach Wien zurück, ließ sich von der Politik völlig gewinnen und leitete schließlich die sehr radikale Zeitschrift „Der Kampfs. Von ihm nahestehender Seite wird uns Friedrich Adler als ein sehr entschlossener, fast starrer Charakter geschildert. Er galt als ein sehr kluger und zurückhaltender Mann, aber dennoch ist man nrchi überrascht, daß er sich in einer Stunde seiner Erregung zu der Tat sort- reißen ließ. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
L. Wien, 21. £>ft. (Eig. Drahtbericht, zb.) Ter Attentäter, der den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürghk ernwrdete. ist der Sohn des ö st e r- reichischen Sozialistenführers Dr. Viktor Adler, Dr. Friedrich Adler. Der Attentäter beging seine ruchlose Tat. während der Ministerpräsident sein Mittagsmahl einnahm. Alle drei Kugeln, welche gegen den Kops des Ministerpräsidenten gezielt waren, trafen und der Tod trat augenblicklich ein. Dem Attentäter, der sich bei seiner Festnahme wehrte, ging noch ein vierter Schuß aus seinem Revolver los. welcher den ihn haltenden Großgrundbesitzer Baron A e h r e n t h a l, ein Bruder des verstorbenen Ministerpräsidenten Grafen Aehrenthal, am Fuße verletzte. Der Attentäter verweigerte der am Tatort erschienenenPolizei- kommission jede Auskunft mit der Bemerkung, daß er erst vor Gericht die Motive seiner Tat erzählen werde. Er ist 32 Jahre alt und Sekretär der öster- reichisch-deuffchen sozialistischen Partei.
fragen der vonaurcichr.
O Berlin, 20. Oktober.
Dafür, daß der österreichische Reichsrat nicht während des ganzen Krieges einberufen worden ist und nach der Neigung der österreichischen Regierung auch jetzt nicht einberufen werden soll, mag man inWien viele Gründe haben, die freilich nicht stichhaltig sind, aber einen Grund läßt Graf Stürgkh geltend machen, der sich immerhin hören lassen kann. Der Ministerpräsident möchte öie deutsch-tjchechijchen Reibun»
Nr. 577. . 64. Jahrgang.
gen im Reichsrat vermieden wissen, und darum ist es sein Bestreben oder soll es doch sein (Genaueres weiß man darüber nicht), den Ausgleich zwischen den beiden Nationalitäten im Verordnungswege herzustellen, so daß diese leidige Streitfrage endlich einmal aus der Welt geschafft werden kann, ohne durch die ewigen und ewig unfruchtbaren Verhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen selber immer wieder verwirrt 51 t werden. Freilich sollte man meinen, daß, wenn dies die Absicht war, sie längst schon hätte ausführt werden können. Hat die österreichische Regierung ein klares Ausgleichsprogramm, so hindert sie,ja nichts, es dnrchzusetzen, falls sie sich überhaupt die Kraft zutraut, unbekümmert um Forderungen und Vorwürfe bald der Tschechen und bald der Deutschen eine für beide Parteien schließlich nützliche Mittellinie zu verfolgen. Mit Fug und Recht hat man gesagt und muß es immer wieder sagen, daß die Frage des böhmischen Friedens nicht bloß eine des Donaureichs, sondern auch eine ist, die u n s n a h e a n g e h t. Die innere Stärke Österreich-Ungarns ist ein Gebot unserer Politik; die innere Schwäche des Reichs wäre unser Nachteil ebenso wie der Österreich-Ungarns selber. Wenn wir mit dem Donaureiche zu einer engeren poliffschen, wirtschaftlichen, auch kulturellen Gemeinsanlkeit' gelangen sollen, dann wird der neue Zustand nicht nur von einer Gruppe von Nationalitäten im Nachbarlande getragen und gestützt werden, nicht bloß von den Deutschen und den Magyaren, sondern die stawischen Völkerschaften müssen mit dabei