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Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts. m

Nr. 225. Dienstag» 26. September. 1916.

18. Fortsetzung.)

Die Lierbachs-Mädeln.

Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.

(Nachdruck verboten.)

Mai fand es ungemein anziehend, wie der Ausdruck Ihrer Züge wechselte.Es ist merkwürdig, wie oft plötzlich, mitten im Lachen, em Schatten über Ihre Stirn hinhuscht, als dächten Sie mit einem Mal an Trauriges", sagte er mit liebenswürdiger Neugier und dem fragenden Verlangen, ihr Wesen verstehen zu lernen, das Frauen immer schmeichelt. ,

O, dann denke ich wohl an Morgen!" erwiderte ste freimütig.Morgen kommt nämlich sicherlich wieder eine große Katzenjammer-Stimmung über mich. Seit Wochen Hab' ich nun das Atelierfest vor mir gehabt, mich darauf gefreut. Wenn es vorbei ist, dann scheint mir wieder alles so leer! Ich beneide immer die Män- ner, die nicht so, wie wir, Zeit haben, ein Vergnügen wiederzukauen, die nicht hinterher nur an der Erinne- xung Tatzen saugen müssen! Sie haben dann wieder ihre Arbeit aber wir! Wir wissen dann wieder gar Nicht, an was wir unsere Gedanken hängen sollen."

Max konnte nichts entgegnen, denn eben begann eine Drehorgelmusik und der dicke Landschaftsmaler Haubenschmid, der seiner Figur nach ein prächtiger Falstaff gewesen wäre, begann eineMoritat" vorzu­tragen:Die verzauberte Malschule". ,

Dieschauerlichen" Begebnisse, die er rn dem drolli­gen Leierton absang, waren auf einer Reihe von Bil­dern dargestellt, die er hinter sich auf einer Staffelei aufgepflanzt hatte und auf die er mit komischer Wichtig­keit hindeutete. Lauter Karikaturen der Lierbach- fchüler. Da man von allen Seiten nach Grete hindrohte, frug Max voll Bewunderung:Haben Sie das gemalt?"

Grete lachte.Ein rechtes Kunstwerk, nicht? Für eineMoritat" reicht gerade mein Talent."

Die Drehorgelmusik ging von dem elegischen Schluß, der die letzten Verse begleitete, in einen Walzer über. Alles sprang auf und man reihte sich an, um im leeren Vorzimmer zu tanzen.

Nur immer drei Paare, damit das Haus nicht so wackelt", bat der Wirt und stellte sich als Tanzordner breitspurig an die Tür.

Wir dürfen nicht viel tanzen, aus Angst vor dem 'Hausherrn, der ein grämlicher Mensch ist", sagte Grete, während sie an dem Arm ihres Tischnachbarn wartete, bis sie an die Reihe kamen.

Wenngleich nur eine Drehorgel spielte, der Walzer mit Grete blieb Max in Erinnerung. Das leidenschaft­liche Vergnügen, mit dem sie tanzte, riß auch , ihn mit Fort und beide erwachten wie aus einer wonnigen Be­täubung, als derHerr Wirt" ihnen zurief:Ab-

treten!" , c

Eine zornige Botschaft des Hausherrn, der sich das Tanzen energisch verbat, machte dem Vergnügen rasch ein Ende. Aber es war schon für Ersatz gesorgt. Ein großer Korb mit Gewinnen, die drollig verpackt waren, kam herein und es gab eine lustige Verlosung: man

machte Spiele mit Preiseverteilung und würfelte noch um den Rest der Geschenke. Mit kindlicher Aufregung und Spannung wurden die Überraschungen ausae-

wickelt, die Verse, die dabei steckten, gelesen, und die Herren und Damen freuten sich mit rührender An­spruchslosigkeit über die Kleinigkeiten, die ihnen durch das Loos zufielen, oder die sie beimHöllfahren" oder beimStirbt der Fuchs, so gilt der Balg", erbeuteten. Grete hatte alles gemalt, gedichtet, geklebt! Max be­trachtete das Mädchen mit steigender Bewunderung, aber auch mit leiser Mißbilligung. , .

Seine eigene Jugend war ernst gewesen bei emem strengen Vater und einer kränkelnden Mutter; er hatte sogar als Knabe wenig spielen dürfen. Nun verstand er diese Aufopferung nur für das Vergnügen nicht; konnte sich in einen Feuereifer, der nur Nichtigkeiten galt, nicht hineindenken.

Als dann die mit Blumen geschmückte Bowle auf den Tisch in der Laube gestellt wurde, hätte er gern einen Trinkspruch ausgebracht, um für die Gastfreund- schaft zu danken, mit der man ihn ausgenommen hatte. Aber alles, was er zu sagen mußte, wäre Wohl unter den übermütigen Künstlern steif undfad" erschienen. Kreuzer brachte in einer ganz ulkigen Rede ein Hoch heraus auf Lierbach, Gröbler sang Schnadahüpfln und uralte bäuerliche Lieder zur Gitarre, den Refrain brüll­ten alle im Chorus mit. , , .

Die Stimmung war immer lauter und aninnertcr geworden. Steinach, der Hamburger mit dem roten Wotansbart, trank Max eifrig zu und schwärmte in einer ganz elegischen Laune von München:Wie, Sie wollen fort von hier! Und Sie haben nichts mitgemacht? Das ist ja jammerschade! O, dieser Karneval! Aus den Redouten im Kolosseum, da lernt man eigentlich erst, was Vergnügen ist. Ich sage Ihnen, diese Münchener Mädels! So was Liebes, Warmherziges, Zutunlichcs und Unerkünsteltes gibt es in der ganzen Welt nicht

Was wissen Sie denn von den Münchener Mädels, Herr Steinach?" rief Grete.Sie sind doch erst so kurz hier? Haben Sie Ihre Studien an den Modellen oder an den Kellnerinnen gemacht?"

Fräulein Lierbach!" antwortete der Maler, fast ein wenig gereizt.Ich hatte nicht gedacht, daß Sie hoch­mütig wären."

Bin ich auch nicht."

Und Sie sprechen doch in einem recht wegwerfenden Ton von diesen Mädchen aus dem Volk."

Fällt mir gar nicht ein. Ich behaupte nur, daß Sie sie nicht so gut kennen, als Sie meinen und daß solch kleines Ding oft schlauer ist, als ein norddeutscher Riese sich vorstellt."

Steinach zuckte die Achseln. Dann hop er sem Glas und wollte mit Max Schmidt anstoßen.,

Auf die Münchener Mädels!" sagte er leise. Abek

Max verbesserte laut: '

Auf die Münchener Damen!" und blickte Grete nnt

warmen Augen an. .

Waldemar Falk saß neben Trudel und drückte heim« lick unter dem Tisch ihre Hand. Vater Lierbach ab«