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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. > » —~ j i

Nr. 229. Samstag. SV. September. 1916.

(S. KortfedminA

Die Lierbachs-Mäöeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk,

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Fast vier Jahre waren vergangen, seit man in dem kleinen, vertrauten Kreise Trubels Hochzeitstag ge­feiert hatte. Für Lierbach freilich ein recht erzwungenes Fest. Aber er hatte nicht gewollt, daß eine ganz stille, sang- und klanglose Trauung noch mehr Gerede ver­ursachte. Zur alten Frohlaune hatte er sich freilich nicht aufzuraffen vermocht. Sein Ernst war wie ein Alp für alle fühlbar gewesen, so daß das feine Hoch­zeitsessen trotz der guten Weine, die Falls Eltern aus Würzburg schickten, lange nicht so heiter und vergnügt verlief wie die einfachen Atelierfeste.

Mit Trubels hellem Lachen schien überhaupt die harmlose Ausgelassenheit, die übermütige Stimmung aus dem Malerhause entschwunden zu sein. Grete, die nun eifrig zeichnete und malte, hatte nicht mehr ge­nügend freie Zeit, um sich wie früher den Vorbereitun­gen für einen Maskenscherz zu widmen. Lierbach be­reute wohl im stillen, daß er seine hübsche Trudel nicht sorgsamer gehütet und ihr so lustige Gelegenheit ge­geben hatte, sich in einen Maler zu verlieben.

Freilich, Grete war nun, als Schülerin des Vaters, erst recht viel mit den jungen Leuten zusammen. Sie

? og im Sommer mit ihnen aus auf den Studienplatz; ie saß unter ihnen, wenn Lierbach ein Jagdstilleben stellte/das sie alle malten. Man traf sich allwöchent­lich auf der Kegelbahn und war durch gleiches Inter­esse, gleichen Ehrgeiz und gleichen Katzenjammer ver­bunden. Aber die beiden, die im Hause ihr Atelier hatten, der kleine Wolf Lüders und Willibald Kreuzer, erschienen nicht allzu gefährlich für Gretes Seelenruhe.

Lüders war ihr treuer Freund und Bewunderer, der mit eifersüchtiger Strenge darüber wachte, daß keiner ihr zu nahe kam. Der lustige, kecke Willibald Kreuzer, der immer noch sein blasses Bubengesicht hatte, vertraute ihr seine beständigen Heiratspläne an, die immer wieder im Sand verliefen, weil er selbst mit scharfer Kritik für die Erscheinung einer jungen Dame zu große Ähnlichkeit mit deren drcken Mutter herausgefunden hatte, oder weil er abblitzte oder weil ein anderes noch schöneres Kind auftauchte. Obwohl er um ein paar Jahre älter war als sie, blieb er für Grete nur ein komischer Junge, mit dem man sich lustig necken, mit dem man herzlich lachen konnte.

Seit einiger Zeit war der Maler Erich Steinach, der große Hamburger mit dem langen roten Bart, ihr näher getreten. Erich war auch Lierbachschüler, aber er blieb bei der Wahl seiner Stoffs der nordischen Heimat treu und malte feine stimmungsvolle Land­schaften von der See oder von der Heide, die großen Anklang fanden. Im ersten Münchener Freiheits­rausch hatte er wirklich ein hübsches kleines Ding ge­ieiratet, das er auf einer Redoute im Kolosseum ennen gelernt, und es war natürlich gegangen, wie eine Freunde es vorhergesagt hatten. Das rosige Ge- icht mit den Grübchen wurde bald fett und plump, der reizende Mutterwitz, der ihn entzückt hatte, ver­lor sich; als die erste Verblendung vorüber war, merkte

er die Unbildung, die Roheit der Gesinnung, das un­gezügelte Temperament und schämte sich der Gefährtin, die er sich erkoren hatte. Er zog sich von aller Gesellig­keit zurück, um diese Frau nicht den Kollegen vorstellen zu müssen. Sie aber hatte viel von lustigen Künstler­festen gehört; sie war enttäuscht und fing an zu keifen und zu schimpfen mit einem Geschrei, mit Vorstadt­ausdrücken, die ihn entsetzten. Am Vormittag ging sie schon zum Frühschoppen in den Franziskaner, nach- ‘ mittags saß sie im Kaffeehaus und abends sollte er mit ihr in ein Tingeltangel gehen. Zu diesem ihr zu­sagenden Leben schien sie sich als „bessere Frau" berech­tigt. Wenn er heim kam, war das Essen nicht fertig oder kaum genießbar, und sein Kind lernte von der Mutter häßliche Schimpfworte.

Aber das Kind hielt ihn doch in dieser Hölle festl Wie konnte er das kleine Geschöpf denn dieser Mutter überlassen.

Das kleine, blonde Mädel, an dem sein Herz hing, tat das Klügste: es schloß eines Tages nach kurzer Krankheit die blauen Augen.

. Nach dem Begräbnis war er zu Lierbachs gegangen, weil ihm graute vor dein Zusammensein mit seiner Frau, weil er sich, nach einem verständnisvollen feinen Menschen sehnte. Gretes Teilnahme hatte ihm wohl­getan, und so wurde das vierundzwanzigjährige Mäd­chen allmählich die Vertraute feiner Ehemisere.

Erschauernd über den Einblick in seine trostlose Häuslichkeit, konnte Grete ihm keinen anderen Rat. geben, als den einen: „Sie müssen seh'n, daß Sie frei werden, Sie gehen ja in dieser Umgebung zugrunde!"

Nach dem damaligen bayerischen Gesetz wäre eine Scheidung wegen „gegenseitiger Abneigung" noch mög­lich gewesen. Aber seine Frau dachte nicht daran, ihr bequemes Leben als Malersfrau aufzugeben. Seit sie wußte, daß er sich von ihr losinachen wollte, folgte sie wie ein Spion seinen Wegen. Einmal sah sie ihn auch mit Grete, der er zpfällig auf der Straße begegnet war, eine Strecke weit gehen, in eifrigem Gespräch. Nun glaubte sie die rechte Fährte gefunden zu haben. Eine eifersüchtige Wut auf den Lierbachschen Kreis, in den er sie nie eingeführt hatte, war ohnehin schon in ihr vorhanden; nun wandte sich ihr ganzer Haß, ihr heißes Verlangen nach Rache, gegen dieses große, stolze Mäd­chen, und bei ihrem völlig ungezügelten Temperament gab es keine Hemmungen mehr für ihre wilden Pläne.

An einem Dienstagabend hatten sich die junge, r Maler wieder auf der Kegelbahn zusammen gefunden. Als Lierbach mit Grete und Anna Wolders eintrat, wurde er mit lautem Hallo begrüßt: „Wir gratulierend Unseren Glückwunsch!" Er hatte nämlich den Titel Professor bekommen und seine Schüler freuten sich über die lange schon erwartete Auszeichnung für ihren Lehrer. Er wehrte in seiner bescheidenen Weise alle Lobesworte ab und meinte: „Ist schon recht! Ich geb' nix auf solche G'schichten." Er schien sich, mehr als über seinen Titel, über den Jubel seiner Partei zS