Verlag Langgaffe 21
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Samstag, 30. September 1915.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 471. . 64. Jahrgang.
Mar wird mit Griechenland?
Ministerrat auf Minifterrat in 5lthen. Ern Ministerium Venizelos in Paris bereits ausgeheckt.
Nr. Genf, 30. Sept. lEig. Drahtbericht. Jens. Bin.) Das angekündigte Ultimatum des Vierverbandes an Griechenland ist noch nicht erfolgt. Eine Athener Depesche des „Petit Journal" vom Donnerstag besagt vielmehr, die Entente habe ein Interesse, noch einige Zeit mit der Bekanntgabe der letzten Entscheidungen abzuwarten. In Athen folgte Mini st errat auf Mini st errat. Die Regierung ist in beständiger Fühlung mit dem König. In der Stadt soll die Gleichmäßigkeit der früheren Wochen einer fieberhaften Erregung Platz gemacht haben. Der Polizeipräfekt ist zurückgetreten. Die neue Regierung setzt sich nach einer Athener Meldung des „Journal" wie folgt zusammen: Venizelos, Ministerpräsident; Rapulis. Minister des Innern; General Danglis, Kriegsminister; Mischolopulos, Volkswirtschaft; Diomedes, Finanzministec. Die Genannten gehörten sämtlich den früheren venizelistischen Kabinetten an. General Danglis ist auf einem Torpedoboot bereits am Mittwochabend von Athen nach Saloniki abgereist. Am gleichen Abend war der Generalstabschef Moschopulos, trotz der Weigerung des Königs, seine Demission entgegenzunehmen, in Begleitung zahlreicher Offiziere nach Saloniki gefahren, um sich den Revolutionären zur Verfügung zu stellen. Aus Korfu fliehen die antivenizelistischen Griechen, darunter die Familie Theotokis.
Ter beabsichtigte Zwang zur Kriegserklärung an Bulgarien.
W. T.-B. Bern, 29. Sept. Der römische Mitarbeiter der
Stamva" meldet seinem Blatte: Gestern nachmittag hatte Corornvllas eine Besprechung mit Sonnino. Gleichzeitig sprachen die griechischen Gesandten bei den Regierungen in Paris, London und Petersburg vor. Wegen der Griechenland zu. gebenden Antwort ist ein Gedankenaustausch der Alliierten nötig. Über die bevorstehende Antwort kann nur eines mit Sicherheit behauptet werden: sie wird nicht so ausfallen, wie es Griechenland wünscht und hofft. Die Alliierten vertraten den Standpunkt, daß bei der jetzigen Sachlage über eme griechische Intervention nicht mehr verhau- d ^l t werden kann. Für Griechenland ist der Krieg gegen BiWarien unvermeidlich, nicht um der Entente zu nützen, sondern um sich selbst zu retten.
Angebliche weitere Ausbreitung der aufständischen Bewegung in Heer und Marine.
Reuter-Berichte!
W. T.-B. Athen, 29. Sept. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Trotz der strengen Maßregeln des Marineministeriums breitet sich die- aufftändische Bewegung in der Marine aus. Der kommandierende Kapitän zur See im Fliegerlager Phaleron soll sich mit 26 Mechanikern der Bewegung angeschlossen haben. Auch in der Armee greife die Bewegung um sich. Selbst bisher neutrale Offiziere, wie die Generale Gallaris und Uannakitsas, bezeichneten es nunmehr als eine dringende Notwendigkeit, die Neutralität aufzugeben. General B a n g l i s ging an Bord eines Torpedobootsjägers, der sich der Flotte der Verbündeten anschloß.
Die „neue Regierung" in Kreta.
