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1 Der Roman, t

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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. i° -=)

Nr. 231.

Dienstag» 3. Oktober.

1916.

f(8. Soriseduna.)

Die Lierbachr-MSdeln.

Münchner Roman von Emma HauShofer-Mrrk.

(Nachdruck! mrvottrw

Grete rückte mit einem befremdeten Blick in das fernste Winkelchen. Aber er betrachtete die Fahrt nun einmal als ein kleines reizendes Abenteuer und schaute ihr mit bewundernder Zudringlichkeit in das Gesicht.

Ich hätte nicht gedacht, daß ich heute noch so hübsches erlebe. Eine Spazierfahrt mit einer so an- zrehenden jungen Dame! Was Sie für wundervolle Brauen haben, Fräulein Lierbach." Immer näher kam er ihr und suchte auch eine ihrer Hände zu fassen.

Sie richtete sich stolz auf und sagte entrüstet:

Herr Eschhofen, Sie vergreifen sich vollständig im Ton, den Sie gegen mich anschlagen. Wieso Sie sich zu dieser Vertraulichkeit berechtigt glauben, weist ich nicht. Ich denke, wir machen einen Besuch in einem Atelier, eine reine Geschäftssache. Ich wäre natiirlich nicht mit Ihnen gefahren, »nenn ich geahnt hätte, daß Sie das so eigenartig auffassen."

Es stand ihr gut, wenn ihre Wangen sich in der Erregung röteten, ihre grauen Augen dunkel wurden und sie den Kopf hoch auf dem Nacken trug. Wie eine streitbare Amazone soch sie aus, stolz und unnahbar.

Verzeihen Sie, mein Fräulein", sagte er auch so­fort beschämt.Sie müssen es mir zugute halten, daß ich wirklich nicht so recht wußte, wie man sich mit einer- jungen Malerin zu benehmen hat. Ich erwähnte ja schon, daß ich noch nie Gelegenheit gehabt habe, eine Künstlerin kennen zu lernen, und es heißt doch immer, daß in diesen Münchener Malerkreisen sehr freie An­schauungen herrschen. Man will doch auch nicht alt­modisch oder rückständig wirken."

Allerdings eine merkwürdige Auffassung, wenn Sie glaubten, ich verlangte diese so wenig schmeichel- hafte Galanterie", gab Grete nrit einem kurzen Lachen und zornig aufblitzenden Augen zurück.

Ich kann zu meiner Verteidigung nur noch sagen, daß mir die Intimität der jungen Herren mit Ihnen ausgefallen ist. Sie nennen SieFräulein Grete", mit dem Tausnamen! Das würde man bei uns nie gestatten."

Darin kann ich keine Keckheit sehen, Herr Esch­hofen. Wir waren zwei Schwestern. Und das ist doch nur eine harmlose Vertraulichkeit, die wir hier in München ganz gebräuchlich finden, wenn man sich gut kennt. In Italien nennt man die Damen ja auch beim Taufnamen. Deswegen würde doch keiner meiner Kollegen es wagen, mich mit einer Zudringlichkeit zu beleidigen", sagte sie in lebhafter Abwehr.

Sie war froh, daß der Wagen nun hielt und sie, ihrem Begleiter voran, die vier Treppen zu dem Atelier ihres Schwagers hinaufeilen konnte. Eschhofen hatte nun sein Benehmen vollständig geändert und war so korrekt und ehrerbietig, als sie es nur fordern konnte. Um seinen Mißgriff gut zu machen, zeigte er sich gegen Falk sehr liebenswürdig und suchte auch nicht die Preise yerabzudrücken, was er ohne Gretes Gegenwart sicher getan haben würde, da der junge Maler zu deutlich Merken ließ, wie gern er ein Bild verkaufen wollte.

Ich nehme die Landschaft, zu der Sie mir raten, Fräulein Lierbach", sagte er mit höflicher Ergebenheit.

Sie deutete auf eine Heuernte an einem Gewitter­tag, die ihr sehr gut gefiel, und Eschhofen zog auch so­fort die fünf Hundertmarkscheine aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

Mit einem bittenden Blick auf Grete sprach er die Hoffnung aus, sie vor seiner Abreise noch einmal zu sehen: er forderte es geradezu heraus, daß sie ihn zu den Eltern einlud, oder ihn zu dem Kegelabend, von dem er gehört hatte, beizog: aber sie hatte eine zu pein­liche Erinnerung an fern Benehmen im Wagen und reichte ihm nur kühl und stolz die Hand.

Waldemar rief, begeistert von deni unerwarteten Geld, nach Trudel; er umarmte seine Schwägerin tanzte mit seiner Frau im Atelier herum:

Heut nachmittag machen wir einen Ausflug! So ein Glück muß gefeiert werden. Soll ich einen Wagen bestellen?"

Aber geh, Waldemar!" zankte seine Frau entsetzt.

Wozu denn? Wir können doch auch mit der Bahn fahren! Sei doch nicht so verschwenderisch."

Hör' Schatz! Einen Philister machst du nie ans mir. Weißt du, ein Künstler muß auch mal ins Blaue hinein leben, sonst vertrocknet er! Also Bahn, meinet­wegen; aber dann wird in 'Starnberg eine Maibowle getrunken!"

Trudel lachte: aber der ängstliche Zug wich nicht von ihrem Gesicht.Dann muß halt die Großmama wieder zu den Kindern kommen, gelt, Grete!"

Als Grete, vergnügt vom lustigen Wandern in der kühlen, blühenden Mailandschaft anr Abend zurück­kehrte, fand sie einen Strauß wundervoller weißer Rosen vor mit einer KarteIn tiefster Verehrung Emil Eschhofen." --

An einem zartverschleierten Frühsommermorgen rieb sich mancher Münchener, der zufällig in den ersten Tagesstunden ans Fenster trat, verwundert die Augen und wußte nicht nrehr recht, ob er wache oder noch träume. Durch die nüchterne moderne Straße kamen so seltsame, märchenhafte Gestalten, als wäre eine längst versunkene Vergangenheit wieder wach gewor- den, als würden Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg lebendig/ als wandelte da unten im Hellen Tageslicht der alte Kriegstroß, der sich vor drei Jahr- Hunderten durch Deutschland hingcwälzt hatte.

Und die Münchener schmunzelten beifällig und freu­ten sich, daßihre Künstler" wieder ein Fest gaben, wie es eben nur in der bayerischen Hauptstadt zustande kam.

Man hatte in dem kalten Mai den Tag so lange verschieben müssen, daß es nun Juni geworden war. Dafür drang an diesem Morgen köstliche Sonne durch die leichten Wolken; und blau ward's' immer blauer.

Schon am Vormittag waren dichtbesetzte Bahn­züge weggefahren, die Scharen der nicht kostümierten Teilnehmer nach Großhesselohe brachten. Reihen von