Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. i- m
tlr. 223. Samstag, 23. September. 1916.
Die Dierbachs-Mädeln.
Münchner Roman von Emma Haushofer-Merk.
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In dem Atelier war der große „Sonnenbrenner" angezündet und beleuchtete mit indiskreter Helle die kunterbunte Einrichtung: einen schöngeschnitzten
Renaissancesessel neben groben Holzstühlen, auf denen wunderlicher Kram herumlag: einen echten Perser vor dem aus einer Kiste und einer verblichenen Decke angefertigten Ruhebett: einen Ständer mit einem
Dachauerkostüm, alten Brokatfetzen, einem Schäferhut mit bunten Seidenbändern: ein paar verstaubte Gipsabgüsse nach Tieren und eine Menge Landschaftsstudien an den Wänden.
Waldemar Falk stand nicht vor der Staffelei. Er hatte sich seinen Spiegel aus dem Schlafzimmer geholt, vor den aufgeklappten Deckel des Farbenkastens gestellt, um sich bequemer beaugapfeln zu können und malte — an seinem eigenen hübschen jungen Gesicht. Die Brauen bekamen durch Kohlenstriche einen kühnen Schwung: ein paar dunkle Linien unter den blonden Wimpern hoben die Augen heraus: schließlich zeichnete er sogar noch eine Falte von der Nase zur Stirnwurzel.
Gerade in diesem Augenblick wurde geklopft.
„Donnerwetter!" stieß er ungeduldig hervor. „Wer ist's denn? Modell brauch' rch keins — überhaupt — ich kauf nichts."
„Max, Max Schmidt!" sagte draußen ein junge Stimme. „Darf ich auch nicht herein?"
Der Maler stand aus und öffnete. „Du! Ja, das ist was anderes! Wenn du mich einmal besuchst! Aber fast hätt' ich gerufen: Bin nicht zu Haus."
„Ich war sehr überrascht, bei dir Licht zu sehen. Ich warf zufällig einen Blick herauf. Natürlich glaubte ick todsicher, du wärst im Kaffeehaus, wo ich dich aufsuchen wollte."
„Da sieht man, wie meine Freunde mich verkennen! Mich vermutet man im Kaffeehaus!" sagte Waldemar mit komischer Würde. „Und ich sitze doch immer hier und schufte."
Max Schmidt lachte, während er den Überrock ablegte und einen Platz für seinen Claquehut suchte. Er hatte eine schlanke, elegante Erscheinung; ein etwas ernstes Gesicht mit dunklen Augen und einem kurzgehaltenen braunen Vollbart.
Waldemar blickte überrascht auf den Freund.
„Herrjehl Im Frack! Unheimlich fein! Was hast dir denn vor?"
„Ja, das weiß ich eigentlich selbst nicht. Ich wollte dich fragen, dich abholen. Ich möchte irgend was Unter- haltliches heut abend haben. Ich hab's satt, daheim zu sitzen und Pläne zu zeichnen, die niemand ausführtl Einmal wäre ich gerne mit euch Miinchenern fidel gewesen, ehe ich übermorgen von hier wieder abschiebe."
«WaS! Du willst fort?" rief Falk enttäuscht. „Warum denn? Ich habe doch iinmer deine schönen „Van Dyk-Hände" malen wollen. Und jetzt geht der Mensch weg!"
„Ja, mein Lieber! Was soll ich denn hier an
fangen? Niemand kennt mich: niemand braucht mich) niemand will von mir was wissen."
„O, Schmerz, laß nach! Du scheinst ja in einer hübschen Katerstimmung zu sein! Es wäre mir ja eine ehrenvolle Aufgabe gewesen, solch einen Tugendbold auf einen „Kuhschwof" in der Westendhalle oder sonst im dunklen München zu führen — aber wie du siehst, bin ich eben im Begriff, mich herrlich herzucichten; für ein Atelierfest bei Lierbachs."
Er nahm von einem der Holzstühle ein großes Stück schwarzen Stoffes, auf das an der Innenseite ein Leintuch aufgeheftet war und das am Rande eine Goldborte schmückte.
Mit tiefer Stimme, in feierlichem Pathos begann er, sich in Heldenpose vor dem Freunde aufpflanzend:
„Erlaube mir, mich vorzustellen als der erste Liebhaber der Gesellschaft Thepiskarren.
Dieser Universalmantel ist nieine Erfindung. Siehst du, wenn ich mich so einhülle, in das finstere Schwarz, dann bin ich Karl Moor oder der Romeo in der Balkon- szene, wenn's sein muß, irgend ein gemeiner Verschwörer! Und ich brauche nur die Lichtseite dieses köstlichen Tuches zu entfalten und verwandle mich sofort in einen prachtvollen Griechen oder Römer! Großartig nicht? Du glaubst doch, daß ich der „Star" in der Schmiere sein werde, — mit der Figur!"
Er war in der Tat ein schöner Mensch, groß und breitschultrig, von schlanker Gestalt mit einem lachenden Hellen Gesicht: ein echter blonder Germane.
Mit stolzen Schritten und drolligen theatralischen Gebärden ging er durch das Atelier und deklamierte, was ihm von Bruchstücken aus klassischen Dramen einfiel:
„In gärend Drachengift hast du die Milch dev reinen Denkart mir verwandelt!"
„Ein Federzug von dieser Hand und neu geboren wird die Erde, Sire! Schenken Sie uns Gedankenfreiheit!"
„Neu erschaffen wird die Erde! Und geben Sie Gedankenfreiheit", korrigierte Max Schmidt, der sich in dem Renaissancesessel niedergelassen hatte und sich lachend eine Zigarette, anzündete.
„Was ihr Maler immer für netten llnsinn ausheckt I Man kann euch wirklich um euren Humor beneiden! Aber mir ist's sehr leid, daß du heute nicht zu haben bist! Allein amüsiere ich mich ja doch nicht."
„Weißt was! Geh mit zrl Lierbachs!" rief Waldemar sich lebhaft umwendend.
„Was fällt dir ein? Ich kenne die Familie doch gar nicht. Oder ist es nur ein Herrenabend?"
„Herrenabend!, Nein! Gott sei Dank! Die Damen — das ist doch die Hauptsache! Eine Schmiere ohne weibliches Personal, das wäre traurig! Aber es kommen alle Lierbach-Schüler hin und du nuißt dir solch einen Atelierulk nicht vorstellen wie ein steifes Souper bei euch am Rhein! Es geht da höchst gemütlich zu! Man freut sich, wenn noch einer kommt, der lustig mit-
