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Verlag Langgaffe 21

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Samstag, 21. Oktober 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 809. . 64. Jahrgang.

Unsere spätere Wahl.

Es wird noch ein weiter Weg bis dcchin sein, wo die unbestimmten Andeutungen der Möglichkeit einer Verständigung mit Rußland aus dem Nebel von Erwartungen und Vermutungen heraus treten und irgendwie saßbar sein werden. Aber das braucht nicht zu hindern, daß man sich über die Bedin . gungen klar zu werden sucht, unter denen ein anderes Verhältnis zu Rußland verwirklicht werden könnte Wir haben deshalb auch nichts dagegen, wenn bei uns von Befürwortern einer späteren Verständigung mit unserem östlichen Nachbar gelegentlich die Linie ge zogen wird, in der eine ersprießliche Auseinander setzung denkbar wäre Man verweist uns auf die wirtschaftspolitische Ergänzung zwischen bei den Ländern, die es auch den Russen nützlich erscheinen lassen müßte, zu uns wieder in ein besseres Verhältnis zu gelangen. Dabei wird freilich übersehen, daß ge rade die Auffassung, wir hätten uns die Notlage Ruß lands nach dem japanischen Kriege zunutze gemacht, um dies Reich wirtschaftlich zu unterjochen, eine der Triebkräfte für den so stürmisch durchbrochenen KrieK willen namentlich der russischen Intelligenz gewesen ist. Wenn man bei uns heute von einem wirtschaftspoliti schen Verhältnis zu Rußland spricht, so geschieht es doch aber nicht mit der Absicht, nun etwa Deutschland zum Ausbeutungsgebiet fiir unsere Nachbarn werden zu lassen, sondern wir wollen gewiß keine Rück­schritte hinter den Zustand machen, der bis zum Kriege bestanden hat. Daß sich Rußland von der Pariser Wirtschastskonferenz ziemlich ferngehalten hat und den englischen Treibereien nach dieser Richtung hin Widerstand leistet, bedeutet noch lange nicht, daß in Petersburg und Moskau soviel Ein­sicht besteht, wie bei uns von den Freunden einer Ver­ständigung mit den Russen vorausgesetzt wird. Auch die Behauptung, daß die Me e r e n g e n f r a g e schließ­lich verhältnismäßig leicht zu lösen wäre, wenn Ruß­land nur auf seine machtpolitischen Bestrebungen ver­zichten und sich mit den wirtschaftlichen Vorteilen einer verbürgten freien Durchfahrt durch die Dardanellen begnügen wollte, auch diese Behquptung spricht mehr für den Wunsch auf deutscher Seite, wieder eine Be­ziehung zu ermöglichen, als für die russische Auf­fassung, die es zweifellos ganz anders und weni­ger friedlich und gemäßigt meint. Wollen wir nun mit alledem sagen, daß die Vorstellung von einem deutsch-russischen Frieden zu verabschieden ist? Wir sagen es nicht, wir möchten nur die ungeheuren Schwierigkeiten zeigen, die sich auf den empfohlenen Wegen jedem ernstlichen Versuche eutgegentürmen werden, und wir haben dabei noch nicht einmal von dem Verhältnis zwischen Rußland und Österreich- Ungarn gesprochen, das für sich allein schon, selbst wenn die besonderen deutsch-russischen und türkisch- russischen Fragen befriedigend zu lösen wären, eine Quelle unaufhörlicher Gefahren, ein Zen­trum weltwirtschaftlicher Konflikte in Gegenwart und Zukunft darstellt. Unser Gegensatz zu Rußland kann und wird nicht verschwinden, unser Gegensatz zu Eng­land kann es aber auch nicht. Wir haben es dort und hier mit unerbittlichen Gegebenheiten einer auf dauernden geographischen oder, richtiger, geopoli- tischen Grundlagen beruhenden geschichtlichen Entwick­lung zu tun. aber ein Unterschied ist doch erkennbar. Denn indem der englisch-russische Gegensatz nur zeitweilig verwischt werden konnte und nach diesem Kriege so gewiß wieder oufleben wird, wie es sicher ist, daß die Lebensinteressen der beiden Reiche gegenein­ander wirken, werden wir später die Wahl haben, in welche der beiden Wagschalen wir unsere Macht legen sollen. An diesem Punkte nun scheidet sich unser Weg von dem der Befürworter einer Verständi­gung mit England gegen Rußland. Wir sind der Mei­nung^ daß ein später etwa durch unsere Unterstützung siegreich gegen Rußland gewordenes England eine viel größere Gefahr für uns bedeuten müßte, als wenn eine deutsch-russische Interessengemeinschaft unseren Erzfeind Großbritannien zu Boden zwänge. Wird man sich der Schwierigkeiten des Wählens zwi­schen beiden Reichen bewußt, so folgt daraus nicht, daß Überhaupt keine Wahl getroffen werden soll, sondern °as Moment des sichtbaren und unmittelbaren Nutzens Muß entscheiden. Zieht man aber den Nutzen zu Rate, so erblicken wir ein Übergewicht der ausichlaggebenden Beweggründe ans der nach Rußland hin zugekehrten Seite. Gegenwärtig kann ja selbstverständlich nichts anderes geschehen, als daß man zukünftige Möglich­sten überprüft. Es ist alles nur Thevrie, und os kann auch nichts anderes sein. Gleichwohl müssen Mir schließlich davon ausgehen, daß deni Kriege der nriede folgen wird, daß im Frieden Politik und Diplomatie ihre Fähigkeiten zur Schaffung eines mauernden Zustandes friedlicher Machtbctäti- 8Ung zu erweisen haben werden, und daß Richtung s-

