Verlag Langgaffe 21
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Donnerstag» 19. Oktober 1916.
Morgen-klusgabe.
Nr. 505. ♦ 64. Jahrgang.
Die polnische Zrage.
O Berlin, 17. Oktober.
An der Rcichstagsverhandlung vom 11. Oktober nahmen weder elsaß-lothringische noch polnische Abgeordnete teil. Auch die Welfen schwiegen, aber sie sind in der Deutschen Fraktion vertreten, und da für diese der freikonservative Abgeordnete Halem das Wort nahm, so kann man allenfalls ja sagen, daß sich die welfische ebenfalls hat vernehmen lassen. Wenn sich die Mitglieder aus den Reichslanden Zurückhaltung auferlegten, so kann man das im übrigen aus verschiedenen inneren wie äußeren Gründen verstehen, aber daß die Polen nicht das Bedürfnis fühlten, zu sprechen, das steht doch auf einem besonderen Blatt. Man muß bedenken, daß der deutsche Reichstag gegenwärtig die einzige Stelle ist, von wo aus die Polen ein Verhältnis zu nicht bloß deutschen, sondern zur europäischen Öffentlichkeit gewinnen können, und inan sollte meinen, daß ihnen eine Aussprache willkommen sein müßte, damit wir, aber auch die feindlichen Mächte erfahren, wie es in den polnischen Herzen aussieht. Kein Volk steht vor einer größeren Schicksalswende als eben dieses. Was auch mit Belgien geschehen mag, es wird seine staatliche Selbständigkeit nicht völlig verlieren. Wie es auch mit Serbien werden mag, so wird dies Land, wofern es dauernd unter der Botmäßigkeit Österreich-Ungarns bleibt, innerhalb dieses Reichsverbandes eine Stellung erhalten, mit der es national wie kulturell mindestens ebenso zufrieden wie mit der früheren würde sein können. Tie Polen aber, die bis dahin unter der russischen Knechtschaft geschmachtet haben, sollen frei werden, sollen ihr Eigenleben wieder entfalten und ausbauen können. So müßten die preußischen Volksgenossen der russischen Polen uns denn wohl vielerlei zu sagen haben, jedoch zogen sie es vor, zu schweigen. Warum wohl? Wir können ihre Beweggründe nicht untersuchen, wollen es auch nicht tun, haben indessen zuweilen die Empfindung, als ob auch die Polen zu den Leuten gehören', die gegenwärtig klüger sind, als es ihnen von Nutzen seiA kann. Allzu klug ist nicht klug. Immerhin mögen sich die Polen darauf berufen, daß die Reichsleitnng ja gleichfalls äußerste Zurückhaltung in bezug auf die polnischen Probleme beweist. Bevor der Reichskanzler (am W. September) sprach, war angekündigt worden, daß seine Rede die polnische Frage mit behandeln werde. Diese Ankündigung war kaum aus der Luft gegriffen, aber sie erfüllte sich nicht. Später erfuhr man, daß Herr v. Bethmann-Hollweg über Polen nicht sprechen wollte, weil die Dinge doch noch nicht reif genug dazu seien. Wir erinnern daran, daß der Reichskanzler int August in Wien weilte, und daß unter den Gegenständen, über die er sich mit der befreundeten Regierung ins Einvernehmen zu sehen wünschte, auch die Zukunft Polens genannt wurde. Nach der Rückkehr des Kanzlers von der Donau wurde berichtet, daß hierüber wie über die sonstigen verhandelten Fragen E i n- vernehmen erzielt worden sei, und zwar zunächst in bezug auf die Grundlinien der künftigen Neugestaltung, während über die begreiflicherweise große 'Zülle der Einzelheiten noch besondere Beratungen nötig sem würden. Vermutlich sind diese auch jetzt noch nicht abgeschlossen, was ja nicht hindert, die Zuversicht aus- zusprechen, daß die erzielte Verständigung unerschüttert bleiben wird. Auf alle Fälle müssen Gründe Vorgelegen haben, aus denen der Reichskanzler die polnische Frage anr 28. September nicht berührte. Diese Gründe können auch in unserem späteren Verhältnis zu Rußland liegen, aber davon spricht man zunächst besser nicht. Eine Benrerkung noch sei gemacht: wir vermissen es durchaus nicht und betrachten es nicht als Mangel, daß die Polen die Gelegenheit, sich zu äußern, ungenutzt gelassen haben. Vielleicht sogar ist
vom deutschen Standpunkt aus, nützlicher, daß sie den Mund nicht öffneten. Aber indem sie sich so verhielten, traten sie selbst in den Hintergrund zurück, und von ihrem Standpunkt aus angesehen war es, wie gesagt, vielleicht nicht klug, so zu verfahren. Schwierig genug, das müssen wir anerkennen, hat es das Polen- tum gegenwärtig. ....
