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Der Roman, i
r«^~ «1 Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i*—
Nr. 22t. Donnerstag» 21. September. 1916.
Schicksal.
Stock.
IV“.
Als Hanke einigeTage später Lena aufsuchtc, empfing die junge Frau sie mit einem mütterlichen Lächeln, wie man einem Kinde zuspricht: „Nun, hast du Georgs Härte verschmerzt? Er hat es nicht schlimm gemeint. Den ganzen Abend, nachdem du fort warst, blieb er bedrückt. Er ist ja so gut'und ritterlich, nicht wahr?"
Hanke strich zärtlich über, die dunkeln Augen, die von Glück und Güte einen warmen Glanz trugen. Indem sie Lenas schmiegenden Bewegungen zusah, die den Teetisch mit dem lieblichen Stolze ganz junger Frauen bereitete, mußte sie denken: „Es gibt etwas
zwischen Georg und mir, was du nicht ahnst, und Georgs Ritterlichkeit gilt nicht dir allein."
Aber von nun an besuchte sie Lena öfter in Georgs Abwesenheit. Wenn sie ihn sah, vermied sie es, ihm die Hand zu geben. Denn jedesmal war's ihr, als gerieten ihre Seelen du -rh die Berührung der Hände in eine so innige Gemeinsanikeit, daß sie beide allein im Raum weilten, fern von Lena und anderen zufälligen Gästen. Georg bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß Hanke ihm auswich. Immer wieder reichte er ihr seine festen Finger, wenn sie ihn mit einem flüchtigen Neigen des blassen Köpfchens begrüßen wollte. Immer öfter fühlte sie seinen Blick wie einen Segen auf ihren gesenkten Lidern. Die alte Zeit war ihr verschollen. Sie wußte nichts mehr von dem Knaben, dem sie einst das Haar gestreichelt hatte, das so widerspenstig über der hohen Stirn emporstarrte. Sie sah nur den Mann, dessen Gedanken die ihren umschmeichelten. Oder begannen ihre eigenen Gedanken das wesenlose, verderbliche Spiel? Oft wühlte eine Feindschaft in ihr gegen diesen Menschen, der so viel Unklarheit in ihr Leben brachte, das ruhig der Reife entgegenwachsen wollte.
Lenas Schritt ward schwerer. Sie strahlte von Zukunftsgedanken und hoffender Freude. Manchmal fragte sie Wohl vorwurfsvoll: „Hanke, warum hast du unsere gemeinsamen Heimabende ganz aufgehoben? Ausgehen mag ich nicht mehr!" Aber im Grunde war sic beglückt, daß ste Georg nun öfter allein hatte. Sie glaubte Haukes zögernder Entschuldigung: „Ich brauche Einsamkeit, Lena. Ich horche in mich hinein und aus inir heraus mit allen Kräften. Ich möchte etwas schaffen, etwas Rechtes, Starkes!" Und Hanke erzählte, daß verschiedene Vers- und Prosa-Einsendungen angenommen worden seien, daß sie eine Entwicklung ihres Könnens feststellen könne.
Dann meinte Lena später zu Georg: „Du, Hanke ist so fein und klug. Vielleicht bin ich ihr zu dumm. Ob rch nicht auch dir einmal zu dunnn sein werde?"
Aber Georg beruhigte sie. „Närrchen, du weißt gar nicht, wie lieb du aussiehst, und wie gut du bist!" Er küßte ihren Scheitel, und da sie ihm den roten Mund gar so durstig entgegenhob, streifte er ihre Lippen mit den seinen wie in scheuer Andacht.
(Nachdruck verboten.)
V.
Als die herben Frühlingswinde weicher wurden, fuhr Hanke für einige Wochen hinaus in das Billtal nahe dem Sachsenwald. Die Wälder standen rostbraun und ernsthaft gegen den lichtblauen Himmel. Das Flüßchen schlängelte sich durch fröhliche Wiesen, und leuchtende Birken kletterten mit fliegenden Haaren scharenweis hügelan, hügelab.
Da zerschmilz in Hanke alle Schwere des Erlebens der letzten Mondte. Ihr wurde hell und tapfer ums Herz; daß sie aller Rätsel- und Schattenangst lachte: „Ich will wollen und ich will wachsen. Dn kannst mir meinen Frieden nicht zerbrechen, Georg Haß. Ja, damals, als wir so jung waren, da wäre ich wohl still in deinen Armen geblieben, wenir du mich gehalten hättest und hätte gewartet und gehofft ans ein liebes Hafen- Glück! Jetzt bin ich froh in nretner Einsamkeit!"
Sie wanderte den ganzen Tag durch die Wälder, pflückte dicke Sträuße von Waldanemonen und Primeln und erquickte sich an dem herben Duft, den verhaltenen Farbtönen. Oft steckte sie sich auch wohl ein Büschel in den Gürtel und dachte: „Hübsch bin ich gar nicht. Aber so große, graue. Augen in einem so schmalen Gesicht hat koch nicht jeder! " Und iie erinnerte sich eines Wortes das Georg vor Jahren geprägt hatte: „Du bist kein» Orchester-, sondern Kammermusik."
So war's wohl. In der Menge verschwand sie Hier in die Waideinsamkelt des prangenden Frühlings schmiegte sich des Mädchens blasse Anmut fein hinein.
Sie warfete noch, bis die Buchen zu grünen Flanr- men aufloderten, bis Flieder, Rotdorn, Goldregen ihren bunten Reigen begannen. Dann kehrte sie in ihr kleines Reich zurück und freute sich an dem frühlingsschmucken Gärtchen.
Als sie sich gerade zu einem Begrüßungsbcsnch bei den Freunden fertig machte, brachte man ihr ein Telegramm: „Wir haben ein Mädchen. Georg."
Das Papier entfiel ihren Händen. Eine eiskalte Hand legte ihr dre Botschaft auf die bange Brust. Was bedeutete das? Sie hatte sich doch gefreut zu Georgs und Lenas Kind!
Wie im Traum ging sie durch die Straßen zu Georgs Wohnung. Das Mädchen führte sie ins Wohnzimmer. Georg saß müde in einem Sessel. „Wie geht es Lena?" „Sie ist sehr schwach", sagte er mit einer Stimme, die wund war von Tränen. „Kann ich das Kind sehen?" „Es liegt bei Lena." „So will ich wieder gehen: leb- wohl, Georg." Behutsam zog Hanke die Tür ins Schloß.
VI.
In den folgenden Tagen glaubte Hanke, ein Schleier sei über ihre Gedanken gebreitet, den sie ängstlich fest- halten mußte, damit sie nicht krank würde. Nachts lag sie lange wach: der Schlaf enthuschte ihr wie ein scheues Tier, wenn sie eben in halbes Dämmern sank. Dann fürchtete sie sich vor den eigenen Atemzügen, denn bei jedein Geräusch riß das Grauen der Nacht die Augen weiter auf und starrte in Haukes arme Seele.
