Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. i >-—m
Nr. 233. Donnerstag» 5. Oktober. 1916.
(KL. FaELmMl
Die Lierbachs-Maöeln.
Münchner Roman von Emma Haushsfer-Mrrk.
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Mit mißvergnügtem Gesicht saß Grete vor ihrer Staffelei. Die Niedergeschlagenheit, die sie meist nach einem Fest empfand, hatte sich wieder stark eingestellt. Einmal glaubte sie freilich, daß es nur die Leere ihrer Tage sei, die sie diesem Elendgefühl ausliefere, daß eine ernste Beschäftigung es zu bannen vermöchte. Aber heute kam nun so manches zusammen, um ihr die Freude am Beruf zu verderben. Vor allem: da stand die Kiste, die sie von der Jury der Ausstellung zurückbekommen hatte. Zwei „Krebse!" Und doch hatten die Kollegen gerade diese Bilder gelobt, und auch der Vater war nicht dagegen gewesen, daß sie sie einschickte: Die unerwartete Niederlage schmerzte wie ein Schlag, der erst wieder verwimmern mußte. Lüders machte einen bösen Kopf, weil sie ihm bei dem Fest wenig Auf- merksamkeit geschenkt hatte. Kreuzer erzählte von einer neuen entzückenden, jungen Dame, mit der er sich verloben wollte; Steinach ließ sich nicht mehr sehen und Trudel jammerte, daß ihr Waldemar nun durch die Nachfeiern der Landsknechte recht in die Bummelei hineingeraten sei und nichts arbeite.
Immer dasselbe! Das ewig Gleiche! Sie hatte es so satt, nur zuzuhören, nur teilzunehmen an den Plänen und Sorgen der anderen. Sie wollte selbst leben! Fort wollte sie. Heraus aus allem.
Erst hatte sie gar keine Lust gehabt, der feierlichen Eröffnung der Kunstausstellung im Glaspalast beizuwohnen. Aber da heute die Arbeit sie auch nicht lockte, zog sie sich doch so schön wie möglich an, um den Vater zu begleiten.
Als nach ein paar Ansprachen an den königlichen Prinzen, der die Ausstellung eröffnete, der Festakt vorüber war und nun die geladenen Gäste sich durch die Säle bewegen durften, erfaßte Grete vor dieser Fülle von Bildern erst recht ein jämmerliches Gefühl des Verzagens, eine trostlose Niedergeschlagenheit. Wie viel Arbeit, wie viel Können, wie viel Talent war in diesen Räumen aufgestavelt; wie viele Hoffnungen und Erwartungen knüpften sich an solches Ausstellungsbild, mit welcher Spannung wurde die Entscheidung der Jury erwartet und wie gleichgültig, wie kritisch gingen nun die Menschen vorüber. Und die Mehrheit auch dieser Auserwählten kam doch wieder als „Krebs" zurück und konnte im Atelier im Winkel stehen oder wieder abgekratzt werden, wenn nicht ein Kunsthändler sich erbarmte.
Ihr eigenes Ringen erschien ihr so aussichtslos diesem Massenaufgebot gegenüber. Sollte sie ihr ganzes Leben lang nur immer warten auf den Erfolg, der vielleicht niemals kam, nur immer malen und malen, noch mehr Bilder auf den Markt werfen, der ohnehin schon übersetzt war?
„Warum ein so finsteres Gesicht, gnädiges Fräulein?" srug Eschhofen, der im schwarzen Anzug, mit dem Zylinder in der Hand, auf sie zukam. „Ihr Herr- Papa geht an der Seite des Prinzen durch die Säle!"
berichtete er voll Anerkennung und schien kaum zu be- greifen, daß sie trübselig vor sich hinsann, während ihrem Vater solche Ehrung widerfuhr.
Jedenfalls machte ihm diese Auszeichnung des Professors großen Eindruck und er schlug einen noch höflicheren und ergebeneren Ton gegen die Tochter an als sonst.
„Eine Bitte, mein verehrtes Fräulein! Geben Sie mir einen guten Rat. Ich hätte gar nicht übel Lust, ein paar Bilder zu kaufen; auch von weniger bekannten Künstlern, die dann auch bescheidenere Preise fordern. Unter den Leuten, denen ich die Villen ein- richte, sind noch sehr viele, die für Bilder wenig an- legen wollen."
„Ja, nicht wahr?" lachte sie. „Kostbare Teppiche, schwere Renaissancemöbel, aber dann Farbendrucke oder eine Lithographie an der Wand mit viel weißem Papier!"
„Na ja; man fängt bei uns am Rhein doch an, sehr viel für die Wohnungen auszugeven", meinte er und erzählte mit leisem Prahlen von den vielen Bauten, die er für reiche Leute zu machen habe, von seinen immer lebhafteren Aufträgen.
„Ein ganzes Zeichenbureau arbeitet für mich. Eben ist mein Kompagnon in Rußland, wo er verschiedene Bauten zu leiten hat; von da muß er nach Amerika; aber das Geschäftliche, das ruht natürlich ganz auf meinen Schultern, denn er ist wohl ein ganz geschickter Architekt, aber sonst ein unbedeutender Mensch", renommierte Eschhofen mit deutlich erkennbarer Absicht, seine glänzenden Verhältnisse zu schildern.
Grete war es eine freudige Sensation, einmal mit einem Mann durch die Ausstellung zu gehen, der Bilder kaufte. Bisher hatte sie immer nur unter Leuten gelebt, die malten und brennend gern einen Abnehmer gehabt Hütten. Und Eschhofen schien wirklich auf ihr Urteil was zu geben. Er notierte sich die Nummern der Bilder, die sie ihm empfahl. Natürlich führte sie ihn vor die Landschaften ihrer Bekannten, vor allein vor Lüders' „Sommermorgen", den sie ihm lebhaft anpries.
„Ist diese Stimmung nicht fein getroffen! Man meint ordentlich die Frische zu atmen! Der Zarte Dust! Wie diese Berge gemacht sind!"
„Der Maler kann sich für Ihr Lob bedanken. Er ist wohl einer Ihrer Verehrer?" frug Eschhofen ein wenig gereizt.
„Ein guter Freund", sagte sie, „der nl3 Sti-Kk'-'d der Natur wohl verdiente, daß die Kunst ihm gnädig wäre."
„Sie meinen den kleinen verwachsenen Mal-" <v ich bei Ihnen traf?" sagte er mit wieder onfiidyH-».* -r,\ Gesicht. „Ein junger Mensch, der wohl kein"
Preise machen wird?" fügte er als guter ("estläsi - mann hinzu.
„Das können Sie im Sekretariat hören. Herr E boten. Ich will Ihnen nur zeigen, was mir gefällt."
