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] Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. , »■ ■- =■ )

Nr. 217.

Samstag, 16. September.

1916.

(37. Fortsetzung.)

§rau Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Küte van Beeker, (Nachdruck verboten.)

Der Vater hatte Fee an die Hand genommen, er war aschfahl und zitterte. Mechanisch schritten sie beide der Mutter nach und stiegen hinter ihr in den Wagen. »Fahr zu. so schnell du kannst. — nach dem Vorwerk!"

Die Pferde jagten dahin. Keiner sprach ein Wort. Fritz ‘ Riedel hielt die Hand seines Minchens. Die sah starr und tränenlos vor sich hin. Sie fühlte nicht die Berührung ihres Mannes, sie war ganz allein. Ganz allein fuhr sie. um ihren toten Sohn, ihr Liebeskind, zu sehen. Über das „Warum" dieser entsetzlichen Nach­richt dachte sie nicht nach. Ihre Gedanken gingen in die Vergangenheit zurück, in die erste Zeit ihrer Ehe. 31t Eugens Geburt, zu den Hoffnungen, die sie auf ihn gesetzt. — keine hatte er erfüllt, keine. Und sie waren auch alle nebensächlich vor dem schneidenden Schmerz, den er ihr heute antat.

Keiner sprach ein Wort, lautlos ging die schnelle Fahrt weiter. Auf dem Hof des Vorwerks standen die Leute zusammen, schrien und weinten und verstumm­ten, als der Wagen hielt und die Herrschaften aus- stiegen.

Fritz Riedel betrat heute zum ersten Male das Haus, in dem sein Sohn sein Heim gegründet, betrat es zum ersten Male, um darin den Toten zu grüßen.

Der saß an seinem Schreibpult, unverändert, so wie ihn der Kämmerer, als er zur gewohnten Abend­besprechung eiptrat, gefunden hatte. Den Kopf etwas zur Seite geneigt, wie es immer seine Art gewesen, das Gesicht still und ernst, mit einem unsäglich bitteren Zug um den Mund, in der herabhängenden Rechten den Revolver. Auf dem Schreibtisch vor ihm lag seine rote Studentenmütze. Die linke Hand hatte in sie hineinge­griffen mit der letzten Kraft ihrer Finger. ■ Nun ruhten die weiß und starr auf ihr. als wiesen sie noch im Tode auf diese erste zerbrochene Sehnsucht seines Lebens, .der setzt die zweite, die viel tiefere, leidenschaftlichere gefolgt war. die, unter deren Zerstörung er selbst zerbrach.

Frau Minchen sank neben dem stillen Schläfer in die Knie. Sie weinte nicht und schrie nicht, sie wim­merte nur leise vor sich hin, so trostlos und klagend wie ein todwundes Tier. All ihre stumme, im Leben so wenig werktätig aufgetretene Mutterliebe klang todes­traurig durch dieses leise, herzzerreißende Wimmern. Es war ja doch ihr Liebeskind, ihr Herzblatt gewesen, wenn sie es auch nicht hatte zeigen können, vielleicht nicht einmal selbst die Stärke und Tiefe ihrer Mutter­liebe vorher voll erkannt hatte. Nun, im Schmiede­feuer des Schmerzes, leuchtete sie in voller Glut auf, nun brannte und verzehrte sie. Ihr Sohn, ihr Eugen, dem sie nie. nie mehr sagen und beweisen konnte, wie sehr sie ihn geliebt hatte..

Und in den beiden, die daneben standen, nagte und brannte dasselbe trostlose Gefühl, nie mehr gut machen zu können, was sie versäumten, nie mehr beweisen könnnen. daß sie liebten. All jene tiefe, hoffnungslose Reue, die fast an jedem Totenbett die Herzen der Hin­terbleibenden zerreißt, fraß hier tiefer, härter und ver-

zwerfelter, als bei anderen, denn hier lagen wirklich Versäumnisse vor. hier war einer geflohen vor der Lieb­losigkeit des Lebens, in dem Gefühl, diesem allein und hilflos ausgeltefert zu sein und keine Hand zu finden, dre sich ihm herzlich entgegenstreckte, kein Herz zu wissen, dem er vertrauen konnte.

Es rüttelte und riß an Fritz Riedel. Mit zermalmen­der Schwere fiel es auf ihn herab. Sein Sohn war frei­willig aus dem Leben gegangen in unbeschreiblich hoff­nungsloser Not, und er. der Vater, hatte nichts davon gesehen, nichts davon gewußt, sich nicht gekümmert und nicht, bemüht um das Fühlen. Tun und Lassen dessen, der ihm dieses Leben verdankte, für dessen Tun und Lassen er verantwortlich blieb, so lange seine Augen offen standen.

Furchtbar brach das Gericht über ihn herein, furcht­bar hielt er selbst über sich Gericht, während er tränen­los und stumm neben dem bleichen Schläfer stand und auf die rote Kappe und die kalten. Weißen Finger blickte. Sein ganzes Leben und Eugens Leben zog in Blitzes­schnelle an seinem Geist vorüber. So viel verfehlt und versehen. Strenge und Nachsicht, beides am Unrechten Platz und zur Unrechten Zeit. Niemals, wenn es not tat. hatte er an der richtigen Stelle gestanden, nicht als Gatte, nicht als Vater. Wie ein wahnsinniger Narr und Feigling warf er die Flinte ins Korn, als das erste Ungemach sein Leben traf, als es gvlt, Buße 31t tun für die Sünden seiner Jugend. Von sich geworfen hatte er die Last der Verantwortung, sich selbst zum Lumpen gestempelt, um ein Lump zu werden und dabei seine heiligsten Güter mit Füßen getreten und verloren. — verloren aus eigener Pflichtversäumnis.

Der tote Sohn, der nie wieder erwachen würde, weckte mit seinem verstummten Mund den in dunkler Verwirrung versunkenen, lebenden Vater, weckte ihn 31t ernster Selbsterkenntnis und Selbstanklage, das schwere Leid, das ihn getroffen hatte, ganz als seine Schuld an­zusehen. Unter der scharfen Geißel der Reue griff er weit über die wirklichen Grenzen seines Verschuldens hinaus, alles auf sich ladend und zerknirscht sich dar­unter beugend.. Und dabei ging keiner seiner Gedanken hinaus über die Schwelle dieses Zimmers und die ein­fache Tatsache des selbstgewählten Todes. Bis zu der Frage, warum? kam er noch nicht. Davor stand der Hammer der Stunde und die Flut der Selbstanklagen, die mit zermalmender Gewalt über ihn herstllrzte.

Und dazu klang das eintönige, trostlose Wimmern der, arnien Mutter an sein Ohr und zerriß sein Herz. Seine Frau, die so viel Kummer trug, der er so viel Kummer bereitet hatte.

Er bog sich zu ihr herunter und zog sie sanft empor. Widerstandslos ließ sie es geschehen, sah ihn mit tränen­blinden Augen an und sprach leise vor sich hin: „Den Mann verloren, — den Sohn verloren. — wo bleib' ich denn? Wo bleib' ich denn?"

So erschütternd, so hoffnungslos diese wenigen.