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Nr. 220.

Mittwoch, 20. September.

1916.

fe =r—» i Morgeil'Seilage der Wiesbadener Tagblatts. ,» -- >

Schicksal.

Von Henny Stock.

(Nachdruck verboten.)

^ T.

Hanke Marten preßte den schmalen Blondkopf an die" Scheiben. Draußen ging ein rauschender Sommer­regen nieder. Es gewitterte dumpf. Eine fast unwirk­lich hellrote Rose strahlte im erfrischten Gartengrün. Hanke, krampfte ihre unruhigen Finger ineinander. „Das ist so erschütternd schön", sagte sie zu dem hochge- toachsenen Mädchen, das neben ihr auf der Fensterbank hockte. „Wenn man es nur gestalten könnte. Ich spüre alle Schönheit an mir vorbeistreifen gleich dem leisen Flügelrauschen eines Vogels. Fangen kann ich sie nicht."

Hanke Marten bewohnte in einem stadtfernen Gartenhänschen zwei helle Zimmer. Die waren durch­atmet von der Behaglichkeit der alten Mahagoni-Möbel aus Hankes Elternhaus.

Als Vater und Mutter kurz nacheinander starben, hatte die Fünfundzwanzig,ährige alle Einladungen von Freunden und Verwandten abgewiesen, um sich selbst ihr Leben einzurichten. Seit zwei Jahren lebte sie in ihrer ereignisarmen und w belebten Einsamkeit.

Um ihre Sprachkenntnisse zu verwerten, erteilte sie einige Stunden. Wohl fehlte ihr eine begrenzte, ziel­süchtige Arbeit, aber Hanke barg seit frühester Jugend die Sehnsucht in sich, ihre Gedanken in Verse zu bannen, die den Schmelz der Dinge nicht verlöschen, sondern sanft aufleuchten lassen sollten. Diese Sehnsucht schien das Mädchen oft von dem eigenen Leben zu trennen und trug auch wohl die Schuld daran, daß noch keine Ehe es fesselte.

Vor Jahren hatte Hanke einem jungen Manne sehr nahe gestanden. Er ging im Hause ihres Vaters aus und ein wie ein Sohn. Seine verstorbene Mutter war die Freundin der ihren gewesen. Da Hanke mit Georg Haß in gleichem Alter war und Georg keine Aussicht auf eine Lebensstellung hatte, verboten sich alle Zu- kunftshoffnungcn. Und obwohl Georg oft und innig den schmalen, seingeschwungenen Mund des Mädchens geküßt hatte, so band ihre mütterliche Seele ihn doch tvohl fester als ihr zarter Körver. Seine wilde Lebens­gier hätte ihn allzu leicht in Niedrigkeit reißen können. Hanke leitete den Jüngling durch mancherlei Fährnis. Das Leben war ihm wehe Jcrsal ohne ihre helfende Hand.

Dann wurde Georg von Hamburg fort in das rauch- umschleierte Ruhr-Kohlengebiet geschickt, wo sein Ge­schäft eine Zweigstelle errichtete. Von der Arbeitshetze dort ließ er sich fortschleifen. Selten wehten flüchtige Nachrichten von ihm zu Hanke Marten, die noch lange mit Seele und Sinnen an ihm hing.

Aber immer deutlicher hatte sie die Empfindung, das Leben der andern Menschen und ihr eigenes gleichsam von einer Anhöhe herab an sich vorbeigleiten zu sehen. Der Dunst der Ferne ließ alles reiner, duftiger, doch manchmal auch wirrer und unverständlicher erscheinen, als es sich in Wahrheit zutrug. Wenn sie sich mühte.

das Wesentliche der Geschehnisse und Zusammenhänge hcrauszuschälen, so fand sie immer nur das Thema: „Liebe", wie es in tausend fchwernnitigen und freudi­gen Variationen der Menschen Gedanken und Schicksale durcheinander wirbelte. Ihr selbst erschien dieses Thema bedeutungsloser als die andern Lebensfragen. Hanke wollte ihr Leben ruhevoll, schönheitsgesegnet.

Im Sommer wandert: sie häufig. Der Elbe silbrig- bewegte Schönheit griff ihr ans Herz, die fast harzhafts Wildheit der Hügelwälder, die stille Weite der Marschen und vor allem die Heide. Hanke hatte eine rechte Lust, der Erde so nahe zu kommen, wie es ihr als einem Großstadtkinde möglich war.

Im Winter las sie viel und besuchte Theater, Kon­zerte. Besonders liebte sie jene Tanzabende, an denen bii ken-biegsam: Mädchen versuchen, den verhauchenden Zauber der Töne sinnlich zu gestalten. Da ihre Schwäche, das Erleben der Schönheit greifbar zu for­men, ihr schmerzlich war, berauschte sich Hanke an dieser neuen, wunderspendenden Kunst, die der ihren verwandt schien.

Georg Haß wurde ihrem Wesen allmählich fremd. Nur ab und zu fühlte sic' mit ängstlichem Erschrecken, daß er ihre Erinnerungen noch immer an sich riß. Wie ein Schatzgräber an die Stelle zurückkehren muß, wo er sein Kostbarstes vergraben, so schien Hanke Marten dieser keuschen Jugendgcschichte verfallen.

Da flatterte im beginnenden Frühling ein Brief von Georg Haß zu Hanke. Der streifte mit vorsichtigen und ein wenig lächelnden Worten die Vergangenheit und erzählte, daß Georg sich verlobt habe. Im Herbst iverde er mit seiner Lena, die Hankes Freundschaft ersehne, in Homburg ein Heim gründen.

Hanke versuchte, dieses Austauchen nach langem Schweigen zu erklären, statt die Tatsache hinzunehmen.

„Er hat mich danials so nötig gehabt wie keinen anderen Menschen. Als er inich nicht mehr brauchte, entglitten wir einander. Diese Zufalls-Begegnung hat keinen Zusammenhang mit deni Schicksal."

In diese Formel faßte sie am Ende ohne Bitterkeit das Ergebnis ihres Grübelns.

Und nun saß Hanke Marten neben Georgs Braut am Fenster und suchte dem Ernst des Gewitters, der kühlen Blutröte der Rose die Schönheit abzuringen, die sich nicht ergeben wollte.

Lena weilte für einige Wochen bei Verwandten in Hamburg, um ihre zukünftige Häuslichkeit zu bereiten und die neue Heimat kennen zu lernen. Die beiden Mädchen verplauderten manche Stunde. Sie gingen auch zusammen einkaufen, kraulten und ordneten in dem Nestchen, das Lena in einer stillen Alsterstraße ihrem Glück baute.

Hanke bewunderte den eigenartigen Liebreiz der Jüngeren, die schlichte, gütige Art. In ihrem Unter- bewußtsein lebte auch wohl der innige Wille, dieses Mädchen liebzugewinnen, das Georgs Gattin werden scllte.