sein, mindestens mit ihrem bejahenden Verstände, wenn sie es nicht zugleich mit ihren Herzen vermögen. Das sind so schlichte Selbst- v e r st ä n d l i ch k e i t e n, daß wir- allen Anlaß haben, uns um die Vorgänge in Österreich-Ungarn eingehen- ver zu kümmern, und wir sollten auch die Tonart gegenüber den dortigen Ereignissen mannigfach anders als früher wählen. Es liegt ja nicht so, daß es bei den dortigen Nationalitätenkämpfen nur Sieger und nur Besiegte geben kann und darf, daß wir also unsere Zuneigungen und Abneigungen einseitig auf an sich sehr begreifliche und auch billigenswerte nationale Voreingenommenheiten einstellen. So, wie gesagt, liegt es nicht, sondern wir müssen, wie es jeder weitblickende Politiker im Nachbarreiche auch tun wird, dies Reich als einen Organismus nehmen, dem es in allen seinen Gliedern doch möglich gut gehen soll, der es also seiner Natur nach verbietet, daß der Streit verewigt und stets von neuem vergiftet wird. Ein Gesamtgefühl der Völker, über die Kaiser Franz Joseph herrscht, mit der Richtung zum Reichsgedanken hin ist das, was wir Deutschen im Interesse des verbündeten Staatswesens, aber auch im eigensten Interesse ersehnen. Hat der Krieg gezeigt, daß ein solches Gesamtgefühl möglich ist. hat er bewiesen, daß die Ansätze zu einer nützlichen Scheidung zwischen dem westslawischen Kulturkreise und Rußland entwicklungsfähig sind, so haben wir Gründe genug, um die Fortbildung dieser Möglichkeiten lebhaft zu wünschen und, soweit es an uns liegen kann, an ihr mitzuwirken. Dies kann und darf ja nicht durch Einmischung geschehen, davon kann keine Rede sein. Wohl aber mag es schon etwas bedeuten, wenn sich die Stimmungen bei uns von manchen Überlieferungen sreimachen und wenn der Gedanke durchdringt, daß gerade im Donaureiche die Aufgabe gelöst werden still, verschiedene Nationalitäten auf einen überragenden Staatsgedanken zu einigen. Es ist bei der Herrschaft einer besonders strengen Zensur in Österreich und bei der langen Ausschaltung der Volksvertretung nicht leicht, Uber die Stellung nament- lich der Tschechen Klarheit zu gewinnen. Man ist ja geneigt, zu glauben, daß auch sie vieles gelernt haben: man sieht Keime einer Umwandlung, aber einen zutreffenden Einblick in die wirklichen Verhältnisse hat inan nicht, besitzt man vielleicht in Österreich selber noch nicht. Einige Beobachter wollen uns davon überzeugen, daß die Behauptung von einer im Kriege zutage getretenen staatsgefährlichen Illoyalität der Tschechen nur eine Ausgeburt des Parteigeistes oder gar einer Art von Kriegspsychos'e sei. es wird versichert, daß keine der angeblich vorgekommenen bedenklichen Handlungen der Prüfung standhalte. Es wäre gut. wenn solche Behauptungen zuträfen, die u. a. der Berliner Universitätsprofessor für slawffche Sprachen. Alexander Brückner, in seinem Buche „Die Slawen und der Weltkrieg" ausstellt. Brückner ist trotz seines deutschen Namens Pole. Daraus wollen wir keineswegs folgern, daß seine Darstellung Mißtrauen erwecken sollte, wohl aber kann man annehmen, daß ihn die Grundrichtung seines Buches unbewußt mitbestimmt Hat, die auf die Herausarbeitung der westslawischen. mit der Politik der Mittelmächte zusammengehenden Solidarität gegenüber dem Zarenreiche hinzielt. Von solcher uns gewiß willkommenen Gesinnung aus mag dann leicht eine Gruppierung von Tatsachen und Schlüssen erfolgen, wie sie in den gewählten Rahmen hsnernpasken, Jmmerbin Vorsicht geboten sein, währAid wir «mdm-erseits
