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Samstag, 23. September 19t 6.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 457. . 64. Iatzrgang.

Die militärische Lage.

(VonunsererBerlinerAbteilung.)

D. Berlin, 22. Sept. (Eig, Drahtbericht. Jens. Bln.) Das ungünstige Wetter hat im Westen auch gestern die Gesechtstätigkeit sehr behindert. Mit großen überlegenen Kräften setzten sich die Franzosen wieder in den Besitz eines Teiles des von uns zurückeroberten Geländes bei B o u ch a - vesnes. Immerhin hielten unsere Truppen teilweise die errungenen Vorteile fest. Die Somme-Offensive stellt den Feind vor Aufgaben, die ihm täglich die größten Verluste kosten. Erneute Teilangriffe der Franzosen bei Thiaumont - Fleurh haben nur den Zweck, unsere Kräfte dort zu binden. Irgendwelchen Gewinn brachte sie dem Gegner nicht.

Im O st e n hatten die Russen bei Wiederaufnahme der Offensive westlich L u ck nicht weniger als fünf Armeekorps in engem Raume angesetzt, was die Höhe ihrer Verluste er­klärt. Im Gegenangriff zeigten die deutschen Truppen die­selbe prachtvolle Tapferkeit, wie sie einst beim Be­wegungskrieg sich ausgezeichnet haben.

Auch bei H a l i s ch scheiterten alle Versuche der ruffischen Übermacht, durchzubrechen, an dieser Tapferkeit. I» den Karpathen waren erneute ruffische Vorstöße wenig er- frlgreich. Sie kamen nur an vereinzelten Punkten etwas vor­wärts unter hohem Einsatz. Der Widerstand der verbündeten Truppen dort ist um so höher anzuerkennen, als der Winter recht überraschend eintrat. In Siebenbürgen zeigen sich die Rumänen auch weiterhin zurückhaltend. Die Ein­nahme der Vulkan- und Szerduk-Pässe hatte die bedeutende praktische Wirkung, daß unsere hier kämpfen- den Truppen relativ eine gute Flanken- und Rückendeckung besitzen. Der Kampf hier und in der Dobrudscha hat schon einen merklichen Zusammenhang dadurch erlangt, daß aus dem südrumänischen Gebiet die Gegenwart rumänischer Truppenbestäude festgestellt wurde, die früher gegen Siebenbürg en fochten (durch die Gefangen­nahme zu ihnen gehöriaer Offiziere und Mannschaften be­wiesen). Der Feind wollte also eilends Verschiebungen vor­nehmen, die der Ausführung seines Kriegsplanes eine ernste Störung bereiteten. In der Dobrudscha kann man an der neuen Front Dragoba-Ropadinn-Tuzla, wo die ge­schlagenen rumänisch-ruffisch-serbischen Divisionen von eilends herangeführten Verstärkungen ausgenommen wurden, im Verlaufe der natürlich sehr heftig und zäh geführten Kämpfe mit Vertrauen entgegensetzen. Die Rumänen, die 1913 in den Krieg eingriffen, um die Dobrudscha auf Kosten Bulgariens zu erobern, sind jetzt schon 3v Kilo­meter nördlich über ihre alte Grenze hinausgrdrängt worden. Die neue Kampffront mißt nicht mehr als 65 Kilo­meter gegen 140 entlang der Grenze. Rumänien hat keinen Grund, über seine KriegSabenteuer die geringste Freude zu empfinden.

In Mazedonien richteten die Feinde ihren Haupt­bruck auf den linken Flügel der Bulgaren. Alle einlaufenden Meldungen berichten über die außerordentliche Tapferkeit der bulgarischen Truppen, die insbesondere den Franzosen in schneidigen Gegenangriffen schwere Verluste beigebracht haben. Den feindlichen Verlusten entsprechend, haben jetzt auch die Kämpfe bei Florian schon etwas von ihrer Bedeutung verloren.

Die siebente Zsonzoschlachtz

(Von unserem militärischen Mitarbeiter.)

