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1 Der Roman, j

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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i »——v

Nr. 238.

Mittwoch» 11. Oktober.

1916.

(16. Fortsetzung.)

Die Lierbachs-Madeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.

Miahdriick' wrfcDltit.)

Sie schlug die Hände vor das Gesicht in Beschämung und Empörung. Es war ihr so elend zumute, als wenn sie verraten worden wäre von der ganzen Welt; als hätte man ihr allen Glauben an die Menschen zer­treten. Mit schmerzenden Schläfen suchte sie zu über- legen, sich klar zu werden, daß sie ja kein Recht habe, ihm so bitterlich zu grollen. War er nicht ein freier Mann? Warum sollte er nicht mit einem leichtsinni­gen kleinen Ding an die Bergstraße fahren? Warum nicht nehmen, was sich ihm bot?

Aber nein, nein! Es war heimtückisch, daß er dem armen Mädchen seinen Namen Verschiviegen hatte; es war grausam, daß er sie beiseite schob ohne Abschied, sie einfach wegdrückte wie ein herzloser, kalter Ver­führer! Wahrhaftig, wenn er so handeln konnte, dann war sein Wesen, wie es sich ihx bis jetzt gezeigt, auch nur Maske; dann durfte er sich nicht als vornehmer Charak­ter aufspielen; dann hatte er gar keine Veranlassung, auf ihren Mann stolz herabzuschauen, wie er es tat!

In all ihrer Enttäuschung schien es ihr förmlich wie eine Befreiung, daß sie ihm zürnen konnte, daß sie sich zum ersten Male sagen durfte: er ist auch nicht besser: es ist einer wie der andere! Törin, die glaubt, vertraut, die sich das Herz zerquält für einen Mann.

Es verging geraume Zeit, bis sich wieder eine Ge­legenheit fand, den Architekten allein zu sprechen. Vor ihrem Gatten wollte sie ihn. nicht mit diesem Brief be­schämen. Ihre kühle Miene, ihr veränderter Ton konn­ten ihm wohl zeigen, d,aß sie ihn nun durchschaue und jede tvarme Regung bereue, die sie ihm verraten hatte. Auch er hielt sich ihr fern; ihr letztes Wort war ja eine strenge Zurückweisung gewesen.

Einmal aber hatte er ihr die Mitteilung zu machen, ihr Gatte werde erst in der Nacht ankommen; sie sollte

g tt nicht zum Abendessen erwarten- er habe an das ureau telegraphiert.

In sehr gemessener Haltung stand er vor ihr, ge- .kränkt von ihrem frostigen Empfang und wollte sich so­fort nach der kurzen Meldung wieder entfernen.

„Haben Sie einen Moment Zeit?" frug sie, sich mühsam zur Ruhe zwingend.

„Wenn Sie befehlen, gnädige Frau, gewiß!"

Sie trat an ihren Schreibtisch, holte den Brief und gab ihn ihm.

„Ich habe ja gar keine Befugnis, mich in Ihre per- .sönlichen Angelegenheiten zu mischen, Herr Schmidt", 'sagte sie. „Aber Sie werden begreifen, daß ich doch diesem armen Geschöpf, das sich an mich gewandt hat, eine Antwort geben möchte."

Sie sah, daß er verlegen wurde, daß die Sache ihm sehr peinlich war.

„Ich würde Ihnen raten, diesen Brief ins Feuer zu werfen und sich nicht weiter um die Angelegenheit zu kümmern", sagte er nach kurzem Zögern. Seine sichtliche Befangenheit, die Hast, mit der er sprach, raubten ihr die letzten Zweifel, die vielleicht doch noch

in ihr geschlummert hatten, als könnte es sich um irgen8 eine schwindelhafte Verleumdung handeln.

„Sie scheinen allerdings für ein abgekürztes Ver- fahren zu sein", bemerkte sie scharf. „Man schiebt ein­fach fort, was unbequem ist, nicht wahr? Aber mir hat der Brief Eindruck gemacht. Ich halte für wahr, was das arme Mädchen schrieb und sehe nicht ein. warum ich das arme Ding beleidigen sollte durch voll­ständige Nichtbeachtung. Oder können Sie mir einen Grund sagen? Hat sie etwas getan, wodurch sie die schlechte Behandlung verdiente?"

, Max sah zu Boden, kaute an der Lippe, gab erst keine Antwort. Dann sagte er wie mit einem plötz­lichen Entschluß: „Ich weiß cs nicht!"

„Sie wissen es nicht?"

„Aber nein! Ich habe doch keine Ahnung, wer dieses Fräulein ist!"

Es klang so treuherzig, so überzeugend wahr, daß ihr im ersten Moment das Herz schlug wie in einer übermütigen Freude:

Dann wurden ihre Augen finster; mit einer drohen­den Falte auf der Stirn stieß sie hervor:

„Sie kennen sie nicht? Aber dann —-"

„Gnädige Frau! Ich bin in einer sehr peinlichen Lage, Ihrem Verhör gegenüber. Sie haben mich schon seit geraumer Zeit kaum mehr eines Blickes gewürdigt; Sie hatten eben wieder einen so eiskalten Ton gegen mich. Ich kann, ich will das nicht ertragen! Ich fiihle ja nun wohl, daß dieser Brief die Ursache ist. Und es hieße Übermenschliches von mir verlangen, wenn ich die Schuld eines anderen auf mich laden, wenn ich Ihre Verachtung geduldig hinnehmen sollte, ohne mich zu ver­teidigen. Ich muß bekennen, daß ich von der Sache nichts weiß. Aber ich beschwöre Sie: Forschen Sie

nicht weiter nach! Verbrennen Sie den Brief. Es ist vielleicht nur eine neue Form, Almosen von Ihnen herauszulocken."

Sie stand vor ihm mit stolz zurückgeworfenem Kopf, hochaufgerichtet; in ihrer Haltung wieder ganz die Walküre mit dem trotzigen, kainpflustigen Ausdruck.

„Ich frage Sie nun auf Ihr Gewissen und ich appelliere an die Freundschaft, die Sie für mich haben, an die ich glaube: Halten Sie es für möglich, für denk­bar, daß dieser Brief meinem Mann gilt? Bitte, jetzt keine Lüge! Ich werde nie über diesen Moment sprechen. Ich fordere Ihr Vertrauen unter der streng­sten Verschwiegenheit. Sie sollen auch keine Indis­kretion begehen. Ich will nur klar sehen. Also nur die eine offene Antwort: Halten Sie es fiir möglich, daß Ihr Kompagnon dieses Liebesabenteuer hatte?"

Flehend, mit dringender heißer Bitte lagen ihre Augen auf seinem Gesicht. Er hätte nicht zu lügen vermocht, auch wenn es sich um seinen besten Freund gehandelt haben würde.

„Ja, gnädige Frau!" sagte er nur.

Aber dann erschrak er über das Entsetzen, das ihrtz