Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. >- ■-'«
ttr« 24t, _ Samstag. 14. Oktober. 1916.
(18. Fortsetzung.)
Dl« Lierbachs-MSdeln.
Münchner Roman von Emma HauShofer-Merk.
Mcatzdrurr verboten^
Die eine Freude mutzte sie doch wenigstens für sich beanspruchen dürfen: Für die Ihren etwas tun zu können. Was hatte sie denn sonst von diesem Reich- tuni, Volt diesem Überfluß, um den der arme, sieche Mann so heiß gerungen? Sie selbst brauchte ja nichts als das schlichte Kleid der Pflegerin.
Unzählige Mal hatte sie in den Sommerwochcn die Frage an Liiders gerichtet:
„Glauben Sie wirklich, daß ich es mir erkämpfen soll, Heimreisen zu dürfen? Emil wird natürlich sehr- ungehalten sein. Ist es nicht unrecht, wenn ich weggehe? Aber ich sehne mich doch so über alle Maßen, die Meinen wiederzusehen, dem Vater die Hand zu drücken, dabei zu sein, wenn Waldemar ankommt —"
Der kleine Maler versicherte ihr immer wieder:
„Sie diirfen nicht bloß Hinreisen zu dem Geburtstag — Sie müssen! Ihr Vater hat doch auch ein Recht an Sre. Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie ersetzen werde, so gut ich irgend kann. Ich lese geduldig die Börsenberichte vor. Ich lasse mich anbrummen. Ich spiele Sechsundsechzig und verliere mit Gleichmut alle Par- tien. Aber Sie sollen auch nicht in einer Hetzjagd hin- und herfahren. Gönnen Sie sich nur eilt wirkliches Ausruhen."
Grete war auch in diesen heißen Tagen so müde und schlaff, daß sie selbst fühlte, sie müsse andere Luft atmen, neue frohe Eindrücke haben, wenn ihre Nerven nicht ganz versagen sollten. So ließ sie sich denn auch von dem Brummen und Stöhnen, von allen harten Vorwürfen ihres Mannes nicht znriickhaltcn und be- stand auf der Reise.
Schon auf dem Bahnhof war es ihr zumute wie einer Gefangenen, die wieder den Hauch der Freiheit verspürt. Lüders hatte sie begleitet. In ihrer Vor- freude auf das Wiedersehen mit den Eltern, in der Erregung, die ihr nun, in ihrem eintönigen Leben, eine Reise hervorrrief, drückte jie ihm mit tiefer Rüh- rung die Hand.
„Ach, Lüders! Was wäre ans mir geworden in dieser traurigen Zeit ohne Sic! Verzweifeln hätte ich müssen ohne Ihre Freundschaft! Alle, alle haben mich im Stich gelassen! Sie waren der Beste, der Treueste, der Selbstloseste! Ich werde Ihr L-ck singen beim Vater, bei allen den Kollegen."
Er lächelte beglückt; ein ganz verklärter Ausdruck war auf seinem ernsten, blassen Gekickt mit den melancholischen Augen.
„Mehr verlange ich nicht. Wenn ich Ihnen wirk- lich etwas sein kann, Grete, das ist ja alles, was ich vom Loben begehre", stammelte er in seiner Ergriffen- heit.
* * *
Wie ernst und traurig sie geworden war, das fühlte Grete erst so recht, als ne plötzlich wieder in den lustigen Kreis der Maler versetzt war. Eine andere Welt!
Die Eltern wohnten in diesen: Sommer in der „Feldwies", einen: stillen Dörfchen an: Chiemsee, nahe
an den Bergen. Hier landete kein Dampfer, hier gab es kernen Bahnhof, keine Post. Nur Fischernachen, nur große heubeladene Kähne, die nach den Inseln fuhren, stießen vom Land, und einnial an: Tage kam ein alter Briefträger von der nächsten Station und vermittelte den Verkehr. Sonntags blieb er ans: da bekam man keine Zeitungen, keine Nachricht. In eine»: kleinen Häuschen mitten in einem Obstgarten, mit Geranien auf der breiten Altane, wohnte Lierbach mit seiner Frau, mit Trudel und den Enkelkindern.
Grete hatte den Eltern ihren Besuch nicht vorher angekündigt: sie hatte bis zuletzt gefürchtet, daß doch wieder irgend etwas dazwischen känre.
Nun war sie ganz gerührt, wie tief es den Vater bewegte, als sie unvermutet zu ihm auf den Studien- platz kam und sagte: „Grüß Gott, Papa!"
„Meine Gretel ist wieder da!" ries er mit einein Aufleuchten der guten, lieben Augen. „Da ist der fad« Siebziger doch auch für was nutz, weil er dich zu mit cherbringt!"
Sie konnte seine Hand gar nicht wieder loslassen. Oh. der Heimatklang, der Olfarbengernch. die ländlich« Stille: wie ihr das alles zu Herzen ging!
. Trudel sah frisch und blühend aus rmd hatte auch ihr altes Lachen noch, trotz der Trennung von ihrem Gatten. Die beiden lustigen, lebhaften Kinder ließen keinen Trübsinn aufkommen und sie war ja auch immer in dieser heiteren Atmosphäre geblieben. Wieder war nian vollauf beschäftigt mit einen: Fest, das für den Geburtstag vorbereitet wurde.
Das ganze Dorf half mit. Die Männer brachten Berge von Tannen aus dem Wald, die Frauen plün- derten ihre bunten Gärtchen und die Kinder waren beim Girlandenwinden beschäftigt. Die Maler hatten die kleinen Buben abgerichtet, daß sie jedesmal, wenn einer von der „Zunft" erschien, sick stramm stellen und die Worte sagen mußten: „Malen ist eine sehr schwie- rige, aber höchst notwendige Kunst!" Dann bekamen sie ein Fünferl zur Belohnung. Das gab jedesmal, mitten in der eifrigen Arbeit, ein allgemeines Gelächter, wenn wieder einer die mühsam eingelernte Lektion heraussprudelte, um sich das Geld zu verdienen, das sofort beim Krämer in greulichen „Zuckerln" angelegt wurde.
Grete hatte sich natürlich auch in der Scheune, wo man die Kränze und Girlanden band, an der Arbeit beteiligt: aber es ward ihr schwer, sich in den alten lustigen Ton zu finden. Kreuzer, der noch immer Un- vereiratete, aber immer Liebebedürftige, wollte ihr gleich wieder in seiner kecken Weise den Hof machen. Er sah immer noch wie ein blasser Junge aus, den man nicht ernst nehmen konnte. Doch sie war zu lange auf die Sckwelmut gestimmt gewesen, diese übermütigen Scherze, dieses Lachen lange .zu mtragen. lknbe- merkt schlüpfte sie fort von der festlich gestimmten Gesellschaft und lief hinunter an da? einsan:e Ufer, wo
