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Nr. 240.

Sreitag, 13. Oktober.

1916.

S S" » i Morgen-Veilagr der Wiesbadener Tagblatts. ! -

l17. Fortsetzung.)

Die Lierbachs-Mäöeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.

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Sie müssen tun, was Sie für das Richtige halten", sagte Max gelassen.

Sie sind ein Narr!" brummte Eschhofen.

Vielleicht! Vielleicht ein Narr!" wiederholte Max mit ernster Betonung und schaute traurig zur Grete auf.-i

Es gab wochenlang Konferenzen, Unterhandlungen und Sitzungen im Krankenzimmer. Grete hatte ihr Leben lang nicht so viel von Baugründen, von Häusern, Hypotheken und Geldangelegenheiten sprechen hören.

Ach, es war für sie ein letztes, wehmütiges Glück, das geliebte, dunkle Gesicht zu sehen, die Stimme zu hören, die schönen, schlanken Hände, die Van Dyk- Hände zu betrachten, die sie so gern gestreichelt hätte.

Auch der Spätherbst brachte noch klare Tage und wundervolle, sternenhelle Nächte. Wenn sie an das Fenster trat, um in der reinen Luft aufzuatmen, dann packte sie oft das Heimweh, als müßte sie ausichreien vor Qual. Und dann kam der Abschied von Max, der nach Rußland reiste.

Sie hatten mit Lüders zusammen in ihrem Atelier den Tee getrunken. Eine Stunde lang wollte sie noch fern von dem schrecklichen Krankenzimmer, in dem sie jetzt ihre Tage verlebte, mit ihm zusammen sein. Aber sie wagte ja kein Alleinsein. Sie durfte nicht alle Selbstbeherrschung verlieren.

Ach, solche letzte Frist vor dem Auseinandergehen. Man meint, man müßte sich noch vieles sagen und. alles Gewöhnliche, Alltägliche scheint banal und nicht gut genug; aber der traurige Kopf gibt doch keinen schönen, großen Gedanken her und das zitternde Herz findet keinen Weg auf die Zunge. So bleibt man einsilbig und sieht doch mit Bangen die Minuten verstreichen.

Als Max ihr zum letzten Mal die Hand gegeben hatte, als das letzte Lebewohl gesprochen war, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, da rettete auch die Gegenwart des Freundes die arme Grete nicht vor einem Anfall wilder Verzweiflung.

Rufen Sie ihn zurück, Lüders!" schluchzte sie fassungslos.Er soll nicht fort! Ich kann nicht von ihm lassen! Ich will nicht leben ohne ihn! soll ich denn zugrunde gehen vor Sehnsucht?"

Der kleine Lüders drückte sie sanft auf ihren Stuhl zurück, hielt ihr die Hände wie einem kranken Kind und tröstete:

Stark sein, Grete! Weinen Sie sich aus und dann sind Sie wieder mutig und gut. Plan lernt tragen, was man tragen muß!" fügte er mit leiser bewegter Stimme hinzu.

In ihrem eigenen Schmerz verstand Grete erst so ganz den melancholischen Zug in deni ernsten, blassen Gesicht des treuen Freundes, verstand sie mit Be­schämung, wie viel Entsagung sie von diesem lieben Menschen gefordert hatte.

Ach, Lüders", sagte sie mit umflorter Stimme, nun sind Sie der einzige Kamerad, der bleibt! Aber auch Sie werden dieses Unglückshaus bald verlassen.

und ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn es Sie fortzieht nach München in den alten, lustigen Kreis. Dann bin ich ganz allein in diesem Jammer."

Ich gehe ja nicht, wenn Sie mich nicht fortschicken. So viel ich brauche, verdiene ich auch hier. Wissen Sie noch, wie ich einmal den Löwen der Bavaria gespielt habe? Ein armer Löwe, der ja eigentlich nur ein Pudel war. Aber für den Pudel da eigne ich mich ganz gut."

Sie fühlte, wie er sich Mühe gab, ihre Gedanken abzulenken, sie zu erheitern.

Sie sind ein so lieber Kerl, Lüders. Ich verdien' es gar nicht, daß Sie mich so gern haben. Früher, da waren Sie noch manchmal ein bißchen eifersüchtig und brummig und bös. Aber nicht wahr, jetzt fühlen Sie wohl, daß Sie nur Mitleid mit mir haben müssen und daß Sie mir nicht zürnen dürfen, auch wenn ich Ihnen mein schweres Herz verraten habe."

Ich habe verzichtet, Grete, auf eigenes Glück!" sagte er ernst.Mein Leben ist mir ganz gleichgültig; schon längst. Es hat sein Gutes, wenn man, wie die Alten, nur mehr zuschaut, nichts mehr hofft, nichts mehr erwartet. Wenn ich Ihnen noch ein bißchen hel­fen kann das ist alles, was ich wünsche." . . .

Eben kam der Wärter angestürzt.

Gnädige Frau! Der Herr will, daß Sie zu ihm kommen. Er ist in so schlechter Laune."

Wo bleibst du denn den ganzen Nachmittag?" rief Eschhofen ungeduldig.Soll ich ewig allein sein mit diesem stupiden Menschen? Du mußt mir einen Brief schreiben."

Gern, Emil. Und dann spielt Lüders vielleicht eine Partie Schach mit dir", sagte Grete ergeben mit ihren rotgeweinten Augen.

* * *

Langsam, träge schleichen in einem Hause, in dem ein Siecher liegt, die Tage hin , wie ausgeschaltet scheint das Heim vom frischen Leben, das draußen weiterslutet; die Bekannten werden des Nachfragens müde und all­mählich sinkt der Unglückliche und seine Umgebung in Vergessenheit. Und beim Rückblick wundert man sich dann doch, wie die Wochen, die Monate sich anreihten, dahinzogen in gleichmäßiger Trübseligkeit, in einem grauen Nebel.

Fast zwei Jahre waren vergangen, seit Grete mit dem gelähmten Mann zurückgekehrt war in die Woh­nung, in der schon ihre gepackten Koffer standen, die sie für immer hatte verlassen wollen.

Sie tat ihre Pflicht; sie war eine geduldige Pflege­rin; aber die frische Lebensfreude, die ihr Gesicht, ihre ganze Erscheinung belebt, die ihrem Wesen einen so be­sonderen Reiz verliehen hatte, schien wie erstorben. Müde Ergebenheit in das Schicksal sprach nun aus ihrer leiseren Stimme, aus ihren blässeren Zügen.

Eschhofen hätte auch einer Frau, die ihn liebte, die Pflege nicht leicht gemacht; er war rücksichtslos in seinem Egoismus und tyrannisierte mit seinen Launen