Wilsons Bemühunffen um die Nahrungsmittelversorgung Polens fehlgeschlagen.
W. T.-B. London. 18. Okt. Das Reuterschc Bureau mel- el aus Lang Brauch: Präsident Wilson teilte mit, daß sein persönliches Ansuchen an die europäischen Herrscher, bei der, ^ahrungsmittelversorgung der dem „Hungertod prcisgegebe- uen Polen" zusammenzuwirken, fehlqeschlagen sei. Autwor- len seien eingegongen von Großbritannien, Frankreich, Öster- reich.Ungarn und Deutschland, aber „wesentliche Meinungsverschiedenheiten" verhinderten ein Übereinkommen.
Oer Krieg Rumäniens.
Der Vormarsch in Siebenbürgen.
Br. Berlin, 18. Oft. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Kriegsberichterstatter der „B. Z." auf dem siebenbürgischen Kriegsschauplatz schreibt: Schritt für Schritt haben in der abgelaufenen Woche die Unseren den geschlagenen Feind über die Tömöspa-Paßstraße zurückgedrängt. Sic waren bei diesem Bormarsch in schwierigstem Gelände in den letzten Tagen bis dicht an die Grenze gelangt. Am 12. und 13. Oktober setzten sie sich in den Besitz der Schluchten und Seen, wo die nach Bukarest führende Eisenbahn den Tömös- bach überschreitet und sich in großen Kurven durch mehrere Tunnels zur Wasserscheide heraufschraubt. Am 14. Oktober, in der Frühe, nahmen dann die deutschen Truppen unmittelbar südlich davon den langen Rücken des Osaplyant, über den die Grenze selbst läuft. Bon einer tiefen Mulde aus stürmten sie den steilen, ansteigenden kahlen Hang. Bon Beobachtungsposten einer deutschen Batterie aus sah ich, wie P re deal, die erste rumänische Ortschaft und Bahnstation jenseits der Grenze, nach der der Paß vielfach genannt wird, unter schweres Artilleriefeuer genommen wurde. Auf den beiden deutschen Paßstraßen, die den besiegten Rumänen zum Rückzug blieben, auf dem Törzburger Paß südöstlich und dem Alt-Sanzplatz östlich von Kronstadt, haben deutsche Verbände ununterbrochen Fortschritte gemacht. Nachdem der rechte Flügel unserer vor Kronstadt operierenden Truppen das Dorf Törzburg genommen hatten, ist er über die 10 Kilometer entfernt liegende Paßhöhe an der Grenze in rumänisches Gebiet eingedrungen.
Predeal ein dampfender Trümmerhaufen.
Br. Berlin, 18. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Berichterstatter des „B. L.-A." drahtet über die Kämpfe bei Predeal am 14. Oktober: Als ich vormittags so weit-wie mög- lich im Tömöser-Paß vorkam, sah ich unsere Besatzung bereits in den bisherigen rumänischen Gräben auf dem Bergrücken eingerichtet. Da zog ihre Linie sich östlich Prederl, während die Rumänen sich an dem Rande des Dorfes und im Dorfe selbst sowie in den westlichen Tälern noch hielten. Um 11% Uhr wurde das Gefechtsfeuer der Patrouillen und Grabenbesatzung durch unsere gewaltige Beschießung des Dorfes Predeal mit schweren Kalibern übecdcöhot. Der Anblick des unter dem Einschlagen zersplitternden Gebirgsdorfes, das bald als ein dampfender T r ü m m er Haufen inmitten der sonuen- bedeckten Berge lag. war von überwältigender Großartigkeit. Um 12 Uhr folgte diesem Feuer unser Sturm, der unsere Linien bis an den Rand des Dorfes vorschob und damit im Bereiche des Tömöser-P.rsscs der erste erfolgreiche Kampf auf dem Boden im Königreich Rumänien.