Nach einer Vorbereitungszeit von rund 30 Tagen sind auch die Truppen des Generals Cadorna zu einer neuen großen Offensive geschritten. Im Sommer und Herbst v. I. unternahmen die Italiener ihre vier ersten Durchbruchsschlachten am Jsonzo in den Zeiten, als Rußlands Heere unaufhörlich geschlagen wurden und hernach während des deutschen Siegeszuges bei der Niederkämpfung Serbiens. Nachdem im Winter keine größeren Unternehmungen in diesen Kampf­gebieten stattgefunden hatten, erfolgte der 5. große An­griff im Frühjahr d. I. und der 6. in den ersten Augusttagen, als verspäteter Nachläufer der von der Entente im Juli unternommenen Generaloffensive im Westen und Osten. Am 14. September lebte der Kampf von neuem auf, nachdem die Italiener auf dem östlichen Jfonzoufer an den Westabfällen der Karsthoch­fläche zwischen der Wippach und dem Meere Fuß ge­faßt hatten. In erster Linie geht das Streben der 3. italienischen Armee dahin, die kärglichen Erfolge aus den ersten Augusttagen zu erweitern, im Bett der Wippach nach Osten Gelände zu gewinnen und den Stoß gegen Triest zu führen. Das Kampf­gelände ist diesmal noch begrenzter als in den früheren Jsonzoschlachten. Es hat eine Ausdehnung von kaum 10 Kilometer in der Breite, führt jedoch nach italienischen Meldungen auf die stark ausgebauten und festungsartigen Verschanznngen unseres Bundesgenossen.

Mach mehrtägigem Trommelfeuer schritten die ita­lienischen Sturmkolonnen in der Nacht vom 14. zum 15. September zum Angriff. Ihre Jnfanteriemassen waren auf dem engen Raume tief gegliedert, so daß der Stoß mit äußerster Kraft erfolgte. Gelang es auch dem

Feinde an einzelnen Stellen der vordersten Linie am ersten Kampftage Fuß zu fassen, in der darauffolgenden Nacht mußte er seine Anfangsgewinne dem mutigen Verteidiger wieder überlassen. Gleichzeitig trommelte die feindliche Artillerie auch gegen die anderen Über­gangsstellen über den Jsonzo nördlich von Gorz. Die vielgenannten Brückenköpfe bei Tolmein und Plava bis hinauf zu der Biegungsstelle der Jsonzofront mit der karnischen Kampflinie standen tagelang unter dem schwersten Artilleriefeuer, ohne daß dem Gegner der Uferwechsel gelingen konnte. Am 16. September wurde der Geschützdonner noch durch starkes Mincnfeuer unter­stützt, neue Jnfanteriemassen wurden abermals zum Sturme herangeführt. An Meiern Tage _ errang der Gegner nur den einen Erfolg, daß im Wippachtale die Ortschaft San Grado ihm überlassen werden mußte. Abgesehen von diesem geringen Verlust blieb die Kampffront unseres Bundesgenossen völlig unverändert. Durch erfolgreichen Gegenangriff wurden dem An­greifer 500 Mann und 3 Maschinengewehre abgenom­men. Ebenso vergeblich waren die gegnerischen An­griffsbemühungen in der Tallenke östlich von Gorz. Im Sperrfeuer der. Verteidigung konnten die Angriffs­kolonnen keinen Raum gewinnen. Auch am 17. Sep­tember war die Kraft des Gegners trotz seiner ununter­brochenen Anstrengungen bei Tag und bei Nacht noch nicht erlahmt. Auf den Karsthöhen zwischen Wippach und dem Meere tobte die Schlacht ununterbrochen wei­ter. Die Absicht des Durchbruches um jeden Preis wurde auch dadurch deutlicher, daß die Angriffslinie von 10 Kilometer Breite auf nur 5 Kilometer zusammen­schrumpfte. Trotz dieses verstärkten Druckes, obwohl die italienische Heerführung unaufhörlich frische Kräfte heranführte, stellenweise auch bis zum Nah­kampfe gelangen konnte, blieb die Kampflinie der Jsonzokämpfer fest und unerschütterlich. Am

