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1 Der Roman, i

-I Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, >>> ,

Nr. 232.

Mittwoch. 4. Oktober.

1916.

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Die LierbQchs-Mäöeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk. (Nachdruck verbottn.)

Sehr, sehr schön!" sagte sie mit einem krampfhaf­ten Lächeln und wäre doch lieber sortgelaufen von dem Mummenschanz, tief, tief hinein in den Wald, wo sie nichts mehr hörte von der Mnsik, nichts mehr sah von der ganzen Komödie; nicht mehr hinüberschauen müßte an den Tisch, an dem Steinach in seinem prächtigen Ritterkostüm neben der koketten Schauspielerin saß und ganz versunken schien in. seine mit selbstgefälliger Eitel­keit zur Schau getragene Huldigung.

Als es kühler wurde, begann der Tanz in dem offenen, mit Tannengirlanden geschmückten Raum. Grete wurde von ein paar Bekannten geholt; es war besser noch, sich in einem flotten Walzer zu drehen, als rm Familienkreis ihrem heimlichen Groll nachzuhängen.

Guten Nachmittag, mein gnädiges Fräulein!" sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr, die sie gar nicht gleich erkannte.

Eschhofen, der wieder durch seine Eleganz auffiel, verbeugte sich vor ihr und bot ihr seinen Arm.

Es war ihr in diesem Augenblick eine Genugtuung, daß dieser Fremde sie mit so warmem Wohlgefallen anblickte.

Er hatte sich ihre stolze Abweisung wohl gemerkt und erlaubte sich nicht mehr, in unverblümter Weise ferne Bewunderung für sie an den Tag zu legen; aber sie fühlte mit dem feinen weiblichen Empfinden für solche Dinge, daß sie ihm Interesse einflößte, >vas ihr ia um so mehr schmeicheln mußte, als sie ihn bei der ersten Begegnung nicht eben liebenswürdig behandelt hatte.

Ich habe Ihnen noch nicht gedankt für die wunder­vollen Rosen, die Sie mir geschickt haben, Herr Esch­hofen", sagte sie lächelnd.

Was würde ich nicht alles tun, um Sie vergessen zu lassen, daß ich mich unverantwortlich gegen Sie be­nommen habe", erwiderte er leise.

Er sah wohl mit Kennerblicken, daß ihr weißes Ge­wand nicht ganz der Mode entsprach. Diese künstle­rische Eigenart, sich zu kleiden, wäre ihm in Frankfurt wahrscheinlich lächerlich erschienen. Aber um so un­vergleichlich schöner fand er die königlich hohe Mädchen­gestalt, die in dem weich sich anschinieaenden Stoff, mit der langen Schleppe, so herrlich zur Geltung kam; um so reizvoller erschien ihm das eigenartige trotzige Ge- sicht unter dem Efeukranz, den sie wie eine Krone auf dem dunkelblonden Haar trug.

Als sie sich de»i Tanzboden näherten, wurde eben de-r Schlittschuhwalzer gespielt. Sie liebte ihn beson­ders'and fühlte froherwachende. Lust: aber er drehte sich etwas steif und ungelenk ohne rechtes Gefühl für den bezaubernden Rhythmus.

Unwillkürlich mußte sie wieder an die Stinide ans dem Eisplatz denken, in der sie Hand in Hand mit Mar Schmidt sich so köstlich nach dieser Mnsik gewiegt hatte. Sw war ihr in der Erinnerung immer mehr zur schön­sten, unvergeßlichsten, zu der kurzen Glücksstunde ihres Lebens geworden. Nie hörte sie mehr von dem Mann.

der, obwohl sich Ihre Wege nur flüchtig gekreuzt, ihr Leben doch so stark beeinflußt hatte. Plötzlich mußte sie so lebhaft an diese nun vier Jahre zurückliegende Be- Segnung denken. Vielleicht lag's an dem Frankfurter Dialekt, den Eschhofen sprach, der sie an den Tonfall ihres Zungen Bekannten erinnerte? Sie war schon im A^srlff, sich zu erkundigen' Ob er vielleicht einen Architekten Mar Schmidt kenne? Aber sie dachte dann, wie komisch es ihr erschienen war, als ein Bauer im ^nntal, der hörte, daß sie aus München sei, ihr einen Gruß:an einen gewissen Obermair dort", aufge-

tragen hatte. Max Schmidt war ja ein allzu gebräuch- licher Name. Eschhofen müßte sie ja auch auslachen, wenn sie glaubte, er kenne alle Welt in Frankfurt.

-p>i späteren Jahren grübelte sie ost darüber nach, ob ihr Leben nicht eine aiidere Wendung genommen haben würde, wenn sie diese Frage, die ihr'schon ans der Zunge lag, ausgesprochen hätte?

Eschhofen merkte ivohl, daß er als Tänzer keine giite Rolle spielte; er. erhitzte sich auch zu sehr lind bat deshalb, daß sie sich lieber die verschiedenen Gruppmr betrachteten, die sich im Waldschatten um die Schenke versammelt hatten, in der eine riesige Bowle duftete , Grete lachte hier sehr lustig auf, weil ihr Begleiter sich über das freie Benehmen eiiier Marketenderin ent- setzte, die sich mit einem Landsknecht hernmbalgte

'-Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie hierher führte", sagte Eschhofen mit hochmütiger Miß­billigung.Es scheinen sich bei dem Kllnstlersest doch zweifelhafte Elemente einzudränaen. Eine Dame konnte sich doch nicht so frei gehaben."

Es ist doch auch keine Danie", belehrte ihrr Grete. Die Marketenderin ist doch ein junger Akademiker."

Nein, wie drollig!" meinte Eschhofen. Aber sie bemerkte wokst, daß er,für die Echtheit der Erscheinnn-

gen kein Verständnis tjcittc,_daß ihm schöne, neue

Kostüme, frisch ans dein Laden, besser gefallen hätten als diese malerischen, verblichene,r Farben.

_ Er bekam nun an den, L.ierbachschen Tisch den Stuhl, den Grete für den ungetreuen Steinach auf­gehoben hatte, zum großen Ärger von Falk und Luders, die sich mit Blicken darüber entrüsteten, daß dieser Fremde, mit dem man ausGeschäftsrücksichten" auch noch artig sein sollte, ihre Gemütlichkeit störte.

Auf Eschhofen machte es starken Eindruck, daß der königliche Prinz, der bei dem Feste der Künstler er- schien, sich eingehend mit Professor Lierbach unterhielt.

Dagegen Herzog der Herr Bannnternehmer sehr be- frenidet das Gesicht, als gegen Abend Anna Polders nnt ihrer Mutter erschien und für die beiden bescheide- neu Wesen am Tisch Platz gemacht wurde. Er hatte zufällig gehört, das junge Mädchen sei Buchhalterin und er fand es offenbar unter seiner Würde, an sie das Wort zu richten. Es versöhnte ihn erst wieder mit der Gesellschaft, als eine junge Gräfin Salf, die mit Grete ,in Institut gewesen war, sich auch eine Weile zu ihnen setzte