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Mittwoch, 20. September 1916.

Morqen'klusqabe.

Nr. 4SI. . 64. Jahrgang.

Unter britischem Banner.

Die Einnahme von Daressalam versetzt die „Daily Mail" in eine Art Verzückung. In der Nummer vom 5. September schreibt das Blatt, die Eroberung dieser „so wertvollen und trefflich entwickelten" Kolonie könnte für die Welt nur als ein Glück angesehen werden. Die Deutschen seien gegen die Eingeborenen mit großer Grausamkeit verfahren, hätten sie mit Überlegung dem Hungertode preisgegeben, Frauen und Kinder dort ebenso gemordet, wie sie dies in Europa getan hätten, icht das Banner der Zivilisation verschwinde jetzt aus stafrika, sondern die schwarze Flagge einer Nation von Spionen und Verbrechern.

So schreibt das Blatt einer Naffon, deren Kolonial­geschichte von den ersten Anfängen an mit den größten Grausamkeiten gegenüber den Eingeborenen verknüpft ist. Es wäre unter unserer Würde, wollten wir die wackeren Ostafrikaner, die bereits über zwei Jahre ihren . Boden gegen vielfache Übermacht verteidigen, gegen solche Verleumdungen in Schutz nehmen. Es genügt, üuf die Tatsache hinzuweisen, daß die Eingeborenen selbst dem Völkergemisch das gegen Ostaffika aufge- boten wird, unter deuffcher Führung entgegentreten und alle Mühen und Entbehrungen, die der Krieg mit sich bringt, auf sich nehmen. Allein diese Tatsache be­weist schon, daß wir die Farbigen in der langen Frie­denszeit nicht schlecht behandelt haben, daß sie sich unter der deuffchen Herrschaft recht wohl fühlen. Wäre das nicht der Fall gewesen, Ostafrika wäre längst die Beute der Briten geworden.

37 g Die Anwürfe der „Daily Mail" wecken aber einige ^Erinnerungen an britische Kolonisatoren. In Nord­

amerika drückten die britischen Kulturträger den Ein- eborenen Gewehre und Munition in die Hand, damit ie Kämpfe der Stämme untereinander etwas Verlust- eicher sich gestalteten und der Brite um so ungestörter sich der Ländereien der Eingeborenen bemächtigen onnte. Auch mit Schnaps haben die britischen Koloni- ätoren viel erreicht. Niemand anders als Briten waren s, denen die Kulturblüte der Eingeborenen-Sklaverei u verdanken ist. In Virginien wurden die Jndianer- ftänime zu Menschenjagden angespornt, damit die bri- ischen Herren die „Kriegsgefangenen" als Sklaven ver­rufen konnten. Das war nicht etwa Ausschreitung inzelner, sondern gesetzlich erlaubtes Mittel. Und wo und die Eingeborenen Neufundlands geblieben? — ie letzten erschoß ein britischer Kulturträger zu An- äng des 19. Jahrhunderts. Das gleiche Los wie die Indianer hatten die Eingeborenen Australiens unter ritischer Herrschaft. Im Verlauf von 190 Jahren sind ie Austral-Neger von etwa einer Million auf 50 000 öpfe zurückgegangen, dank der Tätigkeit der von Eng- and nach Australien als Kolonisatoren importierten 'erbrecher! In Viktoria sind die Eingeborenen bei- ßabe, in Tasmanien vollständig ausgerottet. In West- r ulstralien und in Queensland sind die blutigen Straf-

'_iüge gegen die Eingeborenen noch im 20. Jahrhundert

ggim der Tagesordnung. Wer sich dem Arbeitszwang —wicht fügt, wird mit der Peitsche dazu gezwungen. Ver­gebens erbeben die Missionare ihre Stimme gegen die grausame Behandlung der Austral-Neger. Die Geschichte )er berühmten Neuseeland-Kompagnie ist in ihren An- , sängen eine Geschichte der Ausbeutung und Beraubung der Eingeborenen. Die Maori-Bevölkerung Neusee­lands, die Anfang der siebziger Jahre noch auf 120 000

en-

^öpfe geschätzt wurde, schmolz unter dem Einfluß briti- )a cher Kulturträger binnen zehn Jahren auf die Hälfte. 8ewiß hat die britische Regierung später ihres Prestiges halber versucht, Besitz und Leben der Eingeborenen mo legen die Gier der britischen Kolonisatoren zu schützen. Das hinderte die letzteren aber nicht, immer neue Straf- güge und Landkonfiskationen vorzunebmen — mit den rsr wn England bezahlten Trupven. Heute zählt die Bia Maori-Bevölkerung noch etwa 40 000 Köpfe.