18. September machte der Feind nach dem mehrtägigen Artilleriekampf fruchtlose Versuche, nördlich von Görz die Stellungen unseres Bundesgenossen zu überrennen. Aber auch hier, wo die Kampflinie noch auf dem west­lichen Ufer verläuft, holte der Feind sich überall blutige Köpfe. Dieser 5. Schlachttag bildete den Höhepunkt der neuen 7. Jfonzoschlacht. Am darauffolgenden Tage wurde der Angriff zwar mehrfach wiederholt, die Ver­teidigung ließ den Gegner jedoch an den meisten Stel­len gar nicht bis in die Gräben hineinkommen. Am

19. September wurde die Haupttätigkeit von der geg­nerischen Artillerie ausgeführt. Die Jnfanterieangriffe erfolgten nicht mehr in w dichten Massen wie in den ersten Schlachttagen. Die italienischen Einzelstöße er­lebten an allen Stellen eine blutige Abweisung. Am

20. und 21. September beschränkte sich die Kampfhand­lung nur auf heftiges Artillerie- und Minenwerfer- feuer. Die gegnerische Infanterie hatte so schwer ge­blutet, daß gegenwärtig am östlichen Jfonzoufer eine Kampfpause festzustellen ist.

Die neue Jfonzoschlacht war in den sieben Tagen von 20 Jnfanteriebrigaden, 1 Kavalleriedivision und etwa 15 Bersaglieri-Bataillonen durchgefübrt worden, mit­hin von einer Kampfkraft von mindestens 160 000 Mann. Auch dieser hohe Menscheneinsatz hat das Ziel der italienischen Heeresleitung, die Eroberung der Kar st höhen und den Durchbruch nach Triest, keineswegs verwirklicht. Italiens neue An­strengungen sind wohl ein Glied der großen Gene­raloffensive unserer Gegner, waren aber nicht in der Lage, irgendwie eine taktische Entscheidung her­beizuführen. Nachdem der erste Ansturm wieder ge­brochen ist, da die geplante Durchbruchsschlacht mich bei diesem 7. Versuch zum Stehen gekommen ist, werden die Truppen des Generals Cadorna wiederum einer länge­ren Atempause bedürfen, um die neuen großen Verluste an Menschen und Material ersetzen zu können. Mit Stolz aber können die tapferen Kämpfer unseres Bun- desgenossen auf den Karsthöhen auf ihre Leistung blicken, denn ihre Standhaftigkeit hat mit dazu beige­tragen, daß die Mittelmächte auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz die f r e i e H a n d behielten. Zum 7. Male muß Italien erkennen, daß tein Bündnis mit der Entente weder geeignet, eine Kriegsentscheidung herbeizuführen, noch dazu angetan ist, die freventlichen Eroberungsabsichten zu verwirklichen. LI.

Oer Krieg gegen llutzland

Die Karpathenkämpfe bei Kirlibaba.

Von unserem zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter.

.den 20. September.

Auf den Kurpathenhöheu sieht man den Neuschnee glänzen. In den letzten Nächten waren bis 12 Grad Kälte. Unsere Truppen leisten gegen russische Übermacht. Nebel, Kälte, Entbehrungen Übermenschliches. Bayern, Ostpreußen. Jäger aus allen deutschen Stämmen halten mit den Verbündeten die Karpathenwache. Ein deutsches Regiment schlug gestern 8 russische Angriffe ab.

Trotzdem der russische Ersatz seit kurzer Zeit auch schwerer heranzuführen zu sein scheint, unter den Gefangenen befan­den sich nur zwei Monate Ausgebildete des Rekrutenjahr­ganges 18, greifen die Russen ununterbrochen in Regiments­breite und tiefgegliedert an. Nur südlich der Baba Ludowa wurde ein Frontabschnitt ein wenig zurückgenommen, eine Bewegung, die notwendig war, um im Anschluß mit den be­drängten österreichisch-ungarischen Verbänden zu bleiben, die unter dem Druck zusammengeballter russischer Kräfte eine neue Stellung bezogen. Schwächere Angriffe gegen diese neu>> Stellung wurden heute abgewiesen, ebenso wie die Höhen­angriffe nördlich der Baba Ludowa, die heute sieben Mal ver­geblich wiederholt wurden. Die Truppen des Generals von Conta haben ihre Stellungen fest behauptet. (Kb.)

