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Der Roman.

der Wiesbadener Tagblatts. >- -» >

Nr. 244.

Mittwoch» 18. Oktober.

1916.

Venn die Blätter fallen.

Roman von Hans von Bewarb.

(Nachdruck verboten.)

„ ® e E l nrt ^ en unfreundlichen Sommer ist ein herr- llcher Herbst gefolgt. Kein Wölkchen trübt den klaren, blauen Himmel. und die Herbstsonne lächelt unent­wegt, als wolle sie die Versäumnis des Sommers nach­holen, gutmachen, was die trübe Sommerzeit an un­freundlichem Wetter gebracht.

^ In der Mittagsstunde ist es fast heiß, und jeden Abend geht dre Sonne einem feurigen Balle gleich zur Ruhe, einen neuen schönen Tag verheißend.

Daruin ist der Fremdenverkehr in dem idyllisch ge­kegenen altertümlichen Städtchen Rothenburg a. d. Tauber auch ungewöhnlich groß in diesen herrlichen Herbsttagen, als wollten die Touristen sich entschädigen für den verregneten Sommer.

.. Dw Hotels sind durchweg überfüllt, und trotzdem d»e Wirte ihre Prlvaträume, ja selbst die zu primi- tlveil Schlafaemachern hergerichteten Badezimmer den zahlreichen Gästen bereitwilligst zur Verfügung stellen und wenn auch einige noch ein notdürftiges Quartier nt Prwathausern finden, so muß doch stets eine große Anzahl Reuender das romantische Städtchen schoir itach wenig Stunden verlassen.

Mit Neid betrachten diese dann Wohl die Gliick- belegt H'on lange vorher ein Zimmer mit Beschlag

Auch heute hat der Nachmittagszug einen großen Fremdeiistrom gebracht, deren Mehrzahl keine Unter­kunft mehr findet.

Unter deu wenigen, für die ein bestelltes Zimmer vorhanden, fallt eme große, sehr elegante Dante auf. welche mit der Sicherheit, die ein Leben in der großen Welt und ans Reisen verleiht, die übmfüllte Gastdiele durchschreitet, ohne auch nur einen Blick für die ihr nachschauende Menge zu haben.

- & n i ia interessierter dafür ist aber die ihr folgende Niedliche Zofe, die. einen reizenden Dackel an der Leine und einen photographischen Apparat in der Hand, sich, an den Overkellner mit der Frage wendet: „Keine Briefe sur Frau Gräfin Bergen und fiir Fräulein Lisbeth Mohr?", bei dem letzten Rainen mit kokettem ^acheln auf sich zeigend, um dann mit verschiedenen Briefen und Karten, unter denen sich auch einige an ihr niedliches Persönchen gerichtete befindeit ihrer Herrin zu tolgen. —

Diese hat unterdessen den leichten, grauseidenen Staubumntel und das entfache Reiscbütchen abgelegt Wb steht vor dem Spiegel, um einige widerspenstige Löckchen zu befestigen. —

Die untergehende Sonne ivirst ihre Strahlen ins Zunmer, laßt die welche, goldbraune üppige Flechten- kröne golotg flimmern und taucht das zarte, etwas blasie Gesicht m rosigen Schein, eS dadurch bedeutend lunger erscheinen lassend.

Gräfiii Erika Bergen ist nicht mehr jung, — sie hat feiert "^"i '^ren sechsunddreißigstcn Geburtstag ge-

Das heißt, nicht „gefeiert", denn wie sie mit leisem Spottlacheln zik sagen pflegt, wobei ihre tiesblauen Augen einen trostlos müden Ausdruck bekommen: „Ich feiere mente Geburtstage nicht, denn wem das Leben so wenig des Glücks geboten, wie mir. der verherrlicht ben Tag seines einstigen Erscheinens in dieser Welt wahrlich nicht. Dabei verlangen Eltern meistens noch, daß dre Kinder ihnen dankbar sein sollen für das Ge- schenk eines Lebens, das sie sich sicher nie gewünscht hatten. Nun. ich verlange diese Dankbarkeit jedenfalls nicht von meinem Sohne."

Von diesem jetzt siebzehnjährigen Sohne beiindet sich auch ein Schreiben unter den vielen Postsachen iind cs ist das einzige, welches die Gräfin sofort liest.' wahrend die übrigen als Loktüre fiir später gclasien iverden.

Sehr viel Freude scheint der Brief ihr aber nicht zu berekteii. denn mit leisem Seufzen steckt sie ihn in die Tasche und auf Lisbeths Frage uach des jungen

Grafen Befinden erlvidert sie nur kurz: „ES geht ihm

aut, er ist in Bergenthal, um die Jagdzeit 'anszunützen."

Dann, einen Pelzkragen über ihr einfaches, graues Schneiderkleid, das ihre fast überschlankc Gestalt gut zur Geltimg brmgt. nehmend, begibt sie sich hiuunter zum Abendessen, das bei dem herrlichen ivarnrcn Abend von den meisten Gästen im Freien an kleinen Tischen genoiiimen wird.

Ein wundervoller, rötlicher Frühherbst-Abend ist es.

Um Dächer und Bäunie weben itocki dnnkelqoldene Schatten, ivahrend der Mond bereits hell im& durch- sichtig tn dem tiefen, satten, abendblanen Himmelszelte schivlniint.

Leise iveht der Abendwind, und ans seinen Schwin- gen schemt ein weiches, sehnendes Gefühl zu nahen, aas dre Menschen in seinen Bann schlägt.

Träumerisch schaut Gräfin Bergen in den sinkenden Tag.

"Wenn die Sonne sinkt", durchzuckt es sie. „nicht leder Lebensabend klingt so schön und harmonisch ans als dieses, tn weiche Farbe gehüllte Tagesende."

„ An der Mauer neben ihrem Tische klebt ein Nacht- falter, denk wohl der Tau die Schwingen gelähmt.

- Mitleidig nimmt sie ihn auf ihre' weiße, schmale Hand und versucht, ihn durch den ivarmen Hauch ihres Mundes wieder zu beleben, lind es gelingt ihr wirk- sich.

Langsam breitet der Schmetterling die Flügel ans, und flattert dairn fchweriällig davon.

^ . Aber eben nur ein Flattern ist es noch, kein stolzes Fliegen, ein letztes, vergebliches Sichwöhren gegen den sicheren Tod.

Sie seufzt leite und tief, die elegante Frau, und als könnte sie trübe Gedanke,: dadurch verscheuchet«, fährt ihre Hand mehrmals nervös über die hohe, weiße Stirne.

Ob sie dem Falter etwas Gutes getan, daß sie ihm ent Leben gerettet, das ja doch nur von kurzer Dauer

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