Und was wurde unter dem Banner der britischen Zivilisation in dem affikanischen Besitze Englands gegen )ie Eingeborenen alles verübt! Berichte der englischen Mission erzählen die haarsttäubendsten Dinge von den er ' Grausamkeiten der englischen Kolonisten. Und wenn g.<E England später schöne Bestimmungen über die Dauer S* >on Dienstverträgen mit Eingeborenen, Lohn und Ar­beitszeit usw. getroffen hat, so stehen auch diese ledig- -1 tief) auf dem Papier. Die Engländer setzen sich in den ais Kolonien über ihre eigenen zum Schutz der Eingebore­nen erlassenen Gesetze mit derselben Elastizität hinweg F * tote im Weltkrieg über die Bestimmungen des Völker­rechts, wenn es ihren Geldbeutelinteressen entspricht. ter Und der englische Verwaltungsbeamte drückt in solchen Fällen auch stets mindestens ein Auge zu. on Die Verleumdung unserer Ostafrikaner reiht sich toürdig in den Lügenfeldzug ein, den die Engländer seit Kriegsbeginn gegen uns führen. Mit der Lüge verfolgt der Brite aber stets einen besttmmten Zweck. In diesem Falle will er der Welt klar machen, daß die deutschen

Barbaren zu schlecht sind, die „so wertvolle und trefflich entwickelte" Kolonie Ostafrika noch fernerhin zu be­sitzen. Die deutsche Flagge muß dort verschwinden, statt ihrer wird das Banner der britischen Zivilisation aufgepflanzt. Dann wäre eines der britischen Ziele erreicht: die uneingeschränkte Herrschaft über den Indischen Ozean. — Wir wissen nicht, wie lange unsere tapferen Ostafrikaner sich gegen die zehnfache Über­macht, die augenblicklich auf sie anstürmt, noch werden halten können. Aber das wissen war, daß sie nicht der-- gebens gekämpft haben. Über das Schicksal Deutsch- Ostafrikas wird letzten Endes auf den Schlachtfeldern Europas entschieden.

Die zorderung unbedingten Zcst- haltenr an unserer lloloniaipoiitik.

Berlin, 19. Sept. Die heute erscheinende Nummer von „Deutsch-Übersee", der Korrespondenz des Aktions­ausschusses der Deutschen Kolonialgesellschaft, veröffent­licht folgenden Briefwechsel zwischen dem Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschast Herzog Johann A l b r e ch t zu Mecklenburg und Staatssekretär Dr. Sols:

Willigrad, den 30. August 1916.

Euer Exzellenz!

Angesichts der freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen der Deuffchen Kolonialgesellschaft und Eurer Exzellenz schon stets, besonders aber in der für unsere Kolonien so ernsten Zeit des Weltkrieges bestanden haben, halte ich es für meine Pflicht, Eure Exzellenz darauf auf­merksam zu machen, daß einige offenbar mißverstandene Ausführungen, die Euere Exzellenz in öffentlichen Vor­trägen in bezug auf die militärische Sicherung unseres künf­tigen Kolonialbesitzes gemacht haben, nach mir zugegangenen Nachrichten in manchen Kreisen Bedenken und Be­unruhigung hervcrgerufen haben.

Euere Exzellenz haben seinerzeit in dem in Berlin unter meinem Vorsitz gehaltenen inhaltsreichen Vortrag ausgeführt, daß Deutschland unter allen Umständen an kolonialer Be­tätigung festhalten müsse, selbst für den theoretisch möglich un­günstigsten Fall, daß es uns in diesem Kriege nicht gelingen sollte, die Seeherrschaft Englands völlig zu be­seitigen.

