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Mo rgen-Beilage -es Wiesbadener Tagblatts. Z

Nr, 233. _Samstag, 7. Oktober.

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1916.

( 13 . Fortsetzung.)

®ot seinem düsteren anklagenden Gesicht, bei diesem hastigen Geständnis kroch ihr eine Angst, eine dumpfe Bangigkeit ans Herz. Sie hätte aufschreien mögen: Warum bist du nicht früher gekommen? Warum hast du meinem Leben gefehlt? Ich hätte den Freund ge­braucht, der mir Mut machte, den Warner wie einst! Wozu jetzt, da es zu spät ist für jede Umkehr, diese bit­tere Frage, dieser strafende Hohn? Mühsaiu schüttelte sie die Befangenheit ab, in die seine Nähe sie einspann, und suchte zu scherzen:

, »Der Vergleich mit der Zugspitze ist ja sehr schmei­chelhaft. Aber wie ein Felskoloß war ich ja doch nicht m der Heimat angewurzelt. Von München nach Frank- ftirt — recht weit ist's wohl nicht voneinander für einen Menschen, der wie Sie in der Welt herumfährt, nicht?"

„Nicht dre Städte, aber die Ilingebung, in der Sie dort lebten und nun hier leben müssen."

„Ist hier nicht auch ein künstlerisches Milien?" frng ste lächelnd. „Ich werde mich nun mehr mit der Archi­tektur als mit der Malerei befreunden."

„Hier!" lachte er bitter. „Hier ist Geschäft! Wenig- stens ln diesem Hause."

„Sie tun sich unrecht. Sie sind doch Künstler."

. „Angeschmiedet an das Kapital! Was bleibt unser- einem denn übrig, als seine Freiheit auszugeben, um überhaupt etwas zu erreichen? Ich weiß nur nicht, warum Sie das tun mußten, gnädige Frau! Ich hatte mit solcher Freude gehört, daß Sie sich der Malerei zu- gewendet, daß Sie Ihr Talent entwickelt hatten."

„Das wußten Sie?" frng sie, plötzlich vergessend, wo ste war, imt einer Erregung, als wäre sie noch Grete Lrerbach und dürfte es ihm endlich sagen, daß er sie angeeifert hatte zur Kilnst, zum Ernst, daß sie ihm jede frohe Schaffensstiinde, jeden Erfolg verdanke.

„Ich hatte doch nie wieder etwas von Ihnen ge­hört", fügte sie dann leise, mit einem unwillkürlich wehmütigen Klang hinzu.

„Ach, leider hotte ich mich mit meinem Freund Falk kurz vor der Abreise verzankt. Sie wissen ia, wie's dann geht? Man schreibt sich ohnedies nicht viel: wenn man tut Groll voneinander ging, gar nicht. Ich habe es tief bedauert, als ich hörte, daß Falk Ihr Schwager geworden. Und doch — es fand sich nicht gut eine An- knüpfung. Aber ich habe doch immer noch Fühlhörner ausgestreckt und hingehorchk wie es in Ihrem Hause

welterging, bis ich dann fortreiste.-Alles hätte ich

erwartet: alles eher, als Sie als Frau meines Koin- pagnons zu sehen. Das nicht: das nicht in denk schreck- llchsten Traum!"

Eschhofen kam ziirück. Zum Glück für Grete so mit geschäftlichen Dingen beschäftigt, daß er ihre Fasiungs- losigkeit nicht bemerkte. Er vertierte sich dann auch mit dein Architekten in ein lebhaftes Gespräch, aus dem sie nach einer Weile erregte Wort heraushörte:

„Unser bester Bauführer ist entlassen worden, weil er wegen Krairkheit seiner Frau um Vorschuß gebeten hatte", sagte Schmidt ungehalten.

Die Lierbach§-Mäöeln.

Münchne^ Roman von Emma Haushofer-Merk.

Müchdriick verboten?

...Die Kerle solleil sparen zur rechten Zeit!" rief Eschhofen. „Ich kümmere mich nicht um ihr Familien­leben!"

„Ich halte das für sehr unrecht", gab die junge ernste Stimme zurück. „Man müßte gute Arbeiter, einen Stock von zuverlässigen Leuten, durch freundlich- menschliche Behandlung zur Anhänglichkeit und jusu Interesse an dem Geschäft veranlassen."

„Ach, lassen Sie mich aus mit Ihren Ideen! Diese Lumpen! Wenn einer ihnen mehr gibt, laufeii sie doch zu ihm!"

. „Die meisten wohl. Ich weiß auch nicht, ob man ihnen das so sehr verdenken kann. Wirklich Tüchtige sollte man eben so gut bezahlen, daß sie nirgends eilt besseres Unterkommen finden."

„Sie sind natürlich immer bereit. Geld mit vollen Händen aciszuschütten!" höhnte Eschhofen.

„Ohne ordentliche Bauführer bin ich eben nicht iui- stande, ein Hans bis zum bestimmten Termin fertig zir stellen. Ich kann auch nicht die Garantie übernehmen, daß es solid gebaut ist!" klang es scharf zurück.

..Mit Ihrer Weichherzigkeit irnd Ihrem Huinani- tatsdusel erzielen Sie eben keinen Gehorsam. Wenn die Kerle nicht parieren, dann melden Sie es nur mir. Ich werde schon Feuer dahinter machen!"

„Es komnien andere Zeiten, Herr Eschhofen", hörte Grete noch den Architekten sagen. Dann hatte sie ge- räuschlos die Tür hinter sich geschlossen, um in ihr Zrnnner zu flüchten. Das kleine Atelier, das sie sich eingerichtet, war der einzige Raicm. in dem sie sich -n ihrem eigenen Bereich fühlte. Sie inußte allein sein: allein tief auisenfzen aus ihren? gepreßten Herzen: das Entsetzen Niederkämpfen, das sich ihrer bemächtigt hatte. Noch klang der Streit mit ihrem Gatten in ihr nach: noch schauderte ihr vor dein Einblick in jenen harten Egoismus, der ihr geworden, und doch schien diese- Er­fahrung schon weit znrllckzuliegcn: dein? wie ein großes, furchtbares Erlebnis, das alles uni sie her veränderte, stand vor ihr diese? Wiedersehen. Schmidts Befrem- den. seine förmliche Anklage. War denn der Mann dazc, berufen, wie ein Mahner, wie ein Strasprediqer vor ihr aufzutauchen und an den Tiefen ihres Wesens zu rütteln?

Kannte er ihren Gatten so viel besser wie sie? Hatte sie sich blenden und täuschen lassen? O, nicht von dem Reichtum, ivie er ivohl meinte, sondern von der Liebe, die ihr geschmeichelt hatte, von dem rosigen Nebel, mit dem warme werbende Worte einen Mädchen­blick einlullen.

Lange saß sie zivischen ihren alten Studien, unter den vielen Erinnerungen an das frühere Leben mit einem Gefühl folternder Reue und angstvollem Grauen vor der Zukunft.

Dann raffte sie sich auf und kämpfte mit trotziger Kraft die Schrecken nieder, die st- niederbeugen und crlr sich selbst irre machen ivollten.