Der Roman, j |Ü
"i Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. >- =a)
Nr. 214.
Mittwoch, 13. September. 191b.
[(34. Fortsetzung.»
Zrau Minchenr Narretei.
Humoristischer Roman von Käte van Beeker,
(Nachdruck verboten.)
Das Geld wurde sie denn auch ganz glatt und gut bei der Schwiegertochter los. Die nahm es sehr gnädig auf. Aber die Ermahnungen und Ratschläge mußte sie für sich behalten, denn natürlich >var wieder viel Besuch da und sie kam zu keinem ruhigen, vernünftigen Wort mit Ludovika. Und Eugen wurde bei dem kleinen Stoß, den sie schließlich nur ganz zaghaft wagte, furchtbar aufgeregt und erklärte, daß alles, was Ludovika täte, gut sei und seinen vollen Beifall habe. Eine Frau wie diese nehme Ausnahmestellung ein und er könne nicht immer wie ein Gefängniswärter hinter ihr sein. Außerdem begleite er seine Frau in alle Gesellschaften. Gestern sei nur ein Ausnahmefall gewesen. Ludovika habe das Billett von einer Bekannten geschenkt bekommen. Und wenn seine Frau in der Stadt Einkäufe mache, so sei das nur in der Zeit, wo er in der Wirtschaft seinen Pflichten nachgehe und nickt abkömmlich wäre. Kurz, alles war so normal und zu Eugens Zufriedenheit eingerichtet und er so wumchlos glücklich, daß für die Ansichten seiner Mutter gar kein Boden blieb und sie wieder nach Hause fahren mußte, ohne einen anderen Erfolg gehabt zu haben als den, dort ihr Geld losgeworden zu sein.
Aber wenigstens fiel Ludovika nickt mehr störend in die Klassikervorstellungen hinein. Nun wurde auch ohnedies deren Reiz für Frau Minchen, ie weiter sie vorschritten, etwas dadurch getrübt, daß sich in dem Verhältnis des Grafen zu Fee gar nichts änderte.
Der Graf war immer pünktlich zur Stelle; augenscheinlich ließ er alles andere iin Stich stir das Zusammensein mit Fee; immer hatte ff seltene Blumen ihr zu überreichen, immer im Blick bewundernde Zärtlichkeit und eine unerschöpfliche Geduld mit ihrem oft sehr wechselvollen Wesen, rhrem ausslammenden Widerspruch und der zeitweise herben Zurückweisung -einer stummen Huldigung.
Er fand gerade all das entzückend, es war ihm neu und regte ihn an und er wünschte es gar nicht anders, denn dadurch behielt er vollkommen seine Freiheit und der Verkehr bli-'ö in den Grenzen, die er ihm setzen wollte. Es paßte auch alles so gut zu der erst halb erschlossenen Kno'pe, die eben nur reizvoll war durch das knospenhafte, das spröde Zurückweicke.n und den Duft der unausgesprochenen Liebe. Wenn man das, was er für sie und sie für ihn empfand überhaupt mit dem heißen Wort Liebe benennen konnte.
Er nahm die hübsche Episode durchaus nicht ernst. Sie war ihm nur Augenblicksbild. Ein sehr liebliches und interessantes, aber nichts weiter, und deshalb fand er es ganz günstig, wenn er sich porläufig für nicht mehr als für die Klassiker-Vorstellungen band.
Und Fee wiinschte auch nicht mehr, denn je öfter sie ihn sah und sprach, desto schärfer wurde der Zwiespalt ihres Empfindens und die Ungewißheit ihres Herzens. Seine Gegenwart übte seltsameir Reiz auf sie aus. Halb fühlte sie sich angezogen, halb abgestoßen. Sein Blick, die Art seines geistreichen, spielenden Plauderns, in die
so tiefe Töne und so berauschende, halb verschleierte Zärtlichkeiten hineinklangen, bezauberte sie und erregten dazwischen ihr Unbehagen. Einmal glaubte sie, daß er das Ideal eines Mannes, und das andere Mal, daß er dessen Zerrbild, nur ein geistvollm-, frivoler Spötter, ein charakterloser Egoist und Genußmensch sei. Niemals kam sie zur Ruhe und zuni friedvollen Vertrauen, wenn sie mit ihm zusammen war. immer sprühte es wie Flammen, züngelte es wie Schlänglein um sie und betäubte sie doch mit dem gefährlichen Zauber des Außergewöhnlichen und Poetischen.
Und war sie ihm fern, dann glühte das alles Heller auf und quälte sie schärfer und sie mußte sich davor flüchten zu Rolfs Bild, zu Rolfs Erinnerung. Und das war das Seltsamste, nie hatte sie inniger und sehnsüchtiger an Rolf gedacht, nie war er ihr lieber und vertrauter gewesen als jetzt.
In dem unbegreiflichen Zwiespalt dieser Einpfin- dungen, der wie ein fremder, kranker Körper in ihrer sonst so klaren und einfachen Seele saß, wurde sie schmäler und blässer, bekam blaue Schatten unter den Augen und eine kleine Falte des Schmerzes in der wei- ßen Stirne.
Tante Berta, bei der sie jetzt wieder häufiger war als lange Zeit, legte sich das befriedigt nach ihrem Geschmack als Sorge und Eifersucht um Rolf aus, Frau Minchen, höchst unbefriedigt, als Sorge und Ungeduld in bezug auf den Grafen, und dieser, tcotzdeni er das alles auch sah, machte sich gar keine Gedanken darüber, denn an seinem Gefühlshorizont war schm, wieder eine andere Sonne ausgegangen, eine, die Heller strahlte und heißer brannte und vor der die kleine poetische Episode im dichterisch klassischen Rahmen verblaßte wie der silberne Mondschein vor der in Purpur slammenden Morgenröte. Geistreiche Liebeleien ohne reellen Erfolg waren so wie so nicht sein Genre; er nahm sie höchstens mit als Abwechselung und Zwischenspiel, aber nun hatte er genug davon und wnd es sehr passend, mit dem Schluß der klassischen Theatervorstellungen auch Schluß mit dieser seiner klastischen Herzensvorstellung zu uiachen.
Er machte ihn sogar sehr brüsk, indem er zum letzten Theaterabend nicht erschien und damit Frau Miu- chens heimliches, aber festes Vornehmen, ihn trotz Fees dringender Abwehr zun! Besuch in Molitten aufzufordern, schmählich hintertrieb und unmöglich werden ließ.
Frau Minchen war empört und ohne jedes Verständnis für dieses Benehmen. Aber mit Fee darüber zu sprechen, wagte sie nicht. Fee hatte eine so komische Art. alle Vertraulichkeiten und intimen Fragen zurückzuweisen. Sie tat auch, als wenn sie sich über das Verhalten des Grafen weder wundere noch kümmere, ging ihrem Leben nach wie alle Tage und war freundlich und liebenswürdig wie immer. Aber die Schatten unter ihren Augen wurden tiefer und die Augen selbst blicke ten oft finster und grübelnd.
