Der Roman.
äi Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. m
Nr. 222.
Zreitag. 22. September.
tylb.
(Schluß-t
Schicksal.
Von Henny Stock.
(Nachdruck verboten.)
Hanke, ich hatte dich vergessen, die Erinnerung an dich verstoßen und meine Gedanken verjagt, wenn sie flüsterten, daß du zu mir gehörtest. Geschwisterliebe, Jugendliebe, glaubte ich. Das muß ich büßen, Hanke!"
Er schwieg erschöpft.
Hanke stand zitternd. Sie konnte nicht anders, sie mitßte zu ihm treten. Seinen Kopf zog sie an ihre Brust und küßte seine Augen, trostend, mütterlich. Sie sah nur, daß er litt. Sie wußte nicht mehr, daß er um ihretwillen litt und sie mit ihm.
Da er ihren Herzschlag fühlte, ihren warmen Mund, vergaß er allen Willen. Seine Hände hoben den schmaler Kopf, als sei er ein kostbares Gefäß. Ihre Tränen tropften in seine Küsse hinein, aber sie wehrte sich nicht und schmiegte sich an ihn, wie flehend um Schutz und Gnade.
Dann ging er.
Hanke sank in ihren Sessel und sann. Ihr war befreit und gesättigt zumute, als hätte sie einen süßen Wein geschlürft. Nicht eimual ihr Gewissen lastete. Lena war reich. Sie besaß ihr Heim. Sie hatte Georg nahe, und er war immer für sie da, nur für sie.
Und sie hatte das Kind.
„Ich habe mein eigenes Leben, ja", dacht« Hanke, „und meine Freiheit. Aber ist das alles nicht nur ein kärglicher Ausgleich gegen das Wunder der Mutter- schaft?"
Am anderen Morgen besuchte sie Lena. Die war etwas verstimmt. Aber Hanke entschuldigte sich, sie habe ja kommen wollen. Doch im letzten Augenblick habe eine schmerzliche Mutlosigkeit sie befallen, eine Unfähigkeit, Menschen zu sehen. Da forschte Lena versöhnt und besorgt in Haukes Gesicht: „Vielleicht tut das die Hitze. Georg ist auch so verstört und sieht müde aus. Er müßte ausspannen, und sagt, nur Arbeit--bilde seine Arznei. Manchmal meine ich, er sei weit von mir entfern, unerreichbar. Ich suche umsonst nach unserer alten Innigkeit. Er ist gut zu mir, sorglich. Aber ich kann das Gefühl nicht loswerden, er hätte etwas verlöten, was er nicht wiederfinden kann, und ich soll es nicht wissen. Ach, Hanke, ich könnte zu niemand darüber klagen außer zu dir. Du schaust tief in alles hinein als Mensch und als Schassende. Welkt Liebe so rasch in der Ehe?"
Hanke faltete die unruhigen Hände. Wolkenhaft huschte es durch ihren Geist, wie seltsam das Schicksal spielte, daß Lena ihr vertraute in ihrem Eheleid.
Sie tastete nach den rechten Worten. Während sie sprach, wuchs ein Verstehen in ihr empor und ein Helfenwollen. Ihr Zusammensein mit Georg schien ihr fern wie der fernste Kindertraum, ganz ohne Schuld.
„Lena, du hast das Kind. Ich habe niich oft bedacht iiber die Ehe. Mir bedeutet die Ehe an sich ein llnding. strebt nicht jeder Mann aus ihrer Enge heraus, so gütig sein Sinn auch sein mag und so groß seine verehrende Liebe?
Die Frau aber kann nur glücklich werden, wenn ft« sich ganz dem Wissen hinqibt, daß einzig das Kind Inhalt und Sinn der Ehe bildet."
, Sie schwiegen beide. Dann sagte Lena: „Ich will vorüber Nachdenken. Es ist möglich, daß du recht hast. Vielleicht liegt alles im Wesen der Ehe und weder bei mir, noch bei Georg ist die Schuld. Du versiehst uns beide und kennst Georg fast besser als ich durch eure alte Freundschaft, die wohl nicht gar weit mehr zur Liebe hatte."
Das Mädchen brachte die kleine Renate herein. Sie freuten sich an ihrem Lallen, ihren: knospenden Lächeln. Hanke schaute wehmütig froh in die grauen-Kinderaugen.
IX.
In Hanke auoll allmählich eine Härte empor, aus Verachtung und «Selbstsucht gemischt. Oft träumte sie ivohl widerwillig von Georgs Mund, und sie gab sich schreckensselig hin, wenn seine Gedanken ihren Besitz erbettelten. Dann wieder wußte sie, daß nur die flam- inende Kraft winer Manneswünsche ihre eigenen erweckten, daß sie in ihrem innersten Sein rein und kühl blieb, ganz Ruhe und Sicherheit.
Mitten in dieses Wirren hinein trat nach ein paar Tagen Georg noch einmal in Hankes Stube. Sieblickte ihn vorwurfsvoll an. Sie krampfte die Hände ineinander, als er nach ihnen greifen wollte.
„Was willst du?" herrschte sie ihn mit einer ganz fremden Stimme an.
„Sei nicht zornig, Hanke. Ich will nichts. Laß mich nur bei dir sein.
Ich habe mich durch Tage und Nächte geschleppt, und immerfort sühlte ich deine Lippen auf den meinen. Hanke,-ich mußte kommen!"
Hanke lehnte mit dem Rücken am Fenster. Lauter Licht umfloß ihre helle Gestalt. Ihr Gesicht war starr und die grauen Augen eiskalt.
„Du mußtest kommen? Dein Müssen liegt anders- ivo, Georg. Du glaubst, Lena fühlt deine Untreue nicht. Sie fühlt und leidet. Ich will nicht teilhaben an deiner Schuld, nicht büßen, daß du einen falschen Weg gingest. Wenn dein Wille so gering ist, soll der meine um so wacher sein. Du sollst meine Gedanken nicht mehr zu dir zerren. Ich will mein Leben rein und ungetrübt. Geh!"
Mit gebeugtem Kopf, unterjocht von seinem eigenen Verlangen, ging der Mann hinaus.
In seinen: Hirn haftete Hankes Bild, starr, eiskalt, umflossen von lauter Licht.
X.
Hanke flüchtete für einige Tage in ein Heidedorf. Das Wetter war kühl. Selten löste ein Sonnenblick die prasselnden Regenschauer ab. Das schadete nicht. Die feuchte Lust lockte alle Düste hervor. Wind und Regenbrausen ivaren dem müden Mädchen ein köstliches Lied. Das einsam-' Wandern berauschte es förmlich. Tannenwald, Heidehügel, ein Wiesental, die >an»e