Schönfärberei des rumänischen Kriegs- ministcriums.
(Drahtbericht unseres 8.-Sonderberichterstatters.)
Stockholm, 18. Okt. (zb.) Die rumänischen Blätter drucken übereinstimmend einen offiziösen Kommentar des Kriegsministeriunis zu den letzten Operationen ab, der die Überschrift trägt: „Geduld und Ausdauer". Darin heißt cs: In ipanchen Kreisen der Bevölkerung wurden übertriebene Erwartungen auf die geplante rumänische Offensive in der Dobrudscha-Front gesetzt. Es ist nicht Sache der Öffentlichkeit, die Pläne der Heeresleitung zu entkräften. Ein weiteres rumänisches Vorrücken aus den gegenwärtig giinstigen Positionen ist nicht anzunehmen, da der S chw erpunkt des Feldzuges jetzt an der K a r p a t h e n f r o n t liegt. In der Dobrudscha verschanzten sich die feindlichen Heere. In bezug auf die Karpathenkämpfe wird die. Bevölkerung zur Ruhe ermahnt. Weiteres Zurückgehen ist nicht ausgeschlossen. Aber der feindliche Plan einer völligen Zerschmetterung des rumänischen Miches lverde zuschanden werden, wenn nur das Volk Mut behält. Mit Geduld und Ausdauer werden wir den größten Sieg dieses Krieges erringen. Wir brauchen nur standzuhalten und die deutsche Niederlage wird täglich mehr offenbar werden, denn was waren die deutschen Angriffe auf anderen Fronten gegen die rumänische Offensive, zu welcher die beiden Generale Falke n h a y n und Ma ck e n s e n eine überwältigende Übermacht konzentrierten!
Die rumänischen Greueltaten.
W. T.-B. Sofia» 16 . Okt. (Vom Korrespondenten des W. T.-B.) Die von mir auf Ersuchen der bulgarischen Regierung vorgenommene Untersuchung über die ©reue l, welche die rumänischen Soldaten gelegentlich ihrer Landung bei Rahovo am 1. bis 3. Oktober verübt hatten, ergab die fürchterliche Bestätigung der in den deutschen und bulgarischen amtlichen Berichten erhobenen Beschuldigungen. Die Rumänen schleppten alles fort und machten- fast alles nieder, zum Teil unter scheußlich-en Martern. Nur wenige konnten durch besondere Zufälle dem furchtbaren Schicksal entgehen. Glücklicherweise hatte sich .die Mehrzahl der Bevölkerung vor der Ankunft der Rumänen durch die Flucht retten können. Trotzdem fielen der M-o r d sucht der Rumänen w
den Dörfern Borisowo, Kaja Machte, Para Machte, Goleino, Wronowo Breschlian, Babowo, Rachowo und Slivo Pole 8,0 P e r s o n e n z u m O p f e r, 24 wurden verschleppt. Dabei wurde weder auf Alter noch auf Slcschlccht oder Nationalität Rücksicht genommen; Frauen, Kinder und Greise, Türken wie Bulgaren, wurden unterschiedslos niedergemacht oder verschleppt. Am schlimmsten hausten die Rumänen im Dorfe Babowo, welches vom 46. Infanterie-Regiment besetzt wurde. Hier wurden 53Personen getötet, nämlich 25 Männer, 14 Frauen und 14 Kinder. Die Bewohner wurden meist in die Keller getrieben, so weit sie nicht selbst dorthin geflohen waren, und von den Fenstern aus erschossen, das Haus wurde dann angezündet. Im Keller des Hauses des 85jähri- gcn Pape Wasstlew wurden 21 verkohlte Lerchen gefunden, darunter die der Marina Detova und ihrer sechs Kinder im Alter von 18 bis zu einem % Jahr (die Leiche der Mutter hatte noch den Säugling im Arm), ferner die Leichen der dreijährigen Jana und der zweijährigen Simeona Jlicwa. Mehrere Leichen waren zusammengebunden; dem örtlichen Befund nach waren diese Personen von den Rumänen mit Stricken gefesselt, dann mit Petroleum begossen und verbrannt worden. Neun Frauen, zwei Mädchen und zwei Kinder waren von den Rumänen verschont worden, da sie Essen zubereiten sollten, wobei ihnen die Rumänen ankündigten, daß sie später getötet werden würden. Das plötzliche Auftreten der bulgarischen Truppen jagte jedoch die Rumänen in die Flucht, ehe sie ihre furchtbare Ankündigung verwirklichen konnten. Aus verschiedenen übereinstimmenden Aussagen geht hervor, daß die Soldaten auf Befehl ihrer Vorgesetzten handelten. Der Gesamteindruck der furchtbaren Ausschreitungen der Rumänen kann am besten wiedergegeben werden durch das Wort eines preußischen Stabsarztes: Ich bin ein alter Afrikaner und habe den Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika mitgemacht — selbst die Hottenrotten und Hereros begingen.nicht derartige Greuel.
