der Wiesbadener
Nr, 234._ Kreitag, 6. Oktober.
Tagblatts. i »~- ^- ==a i
1916.
111. Fortsetzung.)
Die Lierbachs-MSdeln.
Münchner Roman von Emma HauShofer-Merk,
WirchdruL vervottn^
» der Hochzeitsreise hatte Grete zuweilen
lächelnd zu ihrem Manne gesagt: „Du bist ja ein Tyrann! Noch war's die liebenswürdige, heitere Tyrannei der Flitterwochen, die etwas so Reizvolles, Beglückendes hat für eine junge Frau.
... m J ie P t } n J n i& r ueues Heim eingezogen waren, klang schon leise Angst, eine erste Beklemmung durch die Worte: „Du willst mich ja tyrannisieren, Emil!"
„Ja, liebes Kindl So viel Freiheit wie als Malerin kannst du hier freilich nicht beanspruchen", meinte er wohl und da er bemerkte, daß sie unwillig die Stirne zusammenzog, fügte er rasch hinzu:
„Schatz, bedenk doch! Jetzt bist du mein eigen! Du mutzt begreifen, daß ich über jeden deiner Schritte h)0( §? rt . t mod,te ' daß ich dich ganz für mich haben will."
Noch waren es schmeichelnde, von Rosen umwundene Ketten, aber Grete fühlte doch schon ihren Druck. Sie sollte nicht mehr allein spazieren gehen: ihr Mann war wutend, weil sie einmal während seiner Abwesenheit im Zoologischen gewesen war. Die Briefe, die sie von zu Hause bekam, sollte sie ihn lesen lassen. Und vor allem, iedes Stück ihrer Toilette, jeden Hut, jede Bluse, -rede Krawatte mußte sie erst seiner hohen Kri- .tik unterwerfen. Sie hatte immer auf eine hübsche Farbenzusammenstellung, einen kleidsamen Schnitt ihrer Kleider gehalten; ob sie etwas mehr oder weniger modern, ein bißchen billiger oder teurer im Stoff waren, daran lag ihr nicht viel. Nun mißbilligte er fast alles, was sie von zu Haus mitgebracht hatte, konnte stundenlang in einem Kaufhaus mit ihr aus- Wahlen, was er elegant und gediegen fand, und zeigte erne geradezu feindliche Abneigung gegen ihren „künst. lerrschen Geschmack".
„Nur das nicht! Das geht hier nichts Du bist nicht unter den Malern! Nur keine Eigenart!"
Sie, fügte sich, aber sie schaute sich oft ganz entsetzt im Spiegel en.
"Schau ich fad aus!" rief sie einmal, als sie ein "eueS Kleid mrt einer nach der damaligen Mode in feste Falten geraffte Tunique an hatte.
,, Tapezierer angezogen!" Sie
Mnltt sich selbst eine höhnische Grimasse, als sie das wrnzrge Kapotthutchen aufsetzte.
„Bist das du?" frug sie sich nun oft in ihren Prunkvollen mit einer Verschwendung von Stoff, von Samt und Plüsch eingerichteten Zimmern, in denen sie sich immer noch wie ein Gast dorkam.
Andere junge Frauen bringen ihre eigenen Möbel mit, geben ihrem Heim ein persönliches Gepräge. Aber sie dachte: „Ich bin eigentlich zu Herrn Eschhofen ge- Sogen. . ein fertiges Haus, in ein schon im Gang befindliches Hauswesen."
Es gefiel ihr gar nicht alles in der Einrichtung der Zimmer, es war ihr vieles zu überladen, vieles schien rhr geschmacklos, aber sie konnte doch nicht sofort an- fangen zu tadeln und zu mäkeln, da ihr Mann doch offenbar seine Räume mit großem Stolz betrachtete.
, Sie erkannte erst jetzt, wie einfach und bescheiden si« in München gelebt hatten. Der Komfort und Luxus großen Stil geführten Haushalts war ihr vollständig neu, und sie mußte eigentlich erst lernen, wie ihre drei Dienstboten alles anordneten, ohne an der schon einmal bestehenden Gewohnheit viel ändern zu können.
. So fand sie es sehr überflüssig und bedrückend, daß bei ihren Mahlzeiten, auch wenn sie nur zu zweit waren, das Stubenmädchen wie ein Automat neben dem Büfett stehen mußte, um die Speisen zu servieren, die sie sich doch leicht hätten hin und her reichen können. Das Mittagessen war oft ihr einziges Zusammensein am Tage, und doch störte die Anwesenheit der Bedienung wdes Gespräch. Wenn Emil sein schlechtes Französisch zum besten gab, mußte Grete lachen. Aber er hielt auf den Brauch. Es geschah in allen besseren Familien. Es schien ihm vornehm, daß serviert wurde.
Sie waren erst wenige Monate verheiratet, als ein an sich unbedeutender Zwischenfall einen heftigen Streit hervorrief.
Gretes Jungfer, ein sanftes, stilles Mädchen, das sie aufmerksam bediente, sah einmal sehr betrübt und unglücklich aus, als sie den Tisch deckte.
„Was fehlt Ihnen denn, Lina?" frug Grete freund- Irch.
...Das Mädchen brach sofort in Tränen aus und er- zahlte: ihre Mutter sei schwer krank, und sie sorge sich sehr um sie. Während Grete sich noch eingehender er- kündigte und sie zu trösten versuchte, kam ihr Mann in das Zimmer. Sie merkte gleich an seinem Gesicht, daß er ungehalten war. Als sie allein beim Kaffee in dem kleinen Rauchzimmer saßen, machte er ihr Vorwürfe:
„Ich mag das nicht! Diese Vertraulichkeit mit den Leuten! Du hast nichts weiter mit ihnen zu sprechen als die Befehle, die du erteilen mußt. Im übrigen sind sie für dich nur Maschinen, die zu arbeiten baben "
Grete sah ihn erst ganz verständnislos, mit entsetz- ten Augen an.
„Das ist doch nicht dein Ernst, Emil? Es find doch Menschen, dre mit uns in einem Hauie leben, die sich für uns mühen."
„Dafür werden sie bezahlt", warf er ein.
. „Niemals werde ich diesen Hochmut begreifen, mich niemals auf diesen grausamen Standpunkt stellen! Vertraulichkeiten habe ich nicht mit den Mädchen, aber ich werde stets Anteil an ihnen nehmen, werde gut zu ihnen sein und auch manchmal ein freundliches Wort mit ihnen reden. So haben wir s zu Hause gehalten, und so halte ich's auch bei mir!" widersprach sie sehr energisch.
Er verzog den Mund zu einer geringschätzigen Miene, die sie noch mehr reizte.
„Erinnere doch nicht immer wieder an eure klein- lichen Verhältnisse in München!" sagte er mit einem protzigen Ton.