linien nötig sind, in denen unsere Staatskunft zu verlaufen haben wird. Soll einmal gewählt werden, und ohne das wird es niemals gehen, dann doch lieber für Rußland als für England.

Der Krieg gegen Nutzland.

Rührige Fliegertätigkeit an der galizisch- wolhynischen Front.

(Drahtbericht unseres 8.-Sond«rb«richterstatiers.)

8. Stockholm, 20. Okt. (zb.) ' Nach Berichten russischer Blätter entwickeln die österreichischen Flieger an der galizisch-wolhynifchen Front in der letzten Zeit eine beispiellose Rührigkeit und richten in Orten hinter der russischen Front gewaltigen Schaden an. Über L u ck er­schienen im Lauf der letzten Wichen fünfmal Geschwader österreichischer Flugzeuge. Sie warfen 50 Bomben auf die neuen ini Süden des Ortes angelegten Befestigungen ab Mehr als 500 hier beschäftigte Soldaten wurden dabei ver »'undet. Auch auf Dubno unternahmen die Österreicher einen erfolgreichen Luftangriff, der besonders gegen den Bahnhof gerichtet war. Drei Tage lang war infolge der durch die Fliegerbomben angerichteten Zerstörungen die strategisch wichtige Eisenbahn, die von Dubno nach dein Osten führt, für den Verkehr völlig lahmgelegt. In K r e m j e tz P o d o l s, einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt, wo die Hauptver- pflegungsspeicher für die ganze Armeegruppe Bruffilow sich befinden, wurden die große Armeedrotbäckerei, zwei Gewehr­magazins sowie ein Automobilpark durch Bomben Vernich, i c t. In der Nähe der Stadt explodierte eins der bedeutend­sten Munitionslager, was ebenfalls auf Fliegerangriffe zu­rückgeführt wird.

Keine kriegsgefangenen Deutchen mehr in Sibirien.

Br. Basel, 20. Okt. (Eig. Drahtbericht zb.) Aus Petersburg berichten dieBasler Nachr.": Die

letzten Rücktransporte dentscher Kriegs gefangener aus Sibirien sind gegenwärtig im Gange Im November wird kein Kriegsgefangener mehr in Sibirien sein. _

Der Krieg Rumäniens.

