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Verlag Langgasse 21

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Dienstag» 26. September 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 462. ♦ 64. Jahrgang.

Die grobe Offensive der Zehnftaaten- bunder.

Von General d. Inf. z. D. v. Blume. ii.*)

Die deutsche Offensive bei Verdun dauert jetzt sieben Monate. Wer von diesem Unternehmen, nicht wissend, wie lange Festungen unter ähnlichen Verhält­nissen schon Widerstand geleistet haben, eine schnelle Eroberung der Festung Verdun erwartet hat, wird sich enttäuscht fühlen. Aber Verdun ist nicht nur einer der stärksten Waffenplätze, ausgebaut , mit den Kenntnissen und allen technischen Hilfsmitteln der neuesten Zeit, sondern seinen Verteidigern kommen auch die wichtigen, erst in den: gegenwärtigen Kriege herangereiften Erfahrungen der H i l f s b e f e st i- gungskunst und des Kampfes um befestigte Feld­stellungen zustatten. Zudem ist seit Beginn des Unternehmens deutscherseits wiederholt ausgesprochen worden, daß die Eroberung der Festung zwar eines der Ziele unserer Verdun-Offensive, aber nicht deren Hauptzweck sei, daß dieser vielmehr in der Be- kämpfung und Schwächung der französischen Heeresmacht bestehe, die nian an dieser Stelle am ehesten mit Erfolg zum Kampfe herausfordern zu kön­nen glaubte. Und hierdurch der geplanten allgemeinen Offensive der Gegner zuvorzukommen, ihr die Spitze abzubrechen, war der oberste strategische Leitgedanke. Er ist folgerichtig und, wenn auch nicht mit dem höchsten denkbaren, so daß mit befriedigendem Er- folge bisher durchgeführt worden. Ein großer Teil der französischen Armee hat sich uns allein und, ohne daß ihre Bundesgenossen ihr wirksame Hilfe zu leisten ver­mochten. zum Kampfe gestellt. In Erkenntnis dessen, was auf dem Spiele steht, haben die Franzosen bei Ver­dun mit anerkennenswerter Tapferkeit und Zähigkeit Widerstand geleistet, dadurch aber auch sehr schwere V e r l u st e ohne positiven Erfolg erlitten, was einer Schwächung ihrer Kraft gleichkommt. Die deutschen Truppen haben nicht minder heldenmütig gekämpft und gleichfalls blutige Opfer gebracht. Aber ihre Verluste erreichten nicht die Höhe derer der Gegner und werden in ihrer Bedeutung für die Stärke des Heeres ausge­glichen durch das erhebende Bewußtsein, das fortschrei­tender, wenn auch zeitweise unterbrochener Erfolg den Truvven verleiht. Auch vermag Deutschland mit seinen fast siebzig Millionen Einwohnern die Verluste seines Heeres eher zu ersetzen als Frankreich, dessen Heeresersatz bereits erschöpft ist, die des seinigen.

Das Ringen bei Verdun dauert mit wenig vermin­derter Heftigkeit fort. Aber sein Wesen hat sich in­sofern verändert, als die Zahl der unmittelbar an ihm beteiligten Streitkräfte sich anscheinend vermindert hat und die Festung selbst das Hauptziel des Angriffs geworden ist. Das Kampfgebiet bildet jetzt fast nur _ noch das nahe Vorgelände der nordöstlichen lUHauptforts des Platzes. Der Fall dieser Forts * wird voraussichtlich das Schicksal der Festung besiegeln. Aber wann er erwartet werden kann, entzieht sich der ; Voraussicht.

