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Der Roman.
Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 243. Dienstag. 17. Oktober.'1916.
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Die Lierbachs-Madeln.
Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.
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Wolkenlose blaue Septembertage waren Grete beschreden, als wollte die Heimat sich ihr in ihrem strahlendsten Lichte zeigen. Manchmal, wenn sie in das sonnig glitzernde Wasser hinausschwamm, dann kamen köstliche Momente des Bergeisens über sie, in denen sie sich eins fühlte mit der Natur, losgelöst von aller Schwere, wie eingelullt von dem Gesang der Wellen.
Ihr Vater, den es tief betrübte, wie ernst und still seine ehedem so lebensprühende Tochter geworden war, brachte ihr eines Morgens eine aufgezogene Leinwand und sagte:
»Jetzt gehst mit mir auf den Studienplatz! Pro- bier's n-nr einmal und mal wieder ein Skizzerl! Das ist besser als immer so allein hinsinnieren."
Sie saß gern neben dem Vater wie in früherer Zeit. Das Motiv, das er sich ausgesucht, war sehr hübsch: Ein Holzbrückchen iiber einen kleinen Bach zwischen Schilf und Gestrüpp, dahinter die Berge. Anfänglich waren ihre Finger recht ungeschickt, da sie so lange keinen Pinsel mehr angerührt hatte: allmählich aber packte sie doch der Eifer.
„O mein, Gretel!" sagte Lierbach einmal, „wenn ich dich nur auch wieder zu mir nehmen könnt wie die Trudel. Wenn du nur da bleiben dürftest!"
Sie seufzte und nickte ihm traurig zu.
„Ach, das geht ja nicht, Papa! Ich Hab' eben gedacht, daß ich morgen unbedingt fort mutz. Eigentlich hätt' ich ja schon heut' zusammenpacken sollen. Am Samstag löse ich sonst den Pfleger ab, damit er den Abend für sich hat und die Nacht ruhig schlafen kann. Mit Geld und guten Worten Hab' ich ihn dazu gebracht, das letzte Mal zu verzichten. Nun will ich doch wenig- stens-Sonntag wieder zu Hause, sein, damit er da frei ist. Den Pfleger mutz man behandeln wie ein rohes Ei."
„Das glaub' ich schon. Aber fchad' ist's. Ich wollt' halt, du wärst überhaupt nie nach Frankfurt 'zogen! Das Rechte war's ja doch nicht, und es liegt mir oft schwer auf denk Herzen, daß meine zwei Mädeln mit dem Heiraten gar kein Glück gehabt hab'n."
„Schau, Papa, bei der Trudel ist's eigentlich noch besser ansg'fallen, als man geglaubt hätt'!" fing Grete an, die gerade die Gelegenheit günstig fand, um für die Schwester ein gutes Wort einzulegen. „Ihr Mann soll aber jetzt auch hier bleiben. Die Kinder dürfen nicht ohne Vater aufwachsen und die 'beiden haben sich ja immer noch so gern!"
„Ja, zärtlich sind's, wie wenn s' gestern geheirat' hätten! Mir scheint auch, daß der Waldemar ist Amerika das Arbeiten und Rechnen g'lernt hat. Vielleicht geht's-jetzt doch. Ja, ja, die eine Sorg' wär' man ein bissel los. Aber die andere! Um dich, mein gut's Kind!"
„Mir ist schon viel leichter ums Herz, weil ich nur wieder daheim, bei euch war!" sagte Grete mit einem tapferen Lächeln.
»v Auf dem Rückwege ins Dorf begegnete sie dem alten
Postboten, dem sie ein Telegramm an Lüders mitgab: „Bin Sonntag in Frankfurt."
Noch ein letzter strahlender Sonnenuntergang, ein blauer, klarer Morgen, die ihr den Abschied schwer machten! Als sie reisefertig war, erschien zu ihrem Erstaunen der Vater im städtischen Anzug.
„Ich fahr' mit. Hab' in München zu tun", murmelte er. Aber st« fühlte mit heitzer Dankbarkeit, daß er sie nicht allein abziehen lassen wollte.
Es war eine wehmütige Freude für sie, sein Atelier wieder zu betreten und hier, zwischen den Bildern, den Abend mit ihm zu verbringen. In der versperrten Wohnung roch es nach Kampfer und Naphthalin, aber Grete schlief doch gut in ihren? alten Mädchenstübchen, ehe sie früh morgens die Heimfahrt antrat zurück in die Tretmühle, zu der grauen Sorge.
■ Absichtlich hatte sie die Stunde ihrer Ankunft int unklaren gelassen, weil sie wußte, daß Lüders das Ilmsteigen in die Pferdebahn anstrengte und sic es ihm unmöglich 'machen wollte, sie abzuholen. So wurde sie denn auch nicht erwartet. Als sie dem Kutscher ihre Straße, die Nummer nannte, schaute er sie so seltsam an. Er sagte nichts und sie frug auch nicht; aber ein dumpfes Bangen war in ihr, wie man es so leicht bei einer Rückkehr empfindet, wenn man mehrere Tage lang keine Nachricht mehr bekam.
Das Bangen steigerte sich zu einer schweren Beklemmung, als auf ihr Klingeln niemand fallt, um ihr Gepäck zu holen; als sie die Treppe hinaufulte. Sie hätte nicht zu sagen gewußt, woran es lag, aber sie hatte einen Eindruck der Verstörunz. De» Teppich war nicht gekehrt, abgefallene Blumenblätter auf den Stufen fielen ihr auf und es roch so sonderbar. — Dann kamen ihr fremde Herren entgegen mit ernsten Mienen. — Sie lief immer rascher den letzten Absatz hinauf. Die Tür stand offen, die ganze Dienerschaft war im Flur versammelt, aufgeregt, die Mädchen niit vertveinten Augen.
„Die Frau! — O Gott, o Gott! — Die Frau Eschhofen!" rief der Wärter, als sic eintrat, mit erschrockenem Ton, mit ganz verblaßtem Gesicht.
„Hawe Sie denn das Telegramm schon gekriegt. Madam?" frug das Stubenmädchen. „Awer das is ja gar nicht möglich."
„Um Gottes willen?» Was ist denn", stieß Grete hervor und hatte das Gefühl, als brächte sie gar keinen Ton heraus wie in einem schweren Traum.
„Ich bin schuldlos", beteuerte der Wärter. „Ich Hab' cs dene Herren vom Gericht ach gesagt."
Grete stürzte vorwärts, immer noch mehr geängstigt von diesem Geruch von Gas und Äther, der ihr entgegenschlug. Hinter ihr drein gingen die weinenden Dienerinnen und der verstörte Pfleger.
In dem großen Raum brannten im hellen Tageslicht flackernde Wachskerzen'; die Fenster standen offen. Ihr erster Blick fiel auf das Bett, auf dem, wie sonst, ihr Gatte lag. Aber es war nicht mehr der qualvolle.