V/. T.-B. London, 29. Sept. Wie „Daily Telegraph" aus Saloniki meldet, wird die provisorische Regierung auf Kreta das unumschränkte Recht haben, die Streitkräfte des Landes zu organisieren und sich den Ententetruppen anzuschließen. Venizelos dankte der Versammlung und sagte: „Wir wünschen, daß die Krone selbst jetzt auf den Wunsch des Volkes eingehe, damit die Nation einig in den Krieg ziehe. Sollte Lreser Wunsch unerfüllt bleiben, geloben wir, unsere ganze Energie daran zu setzen, euren Auftrag auszuführen." Die Nennung des Namens Konstantin wurde mit Stillschweigen ausgenommen. Niemand glaubt, daß der König den geäußerten Wunsch erfüllen werde. Nach der Versammlung hielt die neue Regierung einen Empfang im Gouvernementsgebäude ab, wobei die Konsuln der v i e r Großmächte der Entente anwesend waren.
Italienische Zweifel an einem Eingreifen Griechenlands.
W. T.-B. Bern, 29. Sept. Van der Stellungnahme der griechischen Regierung liegt, wie der „Secolo" schreibt, auch heute noch keine sichere Meldung an den amtlichen Stellen Roms vor. Man bezweifle allgemein, daß der König sich je zu einer Kriegserklärung entschließen werde. Über die militärische Bedeutung eines griechischen Eingreifens mache man sich wohl nirgends Jllus tonen. Wenn die Ententediplomatie darauf hinarbeite, geschähe dies vor allem in dem Gedanken an die moralischen Folgen bei den Feinden und den Neutralen. Die in einem sehr großen Teil der öffentlichen Meinung Italiens herrschenden Befürchtungen über griechische Absichten znm Schaden Italiens seien grundlos. Griechenland habe mit der Berteidimrna des eiaenen Gebietes vollauf zu tun.
Oer ttrieg Rumäniens.
Tie Erfolge der Verbündeten im Raum von Hermannstadt.
Die Nachbarhöhe des Roten-Turmpasses bereits in deutscher Hand.
Br. Berlin, 30. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Vom siebenbürgischen Kriegsschauplatz drahtet Dr. Max Osborne der „B.Z.": Die Kämpfe im Raume von Hermannstadt, die am 25. September einsetzten, haben nun dazu geführt, daß die seit Ende August von den Rumänen unmittelbar bedrohte Stadt aus dieser Bedrohung vollständig wieder befreit ist. Es sind deuffche und österreichisch-ungarische Truppen, die dem alten Zentrum des siebenbürgischen Deutschtums die Abwendung der Gefahr gebracht haben. Der Angriff gegen den eingedrungenen Feind ist jedoch bereits weiter vorgeschritten. In heftigen Gefechten, die dem Gegner schwere blutige Verluste kosteten, sind die Unseren südwestlich und südlich von Hermannstadt in außerordentlich schwierigem Vormarsch durch das Gebirge gedrungen und haben die, steile Nachbarhöhe des R o t e n - T u r m p a s s e s in ihre Hand gebracht. Ebenso ist das Tal, des Altflusses östlich von Hermannstadt in ihrem Besitz. Mit allen Kräften müht sich der Gegner, sich der harten Be- drängung durch die deutschen Truppen zu erwehren und ihnen die Gewinnung des Paßüberganges s e l b st streitig zu machen.
ver amtliche bulgarische Bericht.
W. T.-B. Sofia, 29. Sept. Bulgarischer Generalstabsbericht vom 29. September:
Mazedonische Front: Im Tal von Lerin
(F l»r i»a) schwaches Artilleriefeuer. Auf der Höhe Kajmakcalrn lebhaftes Geschützfener. Wir wiesen einen nächtlichen Angriff des Feindes ab und besetzten durch einen Getzenangriff einen Graben seiner Hauptstellnng. Im Moglenüatal schwaches Artilleriefeuer und Mineakampf. Auf beiden Seiten des Wardar und auf der Belasiea Planina Ruhe. An der Strumafront schwaches Artilleriefeuer und Patrouillengefechte. An der Küste des Ägäischen Meeres unaufhörliches Kreuzen der feindlichen Flotte.
Rumänische Front: Längs der Donau Ruhe. In der Dobrudscha schwaches Artilleriefeuer. An der Küste des Schwarzen Meeres beschoß ein russisches Kriegsschiff eine Stunde und 29 Minuten lang das Dorf Kapladjoköj. Die Beschießung blieb erfolglos.
Wieder ein feindliches Flugzeug über Sofia!