Mit ihren Hauptkräften ringen die Heere des westlichen Kriegsschauplatzes seit nunmehr 12 Wochen, unter beiderseitiger Behauptung der anderen Teile ihrer befestigten, vom Strande der Nordsee bis zum Jura reichenden Verteidigunqsfront, in dem der nord­westlichen Strecke der letzteren östlich vorgelagerten Somme gebiet. Einer aus mehr als • einer Million Streitern bestehenden englisch-französischen, mit Kolonialvölkern aller Rassen untermischten Heeres­macht, die eine nicht nur der absoluten Zahl nach, son­dern auch im Verhältnis zu den anderen Waffen uner­hört mächtige Artillerie mit sich führt, ist es am 1. Juli d. I. gelungen, in etwa 22 Kilometer breiter Front in die deutsche Verteidigungslinie zu beiden ) Seiten der von Westen nach Osten fließenden Somme einzubrechen. Die nächste und Hauptaufgabe eines solchen Unternehmens kann selbstverständlich nur in der Überwältigung der gegnerischen Streitmacht bestehen. Das zur Erreichung dieses Zweckes zunächst angestrebte räumliche Ziel ist augenscheinlich die mit der Einbruchs­linie nahezu parallel laufende und von ihr durchschnitt- ' lief) 13 Kilometer entfernte Straße B a p a u m e- Psronne. In den hierdurch gekennzeichneten, rhom­busförmigen Raum eindringend, stießen die Angriffs- : armeen bei jedem Schritt auf den hartnäckigen Wider st and des an Zahl zwar weit s ch wä ch e- r e n, aber sich doch durch Heranziehung weiterer Trup­pen allmählich verstärkenden Gegners. Sie hatten den Vorteil der langen Vorbereitung für den Kampf auf diesem Felde sowie den der inneren Linie für sich, konnten letzteren aber des beschränkten Raumes wegen j nur mangelhaft gegen den sie überall umfassenden Gegner ausnutzen. Von ihrer Ü b e r in a ch t konnten

) Bergl. Nr. 45« des „Wiesbadener Tagblatts"

sie nur dadurch Gebrauch machen, daß sie die in vor­derster Linie kämpfenden Truppen häufiger durch frische Kräfte a b I ö st e n, als die an Zahl schwächere und in größerer Frontausdehnung käinpfende Verteidigungs­armee dies vermochte. Das ist ein nicht zu unter­schätzender Vorteil, der den Franzosen und noch mehr den zahlreichen Engländern ermöglicht hat, ihre An­griffe in schneller Aufeinandersolge zu wiede r- holen. Davon haben sie denn auch reichlichen Ge­brauch gemacht. Die Zahl der Angriffe, die sie in den vergangenen zwölf Wochen, oft mit so großer Macht, wie der Raum zu entfalten gestattete, und meistens mit entschlossenem Mute ausgeführt haben, ist unge­wöhnlich groß, und in der Zwischenzeit erzitterte die Erde vom Tosen des Artilleriekampfes. Aber freilich mußten sie die alte Erfahrung aufs neue machen, daß in Zwischenpausen nacheinander unternommene Teil­angriffe weit geringere Aussicht auf Erfolg als bei aus­reichendem Raume mit der gleichen Truppenmacht gleichzeitig und einheitlich durchgeführte Angriffe haben. Und ihre Angriffe stießen auf hervor­ragend geführte Truppen von unver­gleichlichem Heldenmut und unerschüt­terlicher Ausdauer!

So erklärt es sich, daß sie in der langen Zeit von zwölf Wochen durchschnittlich kaum 10 Kilometer vorwärts gekommen sind, die Linie Bapaume-Wronne noch nirgends erreicht haben. Noch geringer ist der Erfolg ihrer gewaltigen Anstrengungen gewesen, seit­wärts mehr Raum zur Entwicklung zu gewinnen. Dabei übersteigen ihre Verluste zweifellos bereits um ein Beträchtliches die Zahl von 300000 Mann.

Was wird nun weiter werden? Wenn sie die Linie Bapaume-P^ronne wirklich erreichen und dann ermat­tet Halt machen, so haben sie nichts erzielt, als eine für die strategische Lage völlig gleichgültige Ausbuchtung unserer Verteidigungsfront. Das käme einer Niederlage für sie sehr nahe. Wollten sie aber den Vormarsch weiter fortsetzen, also zum Bewegungs­kriege übergehen, was sie nur unter Trennung vom größten Teile ihrer schweren Artilleriemasse vermöchten, der sie in erster Linie die bescheidenen, bisher erzielten Erfolge verdanken, so könnte uns das auch recht sein. Es wäre von Interesse, zu sehen, wie die jungen eng­lischen Truppen und ihre Führer — denen wir die wohlverdiente Anerkennung der im Kampfe von ihnen bewiesenen Tapferkeit keineswegs vorenthalten — sich mit den ihrer dann wartenden Aufgaben abfinden würden. (Forts, folgt.)