Das neue Kabinett Bratianu.

(Drahtbericht unseres Lr.-Sonderberichterstatters.)

Kr. Genf, 20. Okt. (zb) Die Agentur Radio mel det aus Bukarest: Die neue Ministerliste nennt

Konstantinescu für das Innere, Pherekyde für das Auswärtige, StiliOn für Ackerbau, weiter Ionescu und Cantacnzene als Minister ohne Portefeuille.

Englische Beunruhigung über Rumänien.

Br. Lugano, 20. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Secolo" meldet aus London, man habe dort, ob­wohl man dort die Lage nicht als verzweifelt ansieht, nicht auf einen baldigen rumänischen Gegenstoß zu hoffen und ist deshalb beunruhigt, weil das Gelingen der Unternehmungen gegen Rumänien es den Mittel­mächten ermöglicht, den Krieg über das zurzeit voraus­zusehende Ziel hinaus zu verlängern und den Verbün­deten neue schwere Opfer ausznerlegen. Die allgemeine Auffassung in politischen und parlamen­tarischen Kreisen geht dahin, daß Rumänien in einem Zeitpunkt in den Krieg eingetreten sei, wo es moralisch und militärisch nicht genügend vorbereitet war.

Die Mnen in Griechenland.

Line Ansprache König Konstantins.

Ankunft eines amerikanischen Geschwaders im Hafen von Piräus?

Br. Wien, 20. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie aus Athen gemeldet wird, hielt König .Konstantin anläßlich der Vereidigung der neueinberufenen Rekruten des Jahrgangs 1915 folgende An­sprache:Rekruten! Durch den Eid, den ihr geleistet habt, wurdet ihr Soldaten des Vaterlandes, Soldaten des Königs, meine eigenen Soldaten. Aber Treue allein genügt nicht, ihr müßt dem Willen eurer Vor­gesetzten, euren Führern und.durch diese eurem König blinden Gehorsam entgegenbringen. Wenn jeder Sol­dat tut, was ihm beliebt u.nd darüber, was seinem Vaterlande nottut, sich eigene Gedanken macht, dann wehe deni Staate, der solche Armeen hat! Man wird euch verschiedene Dinge sagen, uin euch zu derlei- t e n. Diesen Einflüsterungen sollt ihr aber nicht glau­ben, denn sie heucheln Patriotismus und verschachern ihn. Sie begehen Verbrechen, die

sie mit dem Mantel des Patriotismus umhüllen, ihr dürft ihnen nicht glauben! Ihr tretet in eine Armee ein, deren Geist wunderbar ist, in der so viele Tradi- tionen vorhanden sind und in der ihr von diesem (Miste der Opferwilligkeit durchdrungen sein werdet. Ver­geht nicht, was ich euch sage. Haltet Treue, seid er­geben und vertraut!"

Den Worten des Königs folgte begeisterter Jubel der jungen Soldaten, von den viele tiefste Rührung zeigten. Die venizelistische Presse greift den König wegen seiner Rede heftig an und behauptet, d«ß er sich eine Armee von Prätorianern schaffen wolle. In griechischen Marinekreisen verlautet, wie aus Athen gemeldet wird, daß das Anlaufen eines Geschwaders amerikanischer Kriegs- schiffe im Hafen von Piräus bevorsteht. Das Geschwader kreUzt schon seit einiger Zeit in den klein- asiatischen Gewässern. Angesichts der drohenden Un­ruhe n, die sich aus den zugespitzten Beziehungen zwi­schen Griechenland und der Entente er­geben könnte, mißt man dem Erscheinen der amerika­nischen Kriegsschiffe in den griechischenGewäiser t große Bedeutung bei. Die amerikanischen Kriegsschiffe soll­ten gegebenenfalls die in Athen befindlichen ame­rikanischen Staatsbürger an Bord nehmen.

Neue vierveebandsseindliche Straßenku.rd- gebungen in Athen.