W. T.-B. Sofia, 29. Sept. (Bulgarische Telegraph« n- Agentur.) Heute früh gegen 8 Uhr flog ein feindliches, ton Süden kommendes Flugzeug über Sofia und warf fünf Bomben kleinen Kalibers ab, die einen Straßenkehrer und zwei Pferde töteten sowie eine Frau und ein Kind leicht verletzten. Der Materialschaden beschränkt sich auf eine Anzahl, infolge bet Explosionen zerbrochener Fensterscheiben. Bon unseren Flugzeugen verfolgt, flüchtetcdas feindliche Flugzeug, das nur rasch den Luftraum über der Hauptstadt durchfliegen konnte, in der Richtung nach Norden.
Dns offizielle russische Militärorga« gegen die rumänische Heeresleitung.
(Drahtbericht von unserem ^-Sonderberichterstatter.)
S. Stockholm, 30. Sept. (Zb.) „Rußkij Invalid" bringt einen höchst bemerkenswerten, gegen die rumänische Heeresleitung gerichteten Aufsatz, der wohl als Abwehr der in letzter Zeit sehr heftigen Sprache rumänischer Blätter, besonders aber der nationalistischen, gedacht ist. Diese schreiben die Niederlage in der Dobrudscha dem Mangel russischer Unterstützung zu. Das offiziöse Militärblatt erwidert, daß die Rumänen sich bei dem Zusammenarbeiten mit den Russen nicht dem gemeinsamen ftrategi- s ch e n Ziele fügen wollten. Sie wollten einen eigenen Krieg gegen Siebenbürgen führen. Das große Ziel der Verbündeten, die Abschneidung der Verbindung Berlin- Bagdad, ist ihnen gleichgültig. Darum griffen die Rumänen, ehe noch die strategischen Pläne klargelegt waren, in den Kampf ein, weil sie sich nicht der Stimme der Überlegung und Vernunft fügen wollten. Rußland hätte nicht den wertlosen Vormarsch nach Siebenbürgen geduldet.
Tie Verstimmung in Rumänien.
(Drahtbericht unseres ^-Sonderberichterstatters.)
8. Stockholm, 30. Sept. (zb.) Im Bukarester „Adverul" schreibt Konstantin Mille, dessen Leitartikel mit ihrer scharfen Offenheit merklich gegen die vor dem Kriege abstechen, über die Stimmung in Rumänien, unter dem Titel „N erbe n" folgendes: Das rumänische Volk ist sehr reizbar. Infolgedessen hinterlassen die Mißerfolge in der Dobrudscha einen dauernd übertriebenen Eindruck. Die Erfolge au anderen Fronten werden für unbedeutend erachtet. Die Rumänen sollen bedenken, bevor sie vorschnelle Schlüsse aus der Kriegslage ziehen, daß mau nicht schon heute, nachdem der Krieg kaum erst begonnen hot, überall den Schrei nach Frieden hören darf. Die Schuld
cm der Verstimmung trägt die Regierung selber, da sie jede offene Äußerung zu unterbinden sucht und die O p p o- s l t i o n gegen das Kabinett wie Vaterlandsverrat behandelt. Die Zensur verbietet alle Nachrichten über Beamtender un- treuung und die Teuerung. Dabei weiß jeder Hauptjtädter, daß das Bestechungswesen seit Kriegsausbruch die übel st en Blüten treibt und auch die Teuerung auf Lebensmittelwucher zurückzuführen ist. Diese Skandale sind nur dann auszurotten, wenn die Regierung die öffentliche Debatte nicht noch mehr einschränkt als gegenwärtig in Rußland.
Die Sündenböcke für den Fall von Tutrakan.
Nr. Genf, 30. Sept, (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Die rumänischen Offiziere, die die Schuld an dem Fall von T u t r a? a n tragen sollen, wurden vom Chef der russisch- rumänischen Dobrudscha-Armee wegen Pslichtvergessenheit ihres Dienstgrades enthoben, ihre Namen in der Presse bekannt gemacht und der öffentlichen Verachtung prcisge- geben.
Die Lebcnsinittelnot in Rumänien.
