I
Morgen-Vellage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 247. Samstag, 21. Oktober.
(8. Fortsetzung.)
wenn die Malier fallen.
Roman von Hans von Belgard.
(Nachdruck verboten.)
Und diese, die sollst jeder Liebkosung gegenüber recht widerspenstig, duldete es ruhig und fand es auch gar nicht lächerlich, daß der große Junge dabei immer so zärtlich: „Meine süße kleine, liebe Erika, ich habe - dich ja so unbändig lieb", flüsterte, trotzdem er das doch gar nicht zit versichern brauchte, verstand es sich doch ganz von selbst, daß sie einander alle von ganzem Herzen liebten.
Doch oftmals dachten sie beide an das wundersame Gefühl, das sie damals bei ihrem ersten Kusse empfunden, jedoch niemals sprachen sie davon, es war, als schlösse ihnen eine heilige Scheu die Lippen.
Mit Werner schien seit dem. Tage seiner Einsegnung überhaupt eine große Veränderung vorgegangen, er war lange Zeit recht sonderbar, wenn er in den Ferien heimkam, sprach sehr verächtlich von den „Weibern", und hielt es ganz unter seiner Würde, vernünftig mit dem kleinen Backfisch zu reden.
Erika, die niemals zu den Sanftesten gehört, empfand diese Vernachlässigung bitter, und oftmals kam es zu recht stürmischen Szenen zwischen ihnen.
Sie fühlte sich einsam und verlassen, um so mehr, da ihre Brüder den ganzen Tag im Walde zubrachten, wo sie Raubzeug schossen und Pflanzen und Moose suchten, oder den Vater auf seinen Wegen begleiteten.
Da schaute sie oftmals mit einem Gefühl von Neid auf die Schwester, die in alter Art unzertrennlich von Claus Olden war. Diese fr den stritten niemals, sie waren stets gleichmäßig freundschaftlich miteinander, sei es, daß sie den Vater an.f die Felder begleiteten oder in den Ställen und Gärten weilten.
Auch in ihren Ansichten stimmten sie stets überein, und oftmals schmunzelten die Eltern, wenn sie die jungen Menschen so ehrbar über Bodenkultur, Viehzucht und die besten Hühner-Rassen sprechen hörten.
Über Werner schüttelten aber auch sie den Kopf — der Junge schien doch gar zu sehr aus der Art geschlagen.
Anstatt sich für Pferde und Jagd zu interessieren, wie doch jeder Olden bisher, saß er den halben Tag und malte.
Zwar mußten sie zugeben, daß seine Bilder meistens recht hübsch und ähnlich wurden, aber dennoch erschien ihnen diese Beschäftigung ganz sinnlos für einen frischen, jungen Menschen.
Als er aber gar eines Tages erklärte, Maler werden zu wollen, entlud sich ein derartiger väterlicher Zorn über seinem frischen Jünglingshaupte, daß er nicht wieder auf diesen Plan zurück kam, und nur zuweilen, in einer seiner wenigen mitteilsamen Stunden, j Erika gegenüber noch diesen Künstlertraum erwähnte.
Jemehr die Schwestern heranwucksien, nur so weniger erschien Frau Marie-Luise der Aufentbalt in dem einsamen Forsthause geeignet für zwei so junge Mäd- chen, und immer wieder riet sie dem Oberförster, seine Töchter in eine Pension zu geben.
Doch dazu konnte sich dieser nicht entschließen, denn so verschlossen und wenig zärtlich sein äußeres Wesen, der Gedanke, nun auch seine beiden Mädel fortzugeben, erschien ihm geradezu entsetzlich.
Nach langem Zögern entschloß er sich schließlich, ein/ seiner unverheirateten Schwestern zu sich zu nehmen, und diese, die gute Tante Mie, war bald ganz verliebt in ihre Nichten, verzog sie nach besten Kräften und bemühte sich, ihnen das Leben fo recht sonnig und freundlich zu gestalten, wußte sie doch aus ihrem freudearmen Leben, wie sehr ein junges Menschenherz sich nach Sonne und Fröhlichkeit sehnt.
Als dann das Pfingstfest kam, an dem die Schwestern in dem schlichten, kleinen Dorfkirchlein von Oldenshöhe von dem alten Pfarrer, der ihre Studien von Kind- heit an geleitet, eingesegnet wurden, saß Tante Mie unendlich stolz in dem Patronatsstuhl neben Frau Marie-Luise und weinte vor Rührirng herzzerbrechend, so daß der junge Kürassierlentnant Werner und der frische Jägeroffizier Hans Magnus Mühe hatten, ernsthaft zu bleiben und selbst über des alten Olden Gesicht zuweilen ein amüsiertes Schmunzeln flog, wenn Tante Mie gar zu gerührt vor sich hinflüstcrte: „Ach Göttchen, ach nee doch, die zfr'ei lütten Dirnings, ach Göttchen."
Später bei den Gratulationen schwenzelte sie denn stolz wie ein Pfau um diese herum, nnd als der alte Graf Bergen, der gerade für einige Wochen ans Schloß Bergenthal weilte, sich ihr mit einigen Komplimenten über ihre reizenden Nichten näherte, knixte sie lehr stolz und meinte gönnerhaft: „Ihre Jungchens
sehen aber auch ganz famos aus, alles was recht ist, Herr Graf."
Diese „Jungchens", der dreißigjährige übergroße und überschlanke Attache Graf Günther und sein zwei Jahre jüngerer Bruder, der Gardehusar Albrecht, wären wohl sehr erstaunt gewesen, hätten sie die Bemerkung der alten Dame gehört, die nach Günthers Ausspruch: wie eine bessere Haushälterin mit Familie» anschluß aussah.
Sie begriffen überhaupt nicht die Liebenswürdigkeit ihres Vaters und fanden es eine absurde Idee, in die Kirche zu fahren, nur weil Oberförsters Töchter eingesegnet wurden.
Ein Paar hübsche junge' Dinger waren es allerdings, darin toaren sich die Brüder einig.
Die Ältere mit dem dicken Blondhaar, den stahlblauen, ernsten Augen und den klassisch schönen Zügen war zwar entschieden die hübschere, aber die andere, die niit den schweren, goldbraunen Zöpfen und den Augen, groß und schwarzblau wie. reife Schlehen, war trotz der etwas unregelmäßigen Linien doch wohl dig fegeuidere.
In vornehmer, leichter Liebenswürdigkeit sprachen die Borgens den Schwestern ihre Glückwünsche aus, dig Hoffnung daran knüpfend, die lieblichen Waldfern bald
