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n==^i Morgen-Beilage der Wiesbadener Cagbiatts. Ej==Pi
Nr. 242.
Sonntag» 15. Oktober.
1916.
(19. Fortsetzung.)
Die Lierbachs-MSdeln.
Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.
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Die Musik schwieg und Kreuzer hielt nun in lustigen Versen seine Ansprache nut so drolligem Pathos und so viel Humor, daß Lierbach den Ernst des Tages vergaß und lachend danken konnte, wenn es ihm- auch immer noch feucht in den Augen schimmerte.
„Hoch, hoch, hoch!" Man rief es so laut und freudig, daß die Berge den Ton wiederholten und es in langem Echo hinhallte an den Wanden des Hochgern. Die Blechinstrumente setzten nun ein mit einem Tusch, und mit dem Gefeierten in der Mitte reihte man sich an zu dem Zug in das Dorf.
Der schlanke, junge Mann, der zuletzt ausgestiegen war, schob nun den Hut zurück — ein lauter Jubel- schrei erklang: Trudel und Waldemar lagen sich in den Urmen. Grete hatte die Kinder an der Hand gehal- ten, die ganz scheu zu dem fremden Mann hinschauten, den die Mutter umschlang. „Kommt zu eurem Vater", jagte sie. Als er dann jubelnd den Sohn, die kleine Tochter in die Höhe hob, drückte sich Grete still beiseite. Sie wollte die Wiedervereinten ihren« Glück überlassen.
Sie war die einzige Traurige und Bedrückte an der Zefttasel; nur wenn ihr Vater zu ihr hinblickte, zwang ie sich zu einem Lächeln. Abends schrieb sie noch einen langen Brief an Luders:
„Es ist merkwürdig, wie sich hier alle gleich geblieben sind. Lachende, glückliche Kinder sind sie, diese Maler, die sich so wohl fühlen in dem einfachen Dörfchen, in der bäuerlichen Anspruchslosigkeit. Auch mein Vater mit seinen siebzig Jahren hat so frische, frohe Augen. Nur ich selbst bin eine müde, alte Frau geworden. Ihnen will ich es beichten: Ich hatte mich doch selbst so lange gefreut auf meine Überraschung. Und doch; als ich dann Trudels Seligkeit mit ansah, als sie mit einander dahingingen, Arm in Arm, die hübschen, herzigen Kinder an der Seite, da war ein bitteres Gefühl in mir. War es Neid? Oh, ich gönne ja Trudel von Herzen ihr Glück und will das meine tun, um es zu erhalten. Vielleicht war es eine späte Erkenntnis: Einst habe ich Trudels Verliebtheit, ihre eigensinnige Heirat so töricht gefunden. Nun aber sage ich mir: Menschlich schön, menschlich recht ist es doch, wenn Zweie sich vereinen in jungen Jahren, die sich wirklich lieb haben, auch wenn die modernen Verhältnisse das zu verbieten scheinen. Eine sogenannte Vernunftheirat wie die meine, ohne inneren Zwang, ohne liefere Sympathie, das ist wohl das Allerunvernünftigste.
Sie haben es mir ja damals gesagt, Luders: Sie werden sich selbst untreu. Wie oft ich hier an Ihre Worte denken muß! Ich suche nach der alten Grete imd manchmal laufe ich ganz einsam einen Bergweg hinauf oder setze mich in einen Kahn und rudere hinaus in den See. Dann grüßt mich die Erinnerung an wein einstiges Selbst und ich weiß erst, wie glücklich M einmal war und muß weinen über die müde alte ürau. — Aber ich rede immer nur von mir und will
Ihnen doch sagen, wie groß mir hier das Opfer et* scheint, daß Sie bei mir ausharren. Sie müsten zu meinem Vater kommen, sobald ich zurück bin. Er grüßt Sie tausendmal und dankt Ihnen mit mir, daß Sie es mir ermöglicht haben, ihn zu besuchen. Dafür will er Ihnen auch eine Studie hier zeigen, die er nur Ihnen vergönnt in ihrem ganzen intimen Reiz."
. Lüders las den Brief in seinem Atelier; er las ihn wieder, währe".d er neben Eschhofens Ruhebett saß, der mit offenem Munde dalag und schlief. Eine müde, alte Frau! Es war etwas in den Worten, was ihn tief er- schütterte, ihm das Herz aufwühlte. Er sah das strah- lende Mädchen wieder vor sich, das ihm die Verköpe- rung der Lebensfreude gewesen war; er sah die stolze Gestalt der Bavaria, zu der er so bewundernd emporgeschaut hatte; er hörte ihr Lachen im Kreise der Freunde, in dem so viel Jubel und Frische lag. Dann überdachte er die glücklichen Jahre, als sie zusammen gemalt hatten, wie gute Kameraden; die Stunden auf dem Studienplatz, wie oft sie da auf.dem Gras nebeneinander saßen und ihr Butterbrot verzehrten und sich gegenseitig ermunterten und trösteten, wenn eines oder das andere mit seiner Arbeit unzufrieden war.
Wie gut er sich noch an seinen ersten Besuch bei Lier- bachs erinnerte! Er war glücklich, daß er als Schüler bei dem guten Lehrer ausgenommen worden war, aber er erschrak, als er aufgefordert wurde, manchmal zur Kaffeestunde in die Familie zu kommen. Er fürchtete sich ja vor jungen Mädchen, die ihn wegen seiner traurigen Erscheinung verlachen könnten. Es kostete ihn eine ungeheure Überwindung, bis er sich endlich ent- schloß. Wie freundlich ihn Grete gleich begrüßt hatte; wie nett und gemütlich sie plauderte, daß im Nu seine quälende Schüchternheit verflog und er sich wie zu Hause fühlte!
Seit jenem Tage hatte er sie lieb. Und oft und oft hatte er in all den Jahren gedacht: er niöchte irgend eine große Tat für sie vollbringen, sieb ovfern für sie, ihr mit Ungewöhnlichem seine Dankbarkeit beweisen. Aber was konnte er denn bisher für sie tun? Ja, er lebte nun hier, wo er niemand kannte; er half ihr ein wenig bei ihrem schweren Pflegedienst; er hatte von Anfang an, nur ihr zuliebe, Eschhofens Launen er- tragen. . Doch das war alles so klein, so alltäglich. Die Trübseligkeit ihres Schicksals konnte er ja doch nicht von ihr nehmen.
Nur eins wäre Befreiung, Errettung für sie: Wenn dieser Mann, der da vor ihm lag als armseliges Menschenwrack, endlich die Augen schlösse; wenn dieses erbärmliche Leben, das sich ielbst und ihr zur Last war, zu Ende ginge! Ein sanftes Tränkchen, damit er nicht mehr erwache, — wäre es nicht eine Wohltat auch für diesen Gelähmten, der sich warten lassen mußte wie ein Kind, für den es keine Heilung mehr gab, der nur noch schrecklicheren Zuständen, gänzlicher Verblödung ent- gegenging? Wolf Lüders hatte sich erhoben imfi ftorfbi
