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»rgen.Seilage der Wiesbadener Tagblatts. ,» =■)
Nr. 215.
Donnerstag, 14. September.
1916.
(35. Fortsetzung.)
$vau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von KSte van Beeker, (Nachdruck verbot«».)
Er nickte. „Ja, ja, das ist mir auch lieber, wir wollen gehen." Fee legte ihren Arm in den seinen, was sie noch nie, selbst in ihren Kinderzeiten nicht, getan hatte, und ein Weilchen gingen beide schweigend nebeneinander her, während der Wagen und Fees Pferd in lustigem Trab dem Hof zueilten.
Sie hatten beide im Moment gar kein Bedürfnis, miteinander au reden, sie empfanden nur wohltuend, ganz instinktiv, ihre Zusammengehörigkeit und während jeder für sich darüber staunte und nicht begriff, warum das erst heute bei ihnen autwack>e. schritten sie gedankenverloren vorwärts und hatten beide vergessen, was das Leben draußen ihnen getan und wie schwer die Sorgen sie brückten.
Fee entsann sich ihrer zuerst wieder. Sie war ja mit bestimmtem Zweck zu Eugen gekommen. Den Kopf hebend, sagte sie langsam: „Eugen, ich muß mit dir über Väterchen sprechen. Väterchen hat sich so merkwürdig verändert."
Er war bei ihrer Anrede zusammengefahren, wie aus tiefem Traum erwachend. Grrrde hatte er an Fees Einsegnungstag gedacht und wie er damals solch Mitleid mit ihr empfunden und zum ersten Male brüderliche Liebe für das einsame Kinderhecz gelühlt hatte. Ohne es ihr zu beweisen, leider: immer war er ein ungeschickter, scheuer Mensch gebucken, ohne Wollen und Können, nur einmal nicht, einmal. >no es das höchste Glück seines Lebens galt. Siedendheiß streg cs ihm gleich wieder zu Kopf. Ja so, neben ihm sprach Fee vom Vater. Er nickte mechanisch.
„Ja, ja, ich hörte es auch schon in der Stadt. Zu uns kommt er ja nie."
„Du hörtest in der Stadt? Spricht man schon darüber?" fragte sie bang.
Er nickte wieder. „Ja; das heißt, eigentlich hörte ich heute zum erstenmal davon. Ich hatte einen Geschäftsgang —"
Er stockte. Diese Geschäftsgänge ivaren es zumeist, die ihm die Sorgenlast auf die Schultern legten, die ihn unruhevoll peinigten. Geld besorgen, immer Geld besorgen. Herrgott, wo tollte das hin? Und da hatte der freundliche Geschäftsmann, den er heute in solcher Angelegenheit besuchte, über feinen Vater gesprochen. Der alte Herr Riedel würfe das Geld mit vollen Händen fort, da ivüßte er nicht, ob der junge Herr Riedel auch sicher genug sei, um ibm neue Summen vorzustrecken. Ja, wenn die Frau Mutter mitunterschceiben wollte, dann könnte er haben, >o viel er wollte, aber sonst —
Eugen schauderte in Widerwillen zusammen, wenn er daran zurückdachte. Es widerstrebte feiner scheuen, schlichten Natur, mit diesen Leuten zu unterhandeln, sie zu überreden und zu bitten. Schließlich batte er einen Wechsel ausgestellt über das Dovpelte dessen, waser erhielt! Seitdem saß ihm die Sorge noch drückender auf den Schultern als sonst. Er mußte mit der Mutter reden, oder besser noch mit Ludovika! Wenn Lndovika nur nicht seit einigen Wochen so furchtbar absprcchend
und rücksichtslos gegen ihn wäre. So, als wenn er ihk überall im Wege stände, — noch schlimmer, als wenn er gar nicht existiere. Und dabei war sie so aufgeregt und so leidenschaftlich und so prangend schön!
Plötzlich schoß ihnl die prickelnde Unruhe, die ihn seit einiger Zeit peinigte, wieder brennend ins Blut. Er schritt schneller vorwärts: rast laufend zog er Fee mit sich fort und hörte kaum mehr auf das, was sie zu ihm sprach. Die Unruhe, die Unruhe trieb ihn überall in wilder Hast vorwärts. Heute hatte er erst zum Abend heimkehren wollen, eigentlich müssen, denn in der Stadt war noch viel mehr zu besorgen gewesen, allerlei, was Ludovika, die sich nicht wohl fühlte und deshalb zu Hause geblieben war, ihm aufgerragen hatte. Sie würde böse sein, daß er nichts von ihren Bestellungen mitbrachte, aber die Unruhe und die Sehnsucht nach ihr hatten ihn eben gepackt und darüber war alles ver- gessen worden. Und nun vertrödelte er hier die Zeit, während er schon bei ihr sein könnte!
„Wir ivollen durch das Hinterpförtchen in den Garten gehen", sagte e<- mitten in Fees Erzählungen und Klagen hinein. „Wir kommen dann ichneller ins Haus. Ludovika wird sich freuen, dich endlich einmal zu sehen."
Fee verstummte. Der Gedanke an ein Wiedersehen mit Ludovika machte sie gleich wieder kopfscheu. Am liebsten wäre sie nun umgekehrt, iei es auch unverrichteter Sache. Aber Eugen hielt ihren Arm fest und zog sie im Laufschritt mit sich fort, »ast als wenn sie seine Gefangene wäre und er sie 'o schnell als möglich in Sichert)-»* bringen woll->
Die dichten Laubgänge in dem alten, etwas verwilderten Park prangten alle im lichtesten Frühlingsgrün und die ganze Luft war gefüllt mit Veilchenduft. Es zwitscherte und sang von allen Zweigen, duschte und raschelte überall im Rasen, eine Fülle von jungem Leben, von ausbrechender Lust nnd Freude lag über der Erde, bezaubernd -für den, der es mit 'rohem, sorglosem Sinn genießen konnte. Und sie hasteten da durch wie zwei von Furien gesagte Verbrecher, wort- und atemlos.
„Warmn eigentlich?" dachte Fee ärgerlich. Gerade in tiefer weltverlorenen Einsamkeit könnten sie sich ganz ungestört und ruhig einmal gründlich nussprechen.
Eben wollte sie die-em Gedanken die Tat folgen lassen, den Schritt verlangsamen und den Mund zur Rede öffnen, da klangen in ihrer nächsten Nähe halblaute Stiinmen, leises, wie in Jubel und heißer Seligkeit zitterndes Lachen und Seufzen. Dicht neben ihnen, aus dem buschigen Flieöerrondell. klang es heraus, — Ludovikas Stimme, unverkennbar, in weichen, zärtlichen Lauten und dazwischen der tiefe Ton eines männlichen Lachens.
Fee-fühlte, >vie Eiseskälte durch ihre Glieder kroch, sie ivollte stillstehen, sie ivollte Eugen' zurückhalten. Etwas Entsetzliches schoß durch ihren Kopf, preßte, ibr die Kehle zusammen, stach in ihr Herz. Nur nichts sehen, nur nichts hören! Auch Eugen sMe es nichts