Das ist eine Auffassung, der auch ich und mit mir die ganze Deutsche Kolonialgesellschaft zustimmt. Ich habe meiner­seits daraus lediglich die Forderung eines unbedingten Fe st Haltens an unserer kolonialen Be­tätigung entnommen. Andere Zuhörer haben diese Sätze aber anscheinend dahin verstanden, daß Euere Exzellenz die Seeherrschaft Englands als etwas absolut und dauernd Ge­gebenes, die eigene Seegeltung Deuffchlands aber als etwas Unmögliches und in gewissem Sinne auch Unnötiges be­trachteten.

Ich bin überzeugt, daß dies eine Verkennung der Auf­fassung Euerer Exzellenz ist. weiß ich doch, wie Euere Exzellenz der auch von der Deuffchen Kolonialgesellschaft ver­tretenen Forderung einer starken Kriegsflotte stets zugestimmt haben, einer Forderung, die zwar nicht so weit geht, an die Stelle der Seeherrschaft Englands eine Seeherr­schaft Deutschlands zu setzen, die aber eine ausreichende Sicherung der überseeischen und kolonialen Betätigung Deutschlands verbürgen soll.

Angesichts der in einzelnen kolonialen Kreisen ent­standenen Beunruhigung wäre ich Euerer Exzellenz für eine den Mitgliedern der Deuffchen Kolonialgesellschaft durch die , Kolonialzeitung" bekannt zu gebende Rückäußerung dankbar.

Mit angelegentlichen Empfehlungen Euerer Exzellenz stets ergebener

Johann Albrecht, Herzog zu Mecklenburg.

Seiner Exzellenz

dem Staatssekretär des Reichskolonialamts, Herrn Sols, Berlin.

B e r l i n, 2. September 1916.

Euerer Hoheit

danke ich ehrerbietigst für die gnädige Zuschrift vom 30. v. M. und bestätige gern, daß die von Euerer Hoheit gewonnene Auffassung meiner Ausführungen dem entspricht, was ich habe sagen wollen und meiner Ansicht nach auch gesagt habe.

Ich teile durchaus die Auffassung Euerer Hoheit, daß Deutschland auf der Grundlage eines starken und gegen seine Feinde gesicherten Deutschen Reiches für die ffiedliche und freie Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaft sowohl eine Flotte braucht, die unterem Handel über See die un­behinderte Betätigung sichert, als auch gleichzeitig einen Kolonialbesitz, der uns möglichst unabhängig von dem Tribut an fremde Staaten macht für den Bezug der­jenigen Rohprodukte, deren unsere Bevölkerung in Landwirt­schaft und Industrie benötigt. Also statt: entweder oder — sowohl als auch!

Der mißverstandene Teil meiner Ausführungen war an diejenigen gerichtet, welche die wahren Ursachen der feindlichen Invasion in uniere Schutzgebiete verkennen und deshalb klein­mütig die deutsche Kolonialpolitik in Zukunft entweder ganz

verwerfen oder nur bedingungsweise wieder aufuehmen

wollen. Demgegenüber stellte ich fest, daß die Gewinnung eines Kolonialreiches eine für Deutschlands Welt­geltung unbedingt notwendige Forderung sein muß.

Mit dem Ausdruck meiner aufrichtigsten Verehrung

Euerer Hoheit ehrerbietigster Sols.

Besetzung von Lindi und Mekindani durch den Feind.

W. T.-B. London, 19. Sept. In einer amtlichen tele­graphischen Meldung über den Schluß der Operationen, durch die der Feind aus den Uluguru -Hügeln vertrieben wurde, berichtet General Smuts: Am 18. September bewerk­stelligten unsere Streitkräfte, dre seit dem 28. August durch das zentrale Berggebiet sowie östlich und westlich davon kämpfend vordrangen, nahe bei K i s s a k i am Südrand der Hügel ihre Vereinigung. Von den Resten der feindlichen Truppen, die sich nachts nach Südosten zurückzogen, waren 68 deutsche Europäer zurückgeblieben, von denen 34 krank lagen in einem Lazarett, das mit dem gesamten Personal und mehreren Buren, die als politische Gefangene festgehalten waren, zurückgelaffen wurde. Die Bewegungen unserer Ab­teilungen in und an den Bergen gingen unter sehr schwieri- gen Verhältnissen vor sich, wie das überbrücken zahlreicher Ströme und die Sprengung von Fahrwegen in den Tälern. Alles dies wurde unternommen, während unsere Hauptmacht von der sehr langen Verbindungs- und Verpflegungslinie, die nach der Usambara-Eisenbahn und nach Tanga zurückführte, abhängig war. Westlich von den Uluguru-Hügeln nähern sich General van Rebenters Abteilungen dem Großen Ruchafluß auf dem Wege nach Mahenge und treiben st a r k e feindliche Abteilungen nach Süden vor sich her. Lindi und M e k i n d a n i, die letzten Häsen, sind von den Seestreitkräften und von afrikanischen Truppen besetzt wor­den. Die unbedeutenden deutschen Streitkräfte haben sich ins Inland zurückgezogen.

