Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» —
Nr. 226.
Mittwoch» 27. September.
1916.
18. Fortsetzung.)
Me LierLachs-Mädeln.
Münchner Roman vqn Emma Haushofer-Merk.
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„Verzeihen Sie mir!" sagte er bittend. „Mir. dem Fremden, den Sie so freundlich ausgenommen haben, steht es ja gar nicht zu, über Ihr Leben zu urteilen. Ich wäre auch gewiß nicht so unbescheiden gewesen, wenn Sie mir nicht einen so ungewöhlichen Eindruck gemacht hätten, wenn ich nicht fühlte: es ist in Ihnen eine Kraft, die sich versprüht, ein Schaffensdrang, der noch nicht den rechten Weg gefunden, eine Begabung, die Sie nicht verkümmern lassen sollten!"
Sic sah ihn mit einem dankbaren Blick an.
„Ich werde diese Stunde nicht vergessen!" sagte sie mit großem Ernst. „Er ist der erste Mensch, der wirkliches Interesse an mir hat!" dachte sie freudig erregt.
Ihn aber machte es stolz, daß er Einfluß auf sie gewinnen durfte, daß sie wohl noch eine Weile an ihn denken würde.
So fühlten sie sich einander nahegrückt, verbunden durch eine beglückende Sympathie, und es waren schone bewegte Augenblicke, als sie nun wieder Hand in Hand in dem herrlichen Mittagssonnenschein, in lauter Licht, in Weiß und Bläue, dabinflogen. Die Musik spielte den Schlittschuhwalzer, und es war ein wonniges Wiegen, ein köstliches Gleiten, ein leichtes Dahintanzen nach der sie umklingenden Melodie, nach dem jubelnden Takt.
Nur Augenblicke. Die übrige Gesellschaft kam ihnen entgegen. Wolf Lüders, der kleine verwachsene Maler, der, ohne Schlittschuhe, mit dem Stock in der Hand, vorsichtig auf dem Eis dahinschlürfte, warf ei neu eifersüchtigen Blick auf Max und behauptete grollend, man habe sich an der Restauration um elf Uhr verabredet, aber die Damen seien natürlich nicht ru finden gewesen. Das Ehepaar Haubenschmid, gestern der Polterer und die komische Alte, brummte auch: man könnte den jungen Mädchen doch nicht nachlaufen, und es tväre Zeit zu einem Gabelfrühstück. Endlich erschienen auch Trudel Falk und Kreuzer auf der Bildfläche. Diese orec waren in etwas gereizter Stimmung.
Willibald Kreuzer, der heute mit seiner Pelzjacke und der Pelzmütze auf dem kecken Bubengesicht ganz erträglich aussah, wenn auch beiin Eislauf seine krummen Beine bemerkbar wurden, hatte nämlich Trudel mit „Du" angeredet. Falk fuhr gleich mit heißem Gesicht los:
„Seit wann haben Sie denn die Erlaubnis, den Maskenballton auf das Eis gu verpflanzen?"
„O, wir haben doch gestern ein Vielliebchen miteinander gegessen. Auf Du und Du. Wer zuerst Sie sagt, verliert", erklärte Trudel, die ihren Spaß daran fand, Falls Eifersucht hcrauszufordern.
„Ich verlier' nicht!" rief Kreuzer. „Ich finde das „Du-sagen" sehr nett!"
„Er Hai überhaupt eine Technik im Gewinnen von Vielliebchen", meinte Trudel lachend. „Du mußt schon eine ganze Schublade voll Zigarrenetuis und Brieftaschen besitzen, die du uns abgewonnen hast!"
Waldemar Falk aber wollte die Sache nicht scherzhaft nehmen. Er raunte mit finsterem Blick auf Kreuzer Trudel ins Ohr:
„O, Goethe hat schon recht. Es ist so bei den Frauen: „Doch wer keck ist und verwegen, kommt vielleicht noch leichter fort."
Sie schaute ihn kokett an, tanzte leicht uttb gewandt auf dem Eis dahin, ihre schlanke hübsche Nase leuchtete weiß auf dem rosigen Gesicht.
Waldemar und Willibald Kreuzer umkreisten beide das schöne Mädchen, das übermütig den Verehrern entglitt und im Rückwärts- und Vorwärtsbogen vor ihnen herflog.
Als dann Haubenschmids und Lüders die jungen Leute heranwinkten, gelang es Waldemar doch, einen Augenblick an Trubels Seite zu kommen: „Ich bitte
Sie, sagen Sie nickt mehr Du zu ihm!" zischte er. „Ich kann es nicht hören. Ich tue irgend etwas Tolles in meinem Zorn! Ich schlage ihm in daS Gassenjungen- gesicht."
Sie fand seine Wildheit sehr hübsch. „Aber Herr Falk!" sagte sie mit ihrem strahlenden Lächeln. „DaS ist doch wirklich nicht der Mühe wert, daß Sie sich so ereifern. Wer nimmt denn den Willibald Kreuzer ernst? Der ist ja nur ein Hanswurste!! Aber meinetwegen verlier ich halt das Vielliebchen! Dann ist's gleich gar mit dem Du-sagen."
Waldemar schaute sie so flehend und dringlich an. daß sie sofort seinen Willen erfüllte. „Herr Kreuzer!" rief sie, „bitte, holen Sie mir meine Jacke! Ich glaube, in dem Restaurant ist's wieder kalt."
Kreuzer jubelte: „Verloren! Verloren! Du hast „Sie" gesagt!"
„Nun bitte ich auch wieder um diese Anrede!" bemerkte Trudel, Waldemar anlächelnd. „Die Wette ist zu Ende."
„Schade!" sagte Kreuzer gleichmütig. „Also geben Sie mir halt Ihren Garderobezettel. Aber essen Sie nicht alle Vratwürstel auf, bis ich nachkonun."
Die ganze Gesellschaft trat nun in die Restauration, was für die Beschlittschuhten ja eine gewisse Schwierigkeit bot.
Steinach hatte man wohl in einiger Entfernung stehen sehen. Sein rotblonder Bart leuchtete verräterisch in der Sonne. Aber Gröbner, der Direktor von gestern, der sich zu ihnen gesellt hatte, meinte: „Lassen wir ihn! Mir scheint: Steinach ist in Gesellschaft von einem Fräulein, das er, nicht vorstellen will. Ich fürchte, eS macht wieder einmal ein Maler eine große Dummheit."
Bei dem Frühstück, zu dem sich auch Mama Lierbach einsand. die ihre Töchter abholen wollte, herrschte noch ein Nachklang des Festübermuts; nur Grete war ernster als sonst. Paarweise zog inan dann tu der späte» Mittagsstunde heim durch den Englischen Garten: auf einer einsamen Wiese begannen die Maler^eine Schneeballenschlacht, und es gab so lautes Schreien und Lachen, daß die vorübergebenden SbLeßbürLer miß-
