o Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. U
Nr. 219.
Dienstag, 19. September.
1916.
lSchlub.)
Zrau Minchenr Narretei.
Humoristischer Roman von Käte van Beeker,
(Nachdruck verboten.)
Fee war leichenblaß geworden. Sie preßte dre Lippen zusammen, um nicht laut aufzuschreien vor Jammer; ihr Herz tat unbeschreiblich weh im Gedanken daran, was er gelitten hatte und noch litt. Nun würde er ihre Liebe brauchen, nun wurde sie an seiner Seite stehen, um ihn zu trösten und zu stützen.
Sie drückte Tante Bertas Hände. „Wir werden ihn lieben, Tante Berta, wir werden ihn aufrichten und an seiner Seite stehen."
„Ja. wirst du das, Fee? Wirst du das letzt noch, wo du damals nicht wolltest, jetzt, wo er ein entstellter, krüppelhafter Mensch ist?"
Die Mutteraugen hingen ängstlich und erwartungsvoll an dem jetzt in tiefem Not flammenden Gesicht Fees. _ . .
Die sank in die Knie und drückte ihren Kopf rn den Schoß der Fragenden. Sie schluchzte schmerzlich und dann hob sie das übertränte Gesicht und sah die Tante fest an. ... .
„Tante, ich liebte ihn damals, ohne es zu wissen und daher wies ich ihn zurück. Aber jetzt weiß ich, daß ich ihn liebe und mein Herz gehört ihm, ob er entstellt, ob er ein Krüppel ist; wenn er mich noch liebt, bin ich die Seine."
„Ach, Kind, Gott segne dich für das Wort, aber ck>u weißt nicht, wie er sein wird! Ich weiß es ja auch nicht. Ach, mein Junge, mein schöner, frischer Junge! Wie hart wird ihn das getroffen haben!"
Ja, hart hatte es ihn getroffen und die Heimkehr ins Elternhaus war eine traurige. Am liebsten wäre er noch jahrelang fortgebtieben, bis zu den vernarbten Wunden in seinem Gesicht auch die Wunde in seinem Herzen vernarbt wäre und er Fee entgegentreten konnte ohne Wunsch und- Verlangen, nur als Freund und Bruder, sich daran neidlos erfreuend, wenn ihre Jugend und ihre Liebe einem anderen zugefallen wäre, einem Gesunden, Fehlerlosen, einem, der ihrer auch äußerlich .würdig sei. Denn für ihn war alles Hoffen und Wünschen vorbei. Hatte sie ihn damals schon zurückge-' wiesen, als er noch in voller Kraft und Gesundheit vor ihr stand, so konnte er jetzt nicht mehr daran denken, daß sie sich ihm zuwenden werde, wo er ein Krüppel und Entstellter war.
Die Mutter fand es . zwar nicht io schlimm. _ Sie sah mit Mutteraugen und wollte ihm einreden, daß die Narbe auf der Wange ihm eigentlich sehr gut stände. Mund und Nase waren nicht eine Spur entstellt, nur das Auge, — ihre Stimme zitterte doch, so sehr sie -sich auch mühte, ihr einen leichten, freien Ton zu geben — ja, das liebe Auge, das nun die schwarze Binde deckte, das fehlte. Aber wenn erst alles ordentlich verheilt und vernarbt wäre, dann würde man ein Glasauge ein- setzen. Niemand würde das merken. Unzählige Menschen liefen mit Glasaugen umher, —• und von einer Entstellung wäre dann kaum mehr die Rede.
Er lächelte bitter. Seine vom Leben noch so viel verlangende Jugend lehnte sich gegen diesen matten
Trost auf, aber er küßte dankbar den lieben, treuen Mund, der kein Wort der Klage hatte, sondern immer nur Gutes und Frohes sprach, wenn auch das Herz von all dem nichts wußte und um ihn stündlich weinte und klagte. e
Die Begegnung mit Fee war ihm die härteste Prüfung. Angstvoll forschte er in ihrem Gesicht, wie sie seine Entstellung aufnahm und mit aller Kraft seines Willens zwang er sich, aus ihrem unbeschreiblich zarten und liebevollen Entgegenkommen nichts anderes herauszulesen als die Anhänglichkeit der Kindersreund- schaft, die ihr warmes, zärtliches Gepräge nur dem echt weiblichen Mitleid mit seiner Krüppelhaftigkeit ver- danke.
Er hielt an dieser Kinderfreundschaft mit eiserner Energie fest. Es sollte und durfte nur solche sein. Er war kein Dieb, der sich die weichen Regungen einer jungen Seele zunutze machte und unter dem Mantel der Hilfsbedürftigkeit ein Herz stahl, das sich ihm.sonst nicht zugeneigt hätte.
Gegen solche Gedanken half kein Zureden der Mutter, die freilich so echt mütterlich und weiblich Fee gegen- - über fühlte, daß sie sich niemals dazu hinreißen ließ, ihrem Sohn direkt zu verraten, was diese damals, als sie von seinem Unglück erfuhr, ihr gestanden und gelobt hatte. Wenn Fees Gefühle echt waren und sich bewährten, würde sie schon selbst den Weg und die Kraft finden, um Rolf von ihrer Liebe zu überzeugen und trotz all seiner Gegenwehr sie ihm als köstliches Geschenk darzubringen.
Und eines Tages, als Fee mit Rolf im Garten auf und ab ging, bog sie sich plötzlich zu ihm herüber, sah ihn groß und ernst an, — das Blut stieg ihr dabei in das zarte Gesicht — und fragte mit fester Stimme: „Rolf, liebst du mich noch?"
Er taumelte zurück. Darauf war er nicht , gefaßt. Seine Hand griff, wie eine Stütze suchend, in den Rosenbusch neben ihm, gerade in die Dornen , hinein, die ihm die Finger blutig ritzten, und dabei blind und ohne es zu wollen, brach er die letzte der dort blühenden roten Rosen.
„Fee", stammelte er atemlos und streckte rhr abwehrend die Hand hin, in der er die rote Rose hielt. „Niemals, — nein —!" ...
Sie lächelte und faßte seine Hand. „Gib intr die Rose, sie ist doch für mich gebrochen, ob du willst oder nicht; gib sie mir und sag' dazu, daß du mich liebst. Ich weiß es doch, ob du" willst oder nicht, Rolf, und ich nehnie sie beide, die Rose und die Liebe—!",
„Nein, nein, Fee, niemals! Ich will dein Mitleid nicht, ich will nicht. Du liebst mich nicht
In ihren Augen standen Tränen, sic drückte die Rose, die sie seinen Fingern entwunden hatte, leise an die Lippen.
„Ich liebe dich, Rolf; ganz ohne Mrtlerd, ganz ohne Nebengedanken, wie man den einen liebt, dem man fürs Leben angehören will. Nur, daß ich das damals noch