Line von der Londoner Zensur unter­drückte Unterredung mit Uronprinz Rupprecht von Bayern.

Die folgende Unterredung, die' von Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen von Bayern am 7. September dem ersten Berliner Vertreter der Hearstblätter William Bahard Haie gewährt worden ist' ist von derLondonerZensur unterdrückt worden. Herr Haie hat nun seinen Bericht über den Besuch im Hauptquartier des Generalfeldmarschalls auf drahtlosem Wege nach Amerika gesandt. Der Be­richt lautet:

Hauptquartier des Generalfeldmarschalls Kronprinz Rupprecht von Bayern, an der Sommefkdnt, 7. Sept. Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Bayern war beim Essen heute besonders fesselnd, und ich wagte es, ohne irgendeine Ermächtigung oder Erlaubnis, und nur im Vertrauen auf seine Gutmütigkeit, einige Bemerkungen Seiner Königlichen Hoheit niederzuschreiben, die die Welt wohl aus dem Munde des Oberbefehlshabers der deutschen Kräfte vernehmen sollte, die während der letzten drei Tage die große Schlacht an der Somme geschlagen haben.

Der Kronprinz, mit seinem kurz geschnittenen Schnurr­bart unk seinem braunen, durch sein stahlgraues Haar durch­scheinenden Schädel, könnte eine kräftigere und viel jüngere „Neuausgabe" des Senators Elihu Root sein. Sein kühnes Gesicht, seine schnell aufblitzenden Augen, seine feinen, aber kräftigen Hände gaben den Eindruck eines Mannes, der vom Scheitel bis zur Sohle lebhaft und umsichtig ist. Von der anderen Seite des Tisches her beobachtete der zwölfjährige Prinz Adalbert, der während einer Ferienwoche einen unver­geßlichen Blick auf die Grenzlande in Kriegszeit tun durste, eifrig das Mienenspiel seines Vaters; er gab uns nach vielen Tagen wieder den ersten Glanz von Unschuld und kindlicher Freude inmitten dieser frauenlosen Welt der Krieger und der Wunden.

„Ich habe nie erwartet", bemerkte der Kronprinz lächelnd, „daß ich mich mit so vielfältigen Dingen be­schäftigen würde, wie die, denen ich jetzt nachgehe. Sehr oft baue ich Eisenbahnen, führe Bauten auf, richte Sanitätsdienst ein, überwache Postämter, errichte Krankenhäuser oder bestelle die Felder. Krieg ist jetzt etwas sehr Verschiedenes von dem in früheren Tagen. Natürlich habe ich meine Sachver­ständigen zur Ausführung der eigentlichen Arbeit aus den verschiedenen Gebieten und Berufen, aber die letzte Verant­wortlichkeit bleibt auf mir sitzen. Heutzutage besteht der Krieg rn einem Zusammenwirken allerÄünste und Wissen­

schaften, wenn auch leider Ziel und Absicht all dieser An­strengungen die schreckliche Aufgabe der Vernichtung mensch­licher Leben ist.

Ja", fuhr der Prinz in tiefem Ernste fort, „Sonntag, Montag und Dienstag, die Tage, deren tragische Kampftätig­keit Sie so glücklich oder unglücklich waren, mitzuerleben,- haben bisher den Gipfel der letzten verzweifelten An­strengung der Entente zur Erzwingung unserer Stellung be­zeichnet. Meine Offiziere haben Ihnen mitgeteilt oder wer­den Ihnen noch das Ergebnis, wie wir es auf dieser Seite ansehen, mitteilen.

Unsere Verluste an Gelände kann man auf der Karte mit der Lupe erkennen. Ihre Verluste an etwas viel Wert­vollerem, an Menschenleben, waren geradezu ungeheuerlich.

Reichlich und in barer Münze haben sie für jeden fußbreit Boden bezahlen müssen, den wir ihnen verkauft haben. Zu demselben Preise können sie so viel haben, wie sie wollen. Wir Deutschen sind vollkommen imstande, die Lücken in unseren Reihen aufzufüllen. Wir haben eine Reserve an geschulten Offizieren und ausgebildeten Mannschaften, die noch nicht in Anspruch genommen worden ist. Wir 'sind nicht, wie die Generale der Entente, genötigt, unfertige und unausgebildete Rekruten in die eigentliche Kampf­front zu werfen.