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Angriffe und Geaenangriffe bei Lwiniüchy.

Die Russen überall zurürkgcschligen. Vernichtung eines französischen U-Boots durch eilt Seeflugschiff.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht

W. T.-B. Wien, 22. Sept. (Drahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 22. September, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz.

§ront gegen Rumänien.

Bei unveränderter Lage keine besonderen Ereignisse. Heeressront des Generals der Kavallerie Erzherzog Uarl.

Die Angriffstätigkeit der Ruffen in den Karpathen hat gestern etwas nachgelassen. Nördlich von Dorna W a t r a, südwestlich vom Gestüt Lnczina, und im Gebiet der Ludowa wurde» feindliche Vorstöße abgewehrt. Südlich von Bystrcec ging die gestern znrückgewonnene Höhe S m o t r e c wieder verloren. Sonst nichts von Belang. Heeresfront der Generalfeldmarschalls Prinz Leopold von vapern.

Bei der Armee des Generalobersten v. Böhm-Ermolli' nahm der Geschützkampf an Stärke zu. Östlich von Swi- n i u ch y wirft der Feind unseren Gegenangriffen neue Kolonnen entgegen; sie wurden überall zu rückgeschlagen.

Italienischer und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Nichts von Bedeutung.

Der Stellvertreter drS Chefs des Grneralstabes: v. H L f r r, Fcldmarschallentnant.

Ereignisse zur See.

In der südlichen Adria ist das französische Unterseeboot Foucault" von einem unserer Seeflugzeuge, Führer Fregattenleutnant Celezeny, Beobachter Frcgattenleutnant Frhr. v. Klimburg, von Bombentreffern versenkt worden, die gesamte Bemannung, 2 Offiziere und 27 Mann, viele da­von in ertrinkendem Zustand von diesem und einem zweiten) Flugzeug, Führer Linienschiffsleutnant Komjovic, Beobachter Seefähnrich Severa, gerettet und gefangen ge­nommen. Eine halbe Stunde später wurden die Gefangenen von einem Torpedoboot übernommen und eingebracht, bis auf die zwei Offiziere, die auf den Flugzeugen in den Hafen ver­bracht wurden. Flottenkommando.

3«m 8all Lotzmann-Valentin.

Aus dem bösen Streit, der sich um Herrn Valentin als verhältnismäßig gleichgültigen Mittelpunkt erhoben hat, wird jeder, der es mit seiner Verantwortung ernst meint, vorsichtigerweise den Schluß ziehen müssen, daß es in diesen sonderbaren Zeiten die dringendste Pflicht ist, den Mund zu halten, um einen sehr eigen­tümlichen Sachverhalt einmal ganz grobdrähtig zu be­nennen. Früher schrieb man, was man auf dem Herzen hatte, jetzt behält man es im leider nicht immer ver­schwiegenen Busen, und der Hörende, der eben nur Ge­sprochenes hört, schiebt falsche Erinnerungsbilder vor das Gesagte, teils weil es überhaupt schwer ist, genau zu behalten und wiederzugeben, was man vernommen hat, teils weil der eigene Subjektivismus mit Lust, manchmal naiv unbewußt, an dem Mitgeteilten herum­arbeitet. Dazu kommt die Sucht zum Vergröbern, zur Grellmalerei, und es kommt das wichtigtuerische Be­hagen am Hüten eines anvertrauten Geheimnisses hin­zu, ein Behagen, das sich überwiegend in der Neigung ausdrückt, dies Geheimnis unverzüglich. aber mit Zu­taten zu verraten. Die Osten tlichkeit, die zum Glück in ihrer überwiegenden Masse von allen diesen, in engeren und doch keineswegs engen Kreisen um­gehenden Tratschgeschichten nichts weiß, kann sich schlechterdings nicht vorstellen, wie abenteuerlich Hunderte von angeblich verbürgten Geschichten sind, mft deren Hin- und Herwerfen in jener engeren Schicht