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Donnerstag, 28. September 1916. Hl0rQ£n s ^USC|€lE)&* Kr. 466. ♦ 64. Jahrgang.

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Der Beginn der Reichstagroerhand­lungen.

Wenn der deutsche Reichstag heute seine am 8. Juni abgebrochenen Verhandlungen wieder auf­nimmt, sind außer den den beiden Landesverrätern Weil und Wetterls aberkannten Mandaten die beiden Mandate der verstorbenen konservativen Abge­ordneten Dr. O e r t e l und Dr. G i e s e erledigt. In Friedenszeiten würde sich um den Besitz dieser Man­date bei den Ersatzwahlen ein heftiger Kampf ent- spinnen. Denn Dr. Oertel ist in Namslau-Brieg nur mit 388 Stimmen für die absolute Mehrheit gewählt worden, und Dr. Giese hat das Mandat für Oschatz- Grimma gar erst in der Stichwahl behauptet, wobei er den sozialdemokratischen Kandidaten mrr um 488 Stim­men überflügelte. Unter dem Schutz des Burgfrie­dens aber ist den Konservativen jetzt der Besitz der beiden Mandate sicher, denn wie bisher bei allen 16 Reichstagsersatzwahlen während des Krieges wird der Besitzstand auch in Namslau-Brieg und Oschatz-Grimma anerkannt werden.

Zum neunten Male während des Krieges tritt der Reichstag am heutigen Tage zusammen. Das Plenum war in dieser Session bisher versammelt: im Jahre 1914 am 4. August und am 2. Dezember, im Jahre 1915 viermal, vom 19. bis 20. März, vom 18. bis 29. Mai, vom 19. bis 27. August, vom 30. November bis zum 18. Januar 1916 und in diesem Jahre vom 15. März bis 10. April und vom 9. Mai bis zum 8. Juni.

Ein Ende wird die Reichstagssession, die wenige Tage nach dem Kriegsausbruch begann, kaum früher er­reichen als der ^rieg selber. In dieser Erkennt­nis wird der Reichstag einer Verlängerung seiner Legislaturperiode über ihre mit dem 12. Januar 1917 ablausende Dauer hinaus die Zustim­mung nicht versagen, wenn ihm demnächst eine ent­sprechende Vorlage des Bundesrats zugeht. Das Be­denken, ob eine Volksvertretung selber über ihre eigene Lebensdauer überhaupt Beschluß fassen kann, ist nicht von der Gand zu weisen. Es hat aber 1870 im Reichstag des Norddeutschen Rundes bei Aus­bruch des Krieges mit Frankreich unter dem Zwang der Verhältnisse zurücktreten müssen und wird auch jetzt im Weltkrieg den Ausschlag nicht geben dürfen. Galt es schon 1870 als unmöglich, Reichstagswahlen während des Krieges vorzunehmen, so ist ein Wahlkampf heute im Weltkrieg erst recht undenkbar.

Wie lange der Reichstag nach dem 28. September versammelt bleibt, läßt sich schwer Voraussagen. Wich- tige Vorlagen der Regierung sind außer dem Gesetz­entwurf über die einmalige Verlängerung der W a b l- Periode und der Denkschrift über wirtschaft­liche Maßnahmen des Bundesrats kaum zu er­warten. Aber diese Denkschrift dürste, wie ihre Vor­gängerinnen, wieder zu sehr lebhaften und ausgedehn­ten Auseinandersetzungen sowohl in der Kommission als auch im Plenum Anlaß bieten. Mit der Hand­habung der Zensur ist, um nur einige Beispiele her- auszugreifen, auch heute noch kein einziger Abgeordneter zufrieden, und mit der Rege­lung der Ernährungsfrage ist es nicht viel anders. Die Schonzeit, die jedem neuen Mann bewilligt werden muß, bis er sich in seine neue Tätig- feit eingearbeitet hat, um zu zeigen, was er wirklich leisten kann, wird für Herrn v. Batocki jetzt vielfach als hinreichend lang bemesien angesehen. Er wird das Ziel heftiger Angriffe im Reichstag sein, die auch dem Reichskanzler nicht erspart bleiben werden.