W. T.-B. London, 20. Okt- lDrahtöericht.) DemDaily Telegraph" wird aus Athen gemeldet: Als gestern, 11 Uhr abends, 80 französische Matrosen die Hauptstraßen ab­patrouillierten, begann in der Stadionstraße die Menge, die der Patrouille folgte, zu johlen. RufeW e g m i t F r a n k - reich!" undEs lebe der König!" wurden laut. Der französische Offizier ließ darauf die Patrouille Kehrt machen und die Manifestanten a n g r e i f e n. Es entstand ein Hand­gemenge, in welchem 9 Demonstranten verhaftet wurden, die übrigen liefen davon. Auf der anderen Seite der Straße sah eine berittene griechische Patrouille zu, obne etwas zu unter­nehmen. Die französische Patrouille nahm die Verhafteten in die Mitte und kehrte nach dem Zappeion-Park zurück. An einer anderen Stelle der Straße begegnete die Patrouille einem ganzengriechischenBataillon.das auf den Bürgersteig auswich, um den Weg freiznmachen. Als die französische Patrouille das Quartier im Zappeion-Park er­reichte, wurden die 9 Verhafteten untersucht, 6 sofort frei­gelassen und 3 in Haft genommen. Einer davon ist Do. K o n st a n t i n o s, bei dem ein Brief an die Königin gefunden wurde. Der Doktor gab zu,Weg mit Frankreich!" - gerufen zu haben und einen Revolver bei sich zu führen. Nach einer Meldung der Exchange-Telegraphen-Kompagnic heißt der Angehaltene A l e i x i o n. - Er ist Tierarzt in den königlichen Stallungen und gab einen Revolverschuß ab.

Der Krieg gegen England.

Englands wachsende Kriegslasten.

Die Verteidigung des engl. Schatzkanzlers wegen der 6-prozent. Schatzscheinemission.

W. T.-B. London, 20. Okt. (Unterhaus.) Auf Be­merkungen über den Zinssatz, der für die neuen Schatzscheine zu zahlen ist. führte McKenna aus: Wir hatten größere Summen aufzunehmen als jemals ein anderes Land, und der Betrag, welchen der Staat zu leihen batte, stand außer allem Verhältnis zu irgend einer Anleihe, die vor dem Kriege gemacht wurde. Es war daher unmöglich, Vergleiche mit den Verhältnissen, die vor dem Kriege bestan­den, heranzuziehen oder zu sagen, daß 5 Prozent Zinsen genug wären, oder daß Geld hätte billiger erlangt werden können. Sehr wahrscheinlich hätte es geschehen können, wenn ich nur eine geringe Summe gebraucht hätte, oder selbst wenn die Summe gleich gewesen wäre der größten Summe, die jemals vor Ausbruch des Krieges ausgenommen wurde. Man muß sich indessen daran erinnern, daß wir etwa einmal im Monat den größtmöglichsten Betrag aufzunehmen hatten, und es war nur möglich, durch tägliche Prüfung die Ergeb­nisse unserer Anleiheoperationen und Zahlungen ausfindig zu machen, ob es uns glücken würde, unsere Bedürfnisse zu befriedigen oder nicht. Es ist uichBffoahrscheinlich. daß das Schatzamt mehr Zinsen zahlt, als es gezwungen war, zu be­zahlen. Um allen Aufwendungen gerecht zu werden und unsere Versprechungen gegen unsere Alliierten zu balten, hatte ich die Beschaffung des Geldes zu sichern. Es wurden gegen die hohe Zinsrate Ausstellungen gemacht auf Grund des Umstandes, daß die Schuldverschreibungen hanpi- achlich im Ausland gehalten würden. Aber das war gerade eine Sache, die wir wünschten. Beim Anbieten dieser Schatz­cheine hatten wir unter vielen anderen Zwecken den im Auge, daß sie im Ausland gehalten werden sollten. Man muß sich daran erinnern, daß wir Tag für Tag in de» Bereinigten Staaten einen sehr bedeutenden Betrag zu bsMchke» hatten.