i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. s
s
Nr. 227.
Donnerstags 28. September.
1916.
(4. Fortsetzung.)
Die Lierbachs-MSdeln.
Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk,
(RcahdnlL tKrtotttt)
„Ich kann auch nicht immer lachen I" rief sie gereizt. „Sie meinen alle, ich wäre angestellt als Spaßmacher für die ganze Gesellschaft!"
Ehe man auseinanderging, sagte Lierbach zu Falk:
„Wenn Sie Zeit haben, so kommen Sie doch in den nächsten Tagen in mein Atelier. Ich möcht' Sie bitten, auf meinem großen Bild die Luft zu untermalen. Ich sitz' nicht gern gar so lang auf der hohen Staffelei oben und möcht' das einem Jüngeren überlassen."
„Sehr gern, sehr gern!" versicherte Falk. Aber wie er nun seinem Lehrer gegenüberstand und ihm in das liebe, gute Gesicht blickte, da packte ihn plötzlich eine Beklemmung, ein kleinmütiges Verzagen, als könnte er die Bitte, die er auf dem Herzen hatte, niemals herausbringen..
Während er beim Abschied Trubels Hand förmlich zerdrückte, flüsterte er ihr zu: „Ich schreib deinem
Vater! Es ist besserst'
Am Donnerstagmorgen rauchte Lierbach sehr behaglich seine Frühstückszigarre und schmunzelte seiner Tochter Grete zu, die.sich zu ihm setzte und neben ihm ihren Kaffee trank. Lange sagte sie nichts, schob verlegen die Brotkrumen auf dem Tischtuch zusammen, ordnete die Tassen auf das Servierbrett zum Wegtragen; endlich faßte sie Mut zu der Frage, die ganz hastig, überstürzt herauskam:
„Papa! Sag', glaubst du nicht, daß ich's in der Kunst zu was bringen könnte?"
Er lachte hell auf. „Was man so ins Haus braucht, bas kannst ja schon, Gretel! Steiner anmalen oder ein paar nette Blümerln auf eine Kaffetasse. Was willst denn noch mehr?"
„Das will ich aber nicht! Will nicht diesen kindischen Dilettantismus! Ich möcht' im Ernst was lernen! Warum könnt' ich denn nicht auch Schüler bei dir werden?"
„Warum? Weil ich keine Damenmalschule Hab'!" brummte er verächtlich. „Weil du was anderes zu tun hast. Hilf deiner Mutter im Hauswesen; lern' ordentlich kochen! Das paßt für dich."
Grete war gewappnet gegen diesen Widerstand, den sie erwartet hatte. „Die Mama tut ja alles selber. Zu dem bisserl, was sie uns überlaßt, hütt' ich immer noch Zeit. Es könnt' ja doch sein, daß ick, von deinem Talent was geerbt Hab', Papa! In der Schul' haben es die Lehrer in der Zeichenstund' immer gesagt."
„Talent! Ihr meint immer, man hat ein Talent .und dann seht man sich hin und das Talent, das malt dann von selber!" murmelte Lierbach, halb lachend, halb ernsthaft. „Wie viele Ausdauer und Geduld dazu gehören, bis ruan nur einen Baum w auf die Leinwand Hinsehen kann, daß er sich wirklich von der Luft abhebt, davon habt ihr keine Ahnung!"
„Doch, doch! Ich will Geduld haben. Ich will ernstlich studieren", beteuerte Grete mit heißen Wangen.
„Wie lang denn? Vierzehn Tag' lang. Bis wieder ein Jux los ist?"
„Nein. Du wirst sehen-"
Sie wurde unterbrochen, weil das Dienstmädchen einen Brief hereinbrachte. Gleich darauf kam auch Trudel ins Wohnzimmer mit aufgeregtem Gesicht und angstvollen Augen. , Waldemars Brief! Sie war so gespannt, so bang, wie der Vater ihn aufnehmen würde. Sie wollte dabei sein, wenn er ihn öffnete, obwohl ihr das Herz fast hörbar klopfte.
Lierbach ließ sich Zeit. Er war kein Freund van Briefen und behauptete, daß meistens nur ärgerliches oder langweiliges Zeug darin stehe und daß man int besten Fall die Mühsal habe, zu antworten. Erst als die Zigarre ausgeraucht war, schnitt er das Kuvert aus und schaute aus die Unterschrift.
„Falk! Ist der verrückt, daß er mir einen vier Seiten langen Brief schreibt, wo er doch heut' ins Atelier kommt; vielleicht schon drüben sitzt!"
Sobald er aber einen Blick auf die ersten Zeilen ge- worfen hatte, sprang er unwillig auf. Trudel erschrak vor dem bösen Blick, den der sonst so gute Vater auf sie warf.
„Das sind ja nette Geschichten! Das ging mir ab. daß meine Mädeln sich in die Maler verlieben und die Maler in sie! Da kommt mir lieber keiner mehr ins Haus! Solche Dummheiten darfst die gleich aus dem Kopf schlagen. Meint ihr vielleicht, ich könnt noch einen zweiten Haushalt mit erhalten? Ich habe keine Pension wie ein Beamter, und wenn ich auch jetzt gut verdien', wer weiß denn, ob ich in einem Jahr nicht zum alten Eisen g'hör? Ich muß für meine alten Tag' sorgen und für meine gute Frau, die sich in ihrem Leben genug geplagt hat und die, wenn ich g'storbcn bin, wenigstens keine Sorgen haben soll' Aus der Liebschaft wird nichts! Das kannst deinem Courmacher gleich sagen, wenn er nicht die Schneid hat, mich selber z' fragen."
Die Mädchen saßen beide wie verdonnert da, denn sie erinnerten sich seit der Kinderzeit kaum, daß ihr Vater einmal so zornig geworden war.
An der Tür drehte sich Lierbach noch einmal um und sagte zu Grete: „Na, also, wenn dir's wirklich »ins Lernen zu tun ist, dann setz' dich halt ins Atelier und zeichne den schönen Spielhahn, den ich g'schossen Hab'. Gescheiter wär's immer noch, selber z' malen, als sich mit einem Maler verloben."
„Dank' schön, Papa! Gleich, gleich sang ich an!" rief Grete freudig. Trudel gebärdete sich wie ein« Verzweifelte, als der Vater draußen war. Sie weinte und schluchzte. Aber Grete zankte heftig auf sie ein.
„Das hält' ich dir doch gleich sagen können, daß der Papa so was Dummes nicht zugibt. Ich Hab' mir schon auf der Kegelbahn gedacht, ob du denn ganz den Verstand verloren hast. Nicht int Traum fiel es mir ein. mich mit einem Maler zu verloben."
Trudel hob die nassen Augen und stieß hervor:
„Wir sind doch auch Malerstöchter! Du. natürlich, du läßt dich bloß immer anschmachten von deinem Ver«