Die Treibereien im Dunklen, die in den jüngsten Tagen z. B. auch wieder durch die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen dem früheren Staatssekretär von Tirpitz und dem Reichskanzler ans Licht gezogen wor­den sind, werden wohl nicht bloß in der Kommission eine Beleuchtung erfahren und dürften einen neuen An­laß bieten zu einem öffentlichen Kampf, der versteckt seit vielen Monaten gegen den Reichskanzler geführt wird. Es bleibt abzuwarten, ob der Reichskanzler, der am 5. Juni mit seiner Flucht in die Öffentlichkeit in forscher Offensive gegen seine Widersacher vorging, in letzter Zeit aber in die Defensive zurückgedrängt er­scheint, sich aus die Verteidigung beschränken oder zu einem neuen Vorstoß ausbolen wird, entsprechend der altbewährten Fechter-Takftk: der Hieb ist die beste

Parade.

Nach diesen Andeutungen bedarf es, um zu erkennen, daß es an wichtigem Beratungsstoff auch diesmal dem Reichstag nicht mangeln wird, gar nicht mehr des Hin­weises auf Pläne, die namentlich in nationalliberalen Kreisen ausgetaucht sind über die Errichtung eines parlamentarischen Beirats für die aus­wärtige Politik.

Die Zuspitzung der tage in Griechenland.

Ein Ultimatum und noch weitere Trnppen- laudüngen der Entente?

Von unserem Lr.-Sonderber;chterstatter.

Kr. Wien, 27. Sepl. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die französische Zeitung „Progres" erfährt aus Athen: Die hiesige Diplomatie erwartet binnen Wochenfrist ein Ulti­matum sowie umfangreiche Truppenlandungen des Vierverbandes, durch welche der von Venizelos erstrebten Umwälzung der Erfolg gesichert wird. Ern un­günstiges Zeichen für die Athener Regierung sei es auch, daß der Vierverband bereits bedeutenden Einfluß auf die griechische Kriegsmarine gewonnen hat.

Die Spaltung im griechischen Offizierkorps.

Der Generalstabschef Meschopulos für Aufgabe der Neutralität?

(Von unserem ^-Sonderberichterstatter.)

17. Rotterdam, 27. Sept. (Eig. Drahtbericht Zens. Bln.) Reuter meldet aus Athen: Der Generalstabschef Moscho- p u l o s Unterzeichnete mit 500 anderen Offizieren ein Memorandum, das den König bittet, die Neutralität aufzugeben.

W. T.-B. London, 27. Sept. (Drahtbericht.) „Daily Telegraph" meldet aus Athen: Der Torpedobootsjäger

„Lonchi" hat die Flotte verlassen, um sich den Nationalisten anzuschließen. Der Kommandant der griechischen Garnison in Korfu und viele Offiziere gingen nach Saloniki.

Die Haltung der Admirale Konduriotis und Miaulis.

Dr. Lugano, 27. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Athener Depeschen der Mailänder Preffe melden: Der An­schluß der Admirale Konduriotis und Miaulis an die Aktionspartei ruft in Athen einen ungeheuren Eindruck hervor.

Venizelos in der Pose des „Befreiers".