Unerschütterlicher Heldenmut der Verteidiger unserer letzten Kolonie.

W: T.-B. London, 19. Sept. (Drahtbericht.) Der Sonder­berichterstatter des Reuterschen Bureaus in Mrogoro in Deutsch-Ostafrika telegraphiert unter dem 16. Sept.: Nach einem Marsche von vielen Tagen zur Verfolgung des Feindes über unglaublich mühsame Bergwege, durch Knüppelholz längs des Flusses auf Elefantenpfaden, ohne Transportmittel, Decken und Mäntel, auf dem die Truppen von halben Rationen lebten, vereinigte sich die Infanterie unter General Bevis bei dem Mgeta-Fluß mit der berittenen Brigade unter Generalmajor Brits. Die Informationen, die der General über die Stärke der feindlichen Truppen er­halten hatte, waren nicht verläßlich, so daß er beschloß, mit seiner ganzen Macht ein Erkundungsmanöver auszuführen. Die Infanterie bahnte sich längs des rechten Ufers des Flusses einen Weg, während die Kavallerie um den linken Flügel des Feindes zog. Der Infanterie gelang es, den Feind aus seinen Stellungen zu vertreiben und das linke Ufer des Flusses zu besetzen, wo sie sich während dem Nacht eingrub. Die be­rittenen Truppen fingen die volle Wucht eines Gegen­angriffs auf. Die Infanterie war dann einem hef­tigen Nachtangriff ausgesetzt, den sie aber abschlug. Am nächsten Morgen griff Oberst Mussey den Feind aus Osten an und vereitelte dessen Versuch, :hn von unseren Truppen ab­zuschneiden. Der Feind erlitt schwere Verluste. Die Deut­schen schickten in liebenswürdiger Weise einige Verwundete in der Begleitung eines Arztes und warnten uns vor den Ge­fahren, die den Verwundeten von den Löwen drohten. Drei Löwen zeigten sich vor der Feuerlinie des Obersten Mussey. Ein riesiger Python drang in das Lager des Generals Bevis am Flusse ein und konnte nur mit Mühe getötet wer­den. Die Kolonnen wurden auch von Bienen überfallen, welche die mit Munition beladenen Maulesel in die Flucht trieben, wodurch der Vormarsch der Infanterie vorübergehend unmöglich wurde. Die Kämpfe spielten sich in der dichte st en Wildnis ab.

Oer Krieg Rumäniens.

Die Treffsicherheit der Zeppeline über Bukarest.

Das große Elend bei den unteren Klassen.

(Von unserem L.-Sonderb?richterstatter.)

L. Stockholm, 19. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die rumänischen Blätter veröffentlichen eingehende Schilde­rungen über den Luftangriff auf die Festung Bukarest. Sobald Luftschiffe gemeldet wurden, beleuchteten Schein­werfer den Himmel. Die Straßen sind sofort wie ausge­storben, lautes Geknatter der Maschinengewehre und der Donner von Abwehrgeschützen erfüllten die Stadt. Die Flug­zeuge werfen nur wenige Bomben ab. Eine rumänische Ab­wehrgranate explodierte in der Strade de Helena, wo sie ent­setzliche Verwü st ungen anrichtete. Bei klarem Sternenhimmel erschien ein Zeppelin, welcher das Kriegs- m i n i st e r i um bombardierte. Eine Bombe riß große Stücke aus der Vorderffont heraus; eine andere Bombe traf das Haus des russischen Militärattaches. Die .Epoca" meint, die Zeppeline müßten eine bewundernswerte Orts-