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Mi Morgen.Yeilage des Wiesbadener Tagblatts. r.

Nr. 239.

Donnerstag, 12. Oktober.

1916.

( 16 . Fortsetzung.)

Die Lierbach§-Mädeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.

lRÄbdrmk vrrbotknd

„Noch bin ich nicht frei. Noch haben wir kein Recht, von der Zukunft zu träumen. Es war nur ein Lebe­wohl. Ganz leise, ganz scheu, wollen wir sagen: Auf Wiedersehen!"

Am Abend sollte Eschhofen, der nach Köln gereist war, zurückkehren. Grete brannte der Boden unter den Füssen. Sie hatte alles geordnet, um gleich nach der Ankunft ihres Mannes fortfahren zu können. Die Eltern erwarteten sie in Törrwang, einem gnz welt­fernen Dorf in den Vorbergen, und wie ein Paradies erschien ihr jene einsame Stille, in der sie untectauchen wollte, jene schlichte Ländlichkeit, in der sie die Er- mnerungen ihrer ersten Jugend, ihrer Kindheit wieder- chnd. Aber Eschhofen kam nicht und auch der nächste Dag verging in ungeduldigem Hmharren auf diese Aus­sprache, die sie sich zur Pflicht gemacht hatte.

Endlich traf in der Abendstunde ein Telegramm ein, das Grete, ärgerlich über eine Verzögerung, aber doch ohne Arg, öffnete, denn ihr Mann pflegte viel häufiger nnt Depeschen als mit Briefen seine Mit­teilung zu schicken.

Nun aber los sie mit erschrockenen Augen:

. „Habe Sie zu benachrichtigen, daß Herr Eschhofen einen schweren Unfall hatte und bitte Sie, sofort zu kommen. Dr Merans."

Eine halbe Stunde später saß Grete im Zuge. Es war Nacht, als sie in Köln ankam. Der Arzt hatte ihr die Klinik angegeben. Eine Diakonissin huschte mit lenen Schritten heran und führte sie durch weite stille Gänge zu dem Krankenzimmer.

Sie mußte warten, bis der Arzt gerufen werden konnte, der sie nnt ernster Miene, mit einem traurigen Achselzucken empfing

Herr Eschhofen sei bei einem Bau. den er besichtigt hatte, von dem Gerüst gefallen und liege noch bewußt­los. Man konnte über die Art der Verletzung noch nichts Näheres sagen: äußerlich seien ja nur verschie­dene Schürfungen iind Kontusionen zu bemerken, aber man habe den Patienten, da eine Gehirnerschütterung zu befürchten war, nicht aus der ruhig-n Lag» bringen dürfen.

Das Geheimnis, das über diesen verhängnisvollen Minuten lag, in der er den Halt verloren hatte, war jedenfalls nicht mebr zii lichten.

Der Arzt gab wieder Hoffnung, als Eschhofen am Morgen erwacyte, bei klarer Besinnung war und keine Symptome sich einstcllten, die auf eine schwere Gehirn- Erschütterung schließen ließen.

Aber das blasse Gesicht mit der Binde über der ver- letzten Stirn hatte einen Ausdruck gualvoller Angst „Ich kann mich nicht bewegen. Ich bin wie ein Klotz'" stieß er rauh hervor.

„Es ist natürlich, daß man einen Stur; vom zwei- ten Stock auf das Strahenpflaster spürt, mein Herr!" suchte der Arzt ihn zu trösten, aber Grete sah Wohl, daß ihm der heitere Ton nicht von Herzen kam.

Als der Patient durch Nahrilnq gestärkt worden war, auch eine Stunde geschlummert hatte, fand die Untersuchung statt, zu der auf Gretes Wunsch der erste Chirurg in Köln zugezogen wurde.

Sie wartete im Nebenziminer auf das Ergebnis, in jener schweren, dumpfen Gemütsverfassung, die in solcher von Karbol durchschwängerten Atmosphäre, in der Nähe von soviel Elend und Schmerzen, sich jedes mitfühlenden Menschen bemächtigt, als gäbe es nur Jammer und Trübsal auf der Welt, als wäre jeder Gedanke an Lebensfreude hier erloschen.

Dann hörte sie den traurigen Bescheid, der lote ein unerbittlicher Urteilsspcuch war, auch für sie:

Eine Verschiebung der Rückenwirbel, zugleich Quetschung des Rückeninarks. Keine unmittelbare Lebensgefahr, aber vollständige Lähmung der Beine; ein unheilbares Siechtum,

Am nächsten Tage kam der Architekt, bestürzt von der Nachricht, die ihm zugeqangen war, in die Klinik, Grete sah ihn an mit einem langen, traurigen Blick.

Siehst du Nim, daß wir nur geträumt haben vom Gluck! schienen ihre ernsten Augen zu sagen.

Sie standen vor dem Lager des Gelähmten, sie zur Rechten, er zur Linken, und fühlten, daß sie an diesen Mann, von dem sie sich schon losgelöst geglaubt, ange- schmiedet waren durch die linzerreißbaren Fesseln des Mitleids und der Pflicht.

So lange Grete in der Klinik weilte, war sie so emgelullt in Trauer, in Jammer um die armselige Menschheit, daß sie gar nicht den Mut hatte, über ihr eigenes Schicksal nachzugrübeln. Ihr schien es wie Glück, gesund iind mit geraden Gliedern herumgehen zu können.

Noch hoffte Eschhofen auf Genesung, ließ alle Heil­versuche, die nmn anstellte, über sich ergehen und wollte vertröstet, beruhigt, unterhalten werden. All- mählich verlangte er voll Ungeduld nach Hause, in die Nähe seines Geschäfts, und da man ia eigentlich wußte, daß dein armen Mann nicht zu helfen war, erlaubten die Arzte nach einigen Wochen den Transport nach Frankfurt.

Grete hatte durch Schmidt und Lüders das größte, an der Südseite liegende Zimmer, das eine Veranda besaß, für ihren Mann einrichten lassen, damit er Luft und Sonne hatte und sich nicht beengt fühlte. Es war allerdings der Salon gewesen, und als Eschhofen diese Veränderung sah, war er außer sich und grollte und zankte tagelang. Er ahnte ja nicht, daß iit diesem Rmmi sich sein ganzes weiteres Leben abspielen müßte. Als sich ihm allmählich die Erkenntnis aiifdrängte, er würde nun so unbeweglich, auf fremde Hilfe angewiesen, liegen bleiben, kamen grauenhafte Wochen für Grete. Eschhofen hatte solche Wutanfälle, daß sie bei der ge­ringsten Kleinigkeit, die ihn ärgerte, fürchten mußte, er ivürde sie mit den Händen, die er ja gebrauchen konnte, schlagen, würgen. Was in seiner Nähe war, schleuderte er, wenn ihn der Zorn packte, an die Wand,