Dr. Haag, 27. Sept. (Eig. Drahtoericht. Zens. Bln.) Der „Times"-Berichterstatter hatte mit Venizelos im Augenblick seiner Abreise eine längere Unterredung, in der Venizelos etwa folgendes sagte: Ich gehe auf die griechischen Inseln, um dort die Führung meiner Landsleute gegen die bulgarischen Vergewaltiger zu übernehmen. Die Bulgaren verheeren unser Mazedonien, verhaften und er­morden unsere Landsleute, ohne daß das griechische Heer sie schützt. Meine Politik ist längst bekannt: Als Führer der liberalen Partei häbe ich die Intervention Griechen­lands an der Seite der Entente gegen den Angriff ihrer Feinde immer befürwortet. Rumänien tut seine Pflicht, und es ist ausgeschloffen, daß wir Rumänien nicht gegen den ge­meinschaftlichen Feind unterstützen sollten. Es geschah aber nichts, der Verlust von Kawala, der Forts Rüpel und Drama, scwie des größten Teils von Mazedonien veranlaßten eine Krisis, bei der das Schicksal des Landes selbst auf dem Spiel stand. Letzthin habe ich durch Vermittlung eines der Ententegesandten den König beschworen, nicht mehr Zeit zu vergeuden, sondern sein Land zu retten. Alles war vergeblich, und jetzt bin ich gezwungen, dem Mahnruf meiner Landsleute, die durch den Erbfeind unterdrückt wer­den, zu folgen, und die Führung zur Befreiung der bedrohten Brüder zu übernehmen. Glauben Sie nicht, daß ich mich an die Spitze einer gewöhnlichen Revolution stelle. Diese Bewegung ist nicht gegen das Herrscherhaus gerichtet, sondern wird mir von denen unternommen, die nicht länger zusehen können, daß das Land von den Bulgaren vernichtet wird. Es ist ein letzter Versuch, den König zu zwingen, als Führer der Helenen seine Pflicht zu tun; tut er sie, dann werden wir als treue Bürger seiner Fahne folgen. Admiral Konduriotis, der oberste Befehlshaber der griechischen Flotte, hat sich mit mir vereinigt, in der Aufgabe, die ich jetzt übernehme.

Der Aufstand auf der Insel Kreta.

W. T.-B. Paris, 27. Sept. (Drahtbericht.) Wie Las „Journal" aus Athen meldet, drangen 7000Kreter wider­standslos in K a n e a ein, nahmen Besitz von den öffentlichen Gebäuden und vertrieben die Behörden daraus. Sie ernannten einen vorläufigen Ausschuß zur Abwicklung der Staatszeschäfte. Die in Kanea vereinten griechischen Truppen traten, mit Ausnahme eines Obersten, 25 Ossi- zieren und einigen Soldaten, der aufständischen Be­wegung bei. 30 000 Kreter sind jetzt unter den Waffen und vollständig Herr der Insel.

Oer Krieg Rumäniens.

Die üble Stimmung in Bukarest.

(Von unserem 8.-Sondeoiecichterstatter.s Z. Stockholm, 27. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Für die wachsende Verbitterung der rumäni­schen Bevölkerung spricht ein Erlaß des Bukarester Oberkommandos, der alle öffentlichen Lokale, Klubs, Kaffees, Konditoreien usw. bis auf weiteres zu schließe» befiehlt, weil

das Publikum dort sich zu unpassender Besprechung der Kriegslage hinreißen läßt und durch Verbreitung unwahrer und sogar böswilliger Gerüchte zur Beunruhigung bei­trage. Die „Petersburger Börsenzeitung", die diesen Erlaß veröffentlicht, läßt sich weiter drahten, das Bukarester Ober­kommando habe jeden unnützen Aufenthalt auf der Straße untersagt. Ausgänge werden der Be­völkerung nur ftir den Weg zur Arbeitsstätte oder zu sonstigen geschäftlichen Zwecken gestattet. Personen, die beieinander stehen bleiben, sollen verhaftet werden. Sogar das Stehen­bleiben vor den Schaufenstern ist verboten. Ferner hat das Ministerium de» Innern gemeinsam mit der Polizei eine Liste ausgearbeitet, auf der die Namen jener Personen ver­zeichnet wurden, die aus der Hauptstadt ausgewiesen werden sollen. Unter diesen befinden sich Redakteur Milli vom „Adeverul" sowie von den bisherigen schlimmsten Kriegs­hetzern noch andere Männer, wie Oberst M a i n e s c u. Die Regierung scheint zu befiirchten, daß der im „Adeverul" ange­drohte gewaltsame Mini st er stürz wahr werden könnte.

