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Nr. 243.

Morgen-Veilage -er Wiesbadener Tagblatts, i « m

_ Donnerstag, 19. Oktober. 191 b.

( 1 . Fortsetzung.)

Wenn die Vlätlev fallen.

Roman von Hans von Belgard.

(Nachdruck verboten.1

Plötzlich erhebt sich der Maler, ihr Herzschlag stockt, doch er wendet sich dem Hause 31t er geht, ohne sie erkannt zu haben.

Ein erstickendes Gefühl maßloser Enttäuschung überkommt sie. So hat sie ihn endlich wiedergesehen, endlich ist das Träumen und Sehnen eines Menschen­lebens Wahrheit geworden, das Schicksal führt sie zu­sammen, jedoch die Jahre waren zu lang, er kennt sie nicht mehr.

Einen Moment durchzuckt es sic. daß, sie -hm ja folgen, daß von ihr der erste Erkenne,lsgrnß ausgehen könne.

Doch dagegen sträubt sich all ihr tiefstes Weibes- empflnden. Er hat sie nicht erkannt da läßt ihr Stolz es nicht zu, daß sie ihm zeigt, wieviel fester sie rhn im Erinnern behalten, wieviel weniger die Jahre ihn augenscheinlich verändert als sie.

Während sie noch den harten Kampf zwischen sehn­süchtiger Liebe und keuschem Stolze kämpft, steht er plötzlich seltsam bleich vor ihr, und mit trotz aller Beherrschung stark zitternder Stimme fragt er leise:Sie erinnern sich meiner nicht mehr, Gräfin? Werner Olden."

Auch Erika ist tief erblaßt, und auch ihre Stimme rst nicht ganz sick>er, als sie erwidert:Ol, doch, Baron Olden, ich habe Sie sofort erkannt, obgleich es inir ein Wunder scheint, daß wir Ostelbier uns hier im bayeri­schen Ländchen nach einem Menschenleben Wiedersehen."

Dann, indein sie ihm die schmale Hand reicht, die er an die Lippen zieht, setzt sie, forciert leicht sprechend, hinzu:Wie niir das Fremdenbuch soeben verraten, sind Sie Ihrem enrstiqen Ideale treu ge­blieben."

Auf seinen ernstfragenden, traurigen Blick erklärt sie hastig:Soviel ich nrich entsinne, war es doch stets Ihr Ideal, ein großer Maler zu werden. und dieses scheint Ihnen doch gelungen."

Ein Zug unverhohlener Bitterkeit erscheint auf Oldens Gesicht, und seine Antwort klingt härter, als er vielleicht beabsichtigt, als er langsam sagt:Danke, Gräfin, rch kann nicht klagen. Dieses Ideal war echt und hat sich erfüllt, der einzige Traum hoffender Jugend, der zur Wirklichkeit ward."

.Doch", fährt er fort,vielleicht gestatten Gräfin nur als alten Kindheitsgespielen für einen Augenblick bei Ihnen Platz zu nehmen". und auf eine zn- stiminende Handbewegnng Eriü.s sich setzend, spricht er weiter:

Ich hörte doch gerne einmal wieder etwas von der alten Heimat, nach welcher die Sehnsucht trotz aller- bösen ErinneriUlgen nrich njernals verlassen. Es muß an siebzehn, auch vielleicht schon achtzehn Jahre her sein, daß ich die letzte Kunde erhielt, und zwar war diese Ihre Heirat mit dem Grafen Be, gm. die ich zu- fällig in einer Zeitung las. Übrigens, Ihr Herr Ge- mahl ist nicht mit Ihnen?"

">och brn sert fünfzehn Jahren Witwe", erwiderte Erika knrzauch kann ich Ihnen nur wenig von daherm erzählen, da ich seit den, Tode meines Mannes kaum alle drei Jahre kurze Zeit in Bergenthal ver­lebe und mich sonst stets ans Reisen befinde."

So haben Gräfin keine Kinder, daß Sie so frei und fessellos die Welt bereisen können?" tragt Olden zögernd, doch die Gräfin sagt init kühlem Lächeln: --Picht doch, ich habe einen Sohn, habe also meiner Pflicht genügt und Bergenthal den Majoratsherrn ge­geben."

In diesen, Augenblick stürzt mit wildem Freuden- gehenl der reizende kleine Dackel ans Erika zu, die ihn nut herzlichen, Lächeln auf de» Schoß nimmt, und ihn nut schmeichelnden Worten liebkost:Na, Menne, mein Kerlchen, wie geht es dir denn, du Nullst wohl mit Lis- beth noch einen Spaziergangrachen?" ,

Dabei schaut sie freundlich nach der abseits stehenden Zofe, d:e ganz entgeistert ihre Herrin anstarrt, ist es doch ein ungewohnter Anblick, die stolze Gräfin mit einen, Gefährten zu sehen.

Auch Werner Olden schaut staunend ans Erika.

Ist das dieselbe Fran, die soeben so kühl, fast herz­los, von ihrem einzigen Kinde gesprochen, die jetzt mit wviel Zärtlichkeit das kleine Tier betrachtet

Unbegreiflich erscheint ihm dieses, und auf die rzrage Erikas:Ist er nicht herzig?" -ind-st er nur die Antwort:Wäre ich Ihr Sohn, ich brächte den Hund ans Eifersucht um."

Wie die Sonne hinter einem Wolkenschleier, so blitzschnell verschwindet das soeben noch strahlende Lächeln von Erikas Antlitz, und ziemlich kühl übergibt sie den Dackel, der vergeblich durch wildes Geheul seine gegenteilige Meinung bekundet, an Fräulein Lisbeth, die dann auch tänzelnd, von Menne begleitet, ihren Abendspaziergang antritt. doch nickst, ohne mit eine», koketten Augenaufschlag den zufällig in der Türe stehenden Oberkellner Fritz zu beglücken.

Die Gräfin sagt indessen ,n hochnii'itigsten, Tone: Oh, mein Sohn kennt solche Gefülllsüberschwenglich. keiten nicht, er ist dnrch und durch ein echter Bergen. Vielleicht entsinnen Sie sich derselben noch etwas. Baren, und sprechen Sie offen, hätten Sic sich einen der beiden Brüder jemals eifersüchtig vorstellen können, und dazu nur ans einen Hund?"

Er erwidert lange nichts.

Schweigend sitzen sie einander gegenüber, die so plötzlich nach einen, Menschenleben wieder zusammen, gekommenen einstigen Jugendgespielen. Frohe Gedan- ken sind es wohl kaum, die sie durchfluten, und als der Maler endlich spricht, tut er es langsam und zögcrn-r Sie sagen, Gräfin. Ihr Sohn ist ein echter Berger, und selbstverständlich entsinne ich mich der Grafen ge- an, ich habe wohl Ursache, sie im Gedächtnis zu be- halten. Doch das gehört nicht hierher. Aber Ihr Sohn braucht doch nicht nn: die Eigenschaften seines väter­lichen Geschlechtes ererbt zu haben. Hat er denn gar