1 Der Roman, i
s--> Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >' m
Nr. 230.
Sonntag» 1. Oktober.
,916.
(7. Fortsetzung.)
Die Lierbachs-Müdeln.
Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.
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Monatelang wußte kein Mensch, in welchen Welt- Winkel hin er verichwunden sei: niemand horte von ihm. Grete empfand es als eine Lücke rn ihrem Leben, daß Steinach nicht mehr an' ihren Kaffeetisch kam, nicht mehr in der Dämmerstunde ihr Wohnzimmer aufsuchte; wenn er auch meistens nur über sein häusliches Elend geklagt hatte. Es war ihr doch eine Freude gewesen, seine Vertraute zu sein, und wenn sie sich auch einredete, daß ihr Interesse nur dem Künstler gelte, sie hatte sich doch in Gedanken viel mit seinem Schicksal beschäftigt.
Sie war fleißig gewesen in diesen vier Jahren, hatte viel gelernt und die große Freude erlebt, die ersten zwei Landschaften, die sie ausstellte, gleich zu verkaufen. Im begeisterten Jubel über das erste selbstverdiente Geld batte sie freilich gemeint, nun würde sie nie wieder anderes begehren als künstlerische Erfolge. Aber diese ehrgeizige Befriedigung hielt nicht vor. Sie konnte in ihrer gesunden Reife, bei ihrer blühenden Kraft kein Vollgenligen im Beruf finden. Es war ein drmkles, beiße? Sehnen in ihr, das ihr ruhelose Stunden schuf, das sie trotzig abschütteln wollte und über das sie doch nicht Herrin ward. Freilich sagte sie sich oft mit bitterer Erkenntnis: „O, diese dumme Verliebtheit! Was wird daraus?" Sie dachte an Steinachs Eheunglück und was noch naher lag, sie hatte ja genügenden Einblick in Trubels Heim, um skeptisch und verstimmt zu werden. Die beiden liebten sich ja noch immer, gewiß; aber sie hatten zwei Kinder, und wenn Waldemar auch verdiente und fleißiger geworden war, als inan erwartet hatte, sie mußten doch ängstlich sparen, um durchzukommen, und bei jedem neuen Bild war die neue Sorge und Angst' Wird es gefallen; wird es einen Käufer finden? Wenn Grete bei der Schwester war, wo bald di» Kleine schrie, bald der größere Junge hinfiel und heulte oder beide unartig waren ,'der beide krank im Bett lagen, wo in der engen Wohnung der Hausrat knarrte, dann erschien ihr eigenes Leben ihr wohl recht frei und leicht und sonnig. >lnd dennoch träumte sie, wie junge Menschen es- eben zu tun pflegen, von dem großen Glück, das ihr beschieden sein könnte, von dem Ausnahmeschicksal, das keine Opfer auferlegte, von dem Ungewöhnlichen, Wunderbaren, das ihr die Zukunft bringen sollte.
* . *
Im Frühjahr erschien plötzlich Steinach wieder auf der Bildfläche mit frohen Augen in großer Erregung.
„Meine Frau gibt nach!" erzählte er wie ein Befreiter. „Meine Radikalkur hat gewirkt. Ich bin fort, verschwunden aus ihrem Leben, ohne ihr meine Adresse dazulassen, ohne ihr Geld zu schicken. Das war das einzige, was ihr Eindruck machte. Ehe ich abreiste, erklärte ich ihr, sie würde erst wieder von mir hören, wenn sie bei mernem Rechtsanwalt die Erklärung abgebe, daß sie in die Scheidung einwillige. Sechs Monate lang hat sie gezögert, natürlich Schulden ge- macht auf meinen Namen. Als ihr die Leute nichts
mehr gaben, mußte sie zu ihrer Mutter ihre Zuflucht nehmen, und die praktische Frau wird ihr wohl zugeredet haben, ein Ende zu machen. Mir scheint säst, al» habe sie irgend eine Aussicht, sich mit einem Man» aus ihreni Stand zu ve> heiraten; denn nun ist ihr ganzes leidenschaftliches Bestreben nur dahin gerichtet, eine nlöglichst große Abfindungssumme aus wir her- auszuzichcn. Ich wäre ja bereit, alles zu zahlen, Via» sie verlangt, aber niein Anwalt handelt noch um das Lökegeld mit der Gegenpartei."
Ein paar Wochen später kam er dann mit der Freudenbotschaft, die er Grete sofort verkünden mußte: „Die Scheidung ist ausgesprochen Ich bin aus der Hölle erlöst und kann nun ein neues Leben beginnen!" ries er glückselig.
Auch Grete hotte ein Gefühl, als sei ihr eine Last vom Herzen gefallen, und unwillkürlich stieg eine freudige Röte in chr Gesicht, als er von diesem neuen Leben sprach, das ihm der Frühling brachte.
Lüders hatte in seiner Eifersucht schon lange ihre freundschaftlichen Gefühle für Steinach angeblasen und zu stärkerer Temperatur aufgestachclt.
„Sie heiraten ja doch einen Maler! Man darf eben nichts verschwören! „Wotan, der Göttcrvater", schüttelt seine erste Dummheit ab und dann kommt er als Sieger und die Walküre neigt sich dencütiq vor ihm!" spottete er und hörte aus Gretes verlegenem Lachen, daß er nicht ganz fehlgeraten habe.
Bei Professor Lierbach war in diesen Tagen ein Herr aus Frankfurt angemeldet, der ein größeres Bild von ihm kaufen wollte. Ein Bauunternehmer mit Namen Eschhofen, ein schwerreicher Mann, wie es hieß.
Lierbach nahm die Botschaft recht gleichgültig auf. „Ich Hab' nicht viel im Atelier. Das meiste ist be- stellt", meinte er gelassen.
„Geh, Papa! Schick den Mann doch zu Waldemar!" bat Grete eifrig. „Wer weiß, ob er nicht auch ihm etwas abkauft? Er braucht es doch so notwendig!"
Am Morgen war Trudel ein Viertelstündchen da- gewesen und hatte Grete vorgejammert: „Weißt du, Waldemar ist so unvernünftig. Jetzt hat er mir eine wunderbare schöne Seide für ein Kleid gekauft zu dem Künstlerfest in Großhesseloh und ich kann doch gar nicht von den Kindern weg, und liberhaupt; es gäbe doch so viel Notwendigeres."
Die schöne, lustige Trudel, die vor einigen Jahren so kindlich in die Welt hineingelacht hatte, sah nun ganz versorgt und vergrämt aus.
„Es ist doch nett von ihm, daß er dich immer noch schön Herrichten will", tröstete Grete die Schwester, aber es ward ihr doch auch ganz beklommen und bedrückt zumute.
Der Vater hatte es Falk nie verziehen, daß er ihm die Einwilligung zu der Heirat abgezwungen hatte. Er runzelte bei Gretes Bitte die Stirn und erklärte:
„Nein! Das tu ich nicht! Einen Geschäftsmann bitten für meinen Schwiegersohn, daS kann ich nicht.