Der Krieg gegen England.

Erhöhung des dienstpflichtigen Alters in England?

W. T.-B. Manchester, 27. Sept. (Drahtbericht.) Dei „Manchester Guardian" meldet aus London, daß die Er­höhung des dienstpflichtigen Alters auf 45 oder 48 Jahre anscheinend ernstlich in Erwägung gezogen - wird. Maßgebend dafür scheinen nicht nur militärische Gründe zu sein; auch das Beispiel Frankreichs und einige Wendungen in der kürzlichen Rede Briands werden so aufge- fatzt, daß Frankreich von den Verbündeten die gleichen Leistungen verlange.

Die Vernichtung des auf feindlichem Boden gelandeten Luftschiffs durch die eigene Mannschaft.

W. T.-B. London, 27. Sept. (Drahtbericht.) Die „Times" meldet, daß das Luftschiff, dessen Be­mannung gerettet wurde, langsam herabging und unter voller Kontrolle zu stehen schien. Als es gelandet war, stieg die ganze Besatzung eiligst aus der Gondel und zog sich auf gewisse Ent­fernung zurück. Wenige Augenblicke später erfolgte eine furchtbare Explosion. Das Luftjchiff ver­brannte bis auf die Aluminiumhülle. Das Feuer dauerte etwa 1 Stunde.

Zunehmender Arbeitermangel in ganz England.

Berlin, 26. Sept. (Zens. Bln.) Wie die „Voss. Ztg." aus London erfährt, sei durch die wahllose Einberufung zum Heeresdienst in ganz England ein Arbeitermangel entstanden, der alle Arten Industrien und Gewerbe, die keine militäri­schen Bedürfnisse Herstellen, in nächster Zeit zur Betriebs­einstellung zwinge.

Innerhalb 24 Stunden 22 Schiffe von einem einzigen U - Boot versenkt.

W. T.-B. Amsterdam, 27. Sept. (Drahtbericht.) Der

niederländische Dampfer „Commewijne" landete in Amuidcn dir aus 12 Mann bestehende Besatzung des britischen Schlepp­dampfers „C y n t h i a Nr. 3 6 6", der von einem deutschen U-Boot versenkt worden war. Der Kapitän des Schlepp- dr-mpfers erzählte dem Berichterstatter des „Allgemecnen Handelsblates", der Kommandant des U-Bootes habe ihm ge­sagt, daß in 2 4 Stunden vor der Versenkung des Fischer­fahrzeugs 22 Schiffe versenkt wurden. Die Besatzun­gen, 120 Mann, seien einem nach West-Hartlepool fahrenden Dampfer übergeben worden.

vie russischen Verluste in den Monaten Juni, Juli und August.

Nach den amtlichen Verlustlisten des K i e w e r Zentral-Erkennungsdienstes betragen die russischen Verluste seit dem 1. Juni 1916 bis zum 20. August 685 000 Mannschaften und 54 600 Offiziere. Diese Zahlen, die von amtlicher russischer Seite zuge­standen werden, dürsten indessen uni vieles zu niedrig angegeben sein. Allein vor der Heeres­gruppe Linsingen haben die Russen bei ihren Angrif­fen in den Monaten Juni, Juli und August die u n- geheuersten Verluste erlitten, deren ganze Größe sich aus Aussagen von Gefangenen über die Einbußen der einzelnen Truppenteile erkennen läßt. Nach diesen Schätzungen, die vorsichtig vorgenommen wurden und eher zu niedrig sein dürften, belief sich der Gesamt­verlust der Russen allein vor dieser Heeresgruppe aus 319 770 Mann. Davon entfallen auf den Monat Juni 91590 Mann, auf den Monat Juli 145 640 Mann und auf den Monat August 82 540 Mann. Riesenhaft waren die Lücken, die in die einzelnen Korps gerissen wurden. So verlor z. 33, Anfang Juni das 8. russische Korps 10 700 Mann und dasselbe Korps büßte im Juli