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Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblattr. ,» -^a )

Nr. 236. Sonntag» 8. Oktober. 1916.

118. Fortsetzung.!

Die Lierbachs-MSdeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.

tRüMvulv verdottM

Das Schlimmste waren die Zweifel an dem Charak­ter ihres Gatten. Und weil sie sich sagte, daß sie ihr Selbst wahren, festhalten müsse an dem, was ihr recht und gut und der Begeisterung wert erschien, sich nicht von ihm unterjochen lassen dürfe, ward sie immer mehr zur Rebellin, die ihm kritisch, mit innerem Widerspruch gegenüberstand.

Es ließ sich nicht vermeiden, daß sie oft mit dem Kompagnon" zusammentraf, und dann saß sie zwi­schen diesen beiden Männern und mußte im stillen immer dem einen recht geben, stimmte jedem Wort zu, das Max sprach, und war, ohne es zu wollen, die heim­liche Gegnerin ihres Mannes. Entsetzt über die eigenen Gedanken, schaute sie auf die schönen vor­nehmen Hände des Architekten mit den langen, schlan­ken Fingern und verglich sie mit Emils kurzer, breiter, brutaler Hand und schreckte dann unwillkürlich zurück vor dieser Berührung.

Es war merkwürdig, wie oft ihr Mann sagte:Du bist gerade so unpraktisch wie mein Herr Kompagnon. Ihr mit eurer Menschenliebe! Da kämt ihr weit!" Oder er höhnte, wenn Grete irgend eine Wohlfahrts- etnrichtung befürwortete:Ich meine, ich höre Herrn Schmidt reden. Die Leute, die nichts besitzen, sind immer so bereit, zu geben."

Dann richteten sich die Augen seiner Frau wohl mit einem düsteren Blick auf ihn, mit einer angstvollen Abwehr, als wollten sie flehen: Schweig' doch! Sag' es mir nicht, auch du, wie gleich wir denken. Ich kämpfe doch mit aller Macht gegen die Sympathie, die mich zu ihm hinzieht. Wie eine Befreiung schien es ihr, wenn cs hieß: Der Architekt muß wieder einen Auftrag ausführen, in Schweden oder in der Schweiz nur irgendwo in der Ferne. Und doch, wenn er fort war, dann fühlte sie erst ihre große grausame Ver­einsamung.

Heimweh nannte sie dieses schmerzliche Zerren und Dehnen am Herzen. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß ihre Sehnsucht nicht den Eltern und nicht der Schwester, nicht der Isar und nicht den bayerischen Bergen galt, sondern weiterflog zu dem Mann mit dem ernsten, dunklen Gesichts mit den vornehmen, schlanken Händen.

So schwer auch manche Stunde scheint, die Tage gleiten doch rasch, unfaßbar, in immer schnellerem Tempo von uns fort.

Gretes Hochzeitstag jährte sich nun schon zum drit­ten Male. Es war Wohl nicht ganz bedeutungslos, daß ihr Mann dieses Mal vergaß, ihr Blumen zu bringen. Seine Verliebtheit, die ihr immer noch Macht über ihn gegeben, ihn nach jedem Streit dazu gezwungen hatte, versöhnlich einzulenken, kühlte sich immer mehr ab, und es gab keine Brücke mehr über ihr; innerliche, seelische Fremdheit voneinander.

Es war für Eschhofen eine große Enttäuschung, daß er auch in seiner zweiten Ehe kein .Kind bekam, und er

grollte seiner Frau, weil ihm dieser heiße Wunsch ver­sagt blieb.

Grete hatte zweimal die Eltern besucht und ein paar Sommertage mit ihnen auf dem Lande verbracht. Länger ließ ihr Gatte sie nicht fort. Er wußte eS immer so einzurichten, daß aus irgend einem Grunds ihre Anwesenheit nötig war.

In der letzten Zeit waren schlimme Nachrichten über die Verhälrnisse der Schwester zu ihr gelangt; so gut sie konnte, half sie aus und hätte gern mehr geschickt, wenn sie über größere Mittel hätte verfügen können; aber sie mußte über das Geld, das durch ihre Hände ging, genau Buch führen und wollte sich um keinen Preis mit einer Bitte an ihren Mann wenden, denn sie wußte, wie verächtlich er über dieMalersehe" sprechen würde.

Falk hatte nämlich, nach dem Tode seines Vaters, seine Erbschaft angetreten und nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mit dem bescheidenen Kapital ein Haus zu kaufen. Ohne irgend jemand um Rat zu fragen, ließ er sich von einem geschickten Agenten vorspiegeln, daß er ein famoses Geschäft mache: künftig fret in der

Wohnung sitzen und noch einen schönen Gewinn ein­nehmen könne.

Es stellten sich bald die Schäden heraus. Das Haus war schlecht gebaut; man hatte die Mieten künstlich in die Höhe geschraubt; die großen Einnahmen standen nur aus dem Papier, die Wohnungen blieben leer und die Kosten kür die Reparaturen überraschten den mit: solchen Dingen nicht vertrauten Maler aufs peinlichste.' Der Zuschuß von zu Hause, mit dein man früher die laufenden Ausgaben bestritten hatte, siel natürlich weg. Ärger und Verdruß verdarben Waldemar die Stim­mung zum Malen; er verkaufte schlecht und konnte di» Zinsen für das auf dem Hause ruhende Bankgeld ntchr aufbringen. Lierbach hatte schon ein paarinal geholfen, aber schließlich erklärt: io könne es nicht weitergehen. Falk müsse das Haus verkaufen und trachten, wenig­stens sich selbst durchzubringen. Nach vielem vergeb­lichen Suchen, nachdem er an dem törichten Kauf den größten Teil seines Vermögens verloren, blieb Walde­mar nichts anderes übrig, als eine Stellung an einer Malschule in Milwaukee anzunehmen, das einzige, wa§ er bekommen konnte; während seine Frau mit deck Kindern wieder zu den Eltern zurückkehrte.

Ns Grete diesen Entschluß erfuhr, war sie so be­stürzt, daß sie sofort nach München reiste, um ihr« arme Schwester zu trösten, um den Eltern in der trau­rigen Stimmung nahe zu sein. Auch Waldemar tat ihr ja so von Herzen leid.

In der Falkschcn Wohnung erkannte sie erst recht, wie sie in diesen letzten Jahren verwöhnt und an­spruchsvoll geworden war. Sie sah jetzt die Armseligkeit' der Räume, die heruntergekommene Einrichtung, ein buntes Gemisch von stilvollen kostbaren Möbeln und' höchst primitivem Hausrat, das schmutzige Dienstmäd­chen, dre Enge und Bedrängnis der ganzen Lebens»