Das rumänische Heer in rumänischer Beleuchtung.
W. T.-B. Berlin, 18. Okt. Ein in deutsche Hände gefallener Tagesbefehl des Kommandeurs der rumänischen 11. Infanterie-Division vom 23. September 1916, Nr. 630, wirft ein grelles Licht auf die Haltung des rumänischen Heeres. Wörtlich lesen wir:
1. Die Sttaßenordnung ist miserabel. Die Kolonnen sind ohne Führer, die Wagen fahren in Unordnung und versperren die Wege in solcher Weise, daß selbst einzelne Reiter nicht passieren können. Gendarmen habe ich genug gesehen, aber Ordnung nicht.
2. Alle Soldaten, bei denen festgestellt wird, daß sie sich selbst in die Hände, Füße usw. geschossen haben, sollen täglich in die vorderste Schwarmlinie gestellt werden, unbewaffnet, um vom Feind erschossen zu werden.
3. Alle Offiziere, welche sich hinter der Front' befinden, baden die Gendarmen darin zu unterstützen. Fliehende f e st z u h a l t e n und sie in die vorderste Linie der Kämpfenden zurückzubringen.
4. Der Abtransport der Verwundeten, erfolgt oft auf durchaus ungehörige Art. Schwervcrwundete mußten zu Fuß marschieren und brachten durcb ihr lautes Schreien und Jammern Verwirrung und Angst unter die Kämpfenden.
5. In einem Tale hinter der Front fand ich 4 Chargen, die sich mit Schreibarbeit .beschäftigten" Auf den französischen Hauptmann, der mich begleitete, hat diese Art der Kriegführung einen sehr peinlichen Eindruck gemacht. An der Schlacht müssen alle Chargen teilnehmen; Kanzleiarbeiten kommen erst nach der Schlacht.
6. Nochmals weise ich alle Führer darauf hin, daß es unbedingt nötig ist, fortwährend und persönlich an der H e b u n g des Mutes bei Offizieren und Mannschaften zu arbeiten. Der Feind, den wir vor uns haben, hat eine schlechte Infanterie und nur wenig Artillerie. Mit den 20 000 Mann und der zahlreichen Artillerie, die uns zur Verfügung steht, können wir Wunder wirken und die Schande früherer Tage wieder abwaschen. Der Kommandeur der 11. Division: Oberst Cocorezcu. Der Chef des Stabes: Oberstleutnant Marcelescu.
Die Vorgänge in Griechenland.
Line Truppenschau König Konstantins.
Weitere Einzelheiten über die Kundgebungen gegen den Vierverband.
W.T.-B- Athen, 18. Okt. (Drahtbericht.) Reuter meldet: Auf dem Marsfelde hielt König K o n- ftantin in Gegenwart der königlichen Familie eine Truppenschau über 'die B e s ach u n- gen der Schiffe, die den Alliierten ausgeliefert wurden, ab. Der König yielt keine Ansprache. Der Marineminister verlas einen Tagesbefehl. Eine ungewöhnlich große Menschenmenge, vor allem Reserpisten, war anwesend. Nach der Parade kam es einer Straßenkundsebung., Die Mani-