Ob dies der letzte Versuch gewesen sein wird, können wir nicht wissen. Wir haben als Maß ihrer Kraft ihre Höchst­leistung angenommen und sind auf alles vorbereitet, was sie unternehmen können. Im Interesse Tausender, die in einem neuen Angriff vergeblich hingeschlachtet werden würden, hoffen wir, daß sie daraus gelernt haben. So weit es unser Vater­land angeht, so ist es uns gleich; wir sind sogar geneigt, weitere T o r h e i t e n, die sie begehen sollten, zu begrüßen.

Während der letzten Woche haben Sie unsere Front ge­sehen, und Sie. sind durch die ganze Gegend gekommen, die bis zu unserer Basis zurückreicht. Dabei müssen Sie die völlige Uneinnehmbarkeit unserer Stellungen und unsere überreichlichen Vorkehrungen bemerkt haben. Wenn Sie eine Mitteilung von dem, was Sie gesehen haben, Ihren Freunden in England zukommen lassen können, so werden Sie vielleicht der Sache der Menschlichkeit einen Dienst erwiesen haben. Es macht uns traurig, den furchtbaren Zoll von Leiden und Tod, der in dem Hauptbuch der Geschichte ausgezeichnet ist, zu fordern, aber wenn unsere Feinde sich noch in den Kopf gesetzt haben, einige Hektar mehr an blutgetränktem Boden zu be­sitzen, so fürchte ich, sie werden den bitteren Preis zahlen müsse n."

Um uns herum waren an dem Tische die Chefs des Stabes der Armee versammelt, die seit dem 1. Juli den ver­einigten Angriff der Franzosen und Engländer an der Somme aufgehalten hat. Jeder einzelne von ihnen hat einen Namen in den Annalen von Feuer und Schwert. Sie rauchten schweigend ihre Zigarren zu Ende, und als der Ober­befehlshaber das Zeichen gab, erhoben sich die Exzellenzen, Generale und Obersten, grüßten und gingen hinaus zu ihrer grausamen Arbeit. William Bayard H a l e.

Der Krieg gegen England.

Die furchtbare Wirkung des neuen Luftschiffangriffs auf London.

(Von unserem Il-Sonderberichterstatter.)

II. Haag, 25. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Central News" melden aus London; Der letzte Zeppelinangriff, der mit 12 oder 15 Luftschiffen aus­geführt wurde, galt offenbar hauptsächlich dem Bezirk London, auf welchen über 300 Bomben, teils schweren Kalibers, abgeworfen wurden. Die Zahl der vernichteten Geschäfts- und Wohnhäuser ist erheb­lich. Man zählte bisher über 160. Die Zahl der getöteten und verwundeten Personen ftieg auf 140. Unter den Haustrümmern wird noch eifrig nach Ver­schütteten gesucht. Die Besatzung des zweiten bei Esser herabgekommenen Luftschiffs ist völlig u n ver­wundet.

Br. Rotterdam, 25. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach den bisher erst spärlich eingetroffe­nen Meldungen aus London, muß der Angriff der Zeppeline auf die britische Hauptstadt von furcht­barer Wirkung gewesen sein. Besonders in den Londoner Vorstädten ist viel Schaden angerichtet. Aus dem ö st l i ch e n Midland wird ferner berichtet, daß nicht nur die Bahnstation, sondern auch eine große Fabrik durch die Zeppelinbomben vollständig zerstört wurde.

Die Herabfchiefmng dev beiden Zeppeline.

W. T.-B. Amsterdam, 25. Sept. (Drahtbericht.) Rach dem sehr unklaren hier vorliegenden Telegramm über das Herabschießen der zwei Luftschiffe scheinen beide Luftschiffe in Essex verunglückt zu sein. Der Kommandant des einen, dessen Besatzung umkam, hatte keine Brandwunden. Man glaubt, daß er aus der Gondel stürzte. Korrespondenten aus verschiedenen Orten zwischen London und der Küste schil- dern den Untergang des einen Luftschiffes, der sich gegen 1 Uhr morgens ereignete. Der Donner der Mwehrkanonen leckte die Menschen aus den Häusern. Die Leute stellten sich