(Drahtbericht unseres ^.-Sonderberichterstatters.)
8. Stockholm, 30. Sept. (zb.) Infolge der plötzlichen Lebensmittel not in Rumänien . verordnete dir Militärbehörde vier fleischlose Tage wöchentlich, an denen jeder Fleischgenuß verboten ist. Rindfleisch kostet jetzt pro Kilo 11 Lei, Weizenbrot 56 Bani gegen 10 in ffüherer Zeit.
Ländung zahlreicher Leichen rumänifcher Soldaten aus der Donau.
(Drahtbericht unseres 8,-Sonderberichterstatters.)
8. Stockholm, 30. Sept. (zb.) Laut „Diminetta" wurden aus der Donau zahlreiche Leichen rumänffcher Soldaten und Offiziere gefischt, die offenbar bei den Kämpfen in der Dobrudscha auf der Flucht umkamen.
Uach der «anzlerrede.
O Berlin, 29. Septenber.
Die Kanzlerrede richtete ihre stärksten Angriffe gegen England, ja man kann sagen, sie richtete sie gegen England allein. Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß der Reichskanzler von Frankreich und Rußland nur wenig sprach, daß er die italienische Kriegserklärung an uns mit einer gewissen sachlichen Gleichgültigkeit behandelte, daß er für Rumänien mehr Ironie und Verachtung als Zorn oufzu- bringen wußte. Es ist besonders wichtig, wahrzunehmen, daß von Rußland nur ein paar kurze Sätze handelten, die aber ihre Knappheit durch ihre überraschende Jnhaltsfülle ausgleichen. Es hat gewiß seine Gründe gehabt, daß Herr v. Bethmann-Hollweg in einem Satze, der ziemlich unvermittelt zwischen den vorhergehenden und den nachfolgenden Ausführungen steht, die Legende von einer, der liberalen Richtung im Zarenreiche abgünstigen Einwirkung unseres Kaisers auf den Petersburger Hof zerstörte, und er wird eine bestimmte Absicht verfolgen, wenn er versichert, daß uns die innere Politik Rußlands nichts anzu- gehen habe. Im SomrM hatte der Reichskanzler von der Befreiung der russischen Fremdvölker aus uner- träglichem Reaktionsdruck gesprochen, jetzt wird es mit Recht für Rußlands Sache erklärt, ob es seine inneren Verhältnisse autokratisch oder konstitutionell regeln will. Das ist denn also das einzige, was der Kanzler über unseren Feind im Osten zu sagen hatte. Aber gerade die Zurückhaltun a, mit der er Rußland behandelte, läßt manche Schlüsse zn. Jedenfalls kann man sagen, daß die Rede Rußland gegenüber keinen Damm ausgerichtet hat, der sich als unübersteig- liches Hindernis einer späteren Verständigung erweisen müßte. Insoweit sich die Rede init Frankreich und den anderen Verbündeten Englands beschäftigt, geschah dies hauptsächlich, um festzustellen, daß zu den britischen Kriegszielen auch die Knechtung der Mithelfer gehört, die Verblutung Frankreichs, die Herabdrückung aller .Kriegsverbündeten zu wirtschaftlichen und finanziellen Frondiensten für England. Wenn es erlaubt ist, mit llberspringung verschiedener Zwischenglieder eine letzte Folgerung aus der Kanzlerrede zu zieben, so möchte man meinen, daß wir mit allen unseren Feinden irgendwie ins reine kommen würden, wenn England nicht wäre. Dies konnte der verantwortliche Staatsmann nicht mit gleicher Deutlichkeit kundgeben, aber es steckt sowohl in dem, was er aussprach, wie namentlich in dem, was er nur streifte. England ist der Hauptieind, gegen England muß alles, was uns nützen kann, ausgeboten werden. Man versteht die scharfen Worte, die Herr v. Bethmann-Hollweg mit zornbebender Entschiedenheit für die Betonung dieser Notwendigkeit gebraucht, doch wohl nicht recht, wenn man sie lediglich als Zurückweisung der Verdächtigungen auffaßt, als wäre Eng-
