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1 Der Roman, i

«£-' -i Morgen-Vellage lt$ Wiesbadener Lagdlaltr. ie== s)

Nr. 213.

Dienstag» 12. September.

1916.

(88. Sortsebung.)!

Frau Minchens Narretei.

Humoristischer Roma» von Kiite von Bceker.

(Nachdruck verdoten.1

Der wieder aufgehende Vorhang unterbrach ihr Ge- plauder, dem Frau Minchen mit heimlichem Staunen und regster Neugier gefolgt war, ohne ein Wort davon zu verstehen, aber auch ohne es mit Einern Wort zu unterbrechen. Ihre Fee, die wirst so spröde, Zurück­haltende, plauderte hier mit einem wildfremden Herrn so angeregt, wie sonst nur mit den besten Bekannten. Das war ganz rätselhaft und unbegreiflich! Aber wenig­stens bewies sie einen guten Gekchmack. Frau Mrn- chens Schönheitssinn fand volle Befriedigung. Ern schöner Mann war das rmd ein vornehmer. Kürassier- offiziere hatte Ludovika nie in das Haus gezogen, die waren eine verwünscht hochmütige Sorte, bis zu der die freiherrlich Biebermanntchen Beziehungen nicht emporreichten. Und nun verkehrte ihre Fee mit einem ganz echten Kürassierofsizier, als wenn das so sein müßte, ihre Fee! Das Mutterherz schlug stolz und triumphierend auf, wenngleich das mütterliche An- standsgefühl etwas beunruhigt war, ihre Tochter sprach mit einem fremden Herrn, der sich ihr nicht vor­stellen ließ, ganz richtig war das nicht. Nun, es würde wohl noch kommen. Jetzt war die Pause nur zu kurz gewesen, in der nächsten würde es ichon kommen.

Sie täuschte sich auch nicht. Nach dem Ende des zweiten Aktes, dessen berauschender >,on keuscher Zärt- lichkeit durchwebter Liebesszene zwilchen Romeo und Julia Fee mit weltverlorenem Entzücken gefolgt war, bog sich der Graf zu der reglos und fast erschöpft Da- sitzenden hinüber und fragte lächelnd' .,Noch ganz im Bann der Dichtung? Oder darf ich schon'mit einer banalen Forderung der Gegenwart kommen? Julia sagt zwar von ihrem hohen Balkons aus. daß ein Name nichts sei. aber Julia in der Loge der Zuschauer denkt darüber vielleicht doch anders, und um dem vorzu­beugen. möchte ich mir erlauben, mich dem gnädigen Fräulein vorzustellen, und um eine Weitervorstellung bei der Frau Mama zu bitten, Graf Schmiesing."

Fee war wie aus einem Traum aufgeschreckt bei seiner Anrede. Ja, sie lag wirklich noch im Bann der Dichtung. Wie ein Strom von Glut und Licht war es über ihre Seele gezogen, dieses holde Liebeslied. Alles, was als mütterliches Erbteil in ihrem Blut lag und durch verfeinerte Bildung über das kleinliche Maß seichter Romantik hinausqewachsen war, blühte hier und heute zu voller Herrlichkeit in ihr auf. Das Dichter- < werk vor ihr, die Verwirklichung eines abenteuerlich poeti­schen Kindortraumes neben ihr, das klang zusammen zu einer Melodie von wunderbaren! Zauber.

Und daraus riß sie nun das alltägliche Verlangen ihres Traumhelden. Sie sah ihn verwirrt und ver­ständnislos an.

Er lächelte. ..Lassen Sie Ihre junge Seele weiter­träumen", sagte er mit weichem Ton, -,ich werde meine Vorstellung bei Ihrer Frau Maina selbst be­sorgen."

Und schon hatte er 'ich zu Frau Minchen herüber­gebogen und seinen Worten die Tat folgen lassen

Frau Minchen bebte innerlich vor Überraschung. Sie ließ den Grafen seine Bekanntschaft mit ihrer Tochter erst vollkommen erklären, ehe sie recht zur Be­sinnung kam. Er tat das sehr flüchtig, ohne alle Neben­umstände, nur anführend, daß Fee ihm einstmals liebenswürdig den Weg nach der Stadt gewiesen, den er als Fremdling und Verirrter nicht recht gefunden habe, und dann ging er so gewandt und schnell zn der augenblicklichen Situation des Theaterstückes und der umgebenden Verhältnisse über, daß Frau Minchen all die eleganten Redewendungen, die sie sich in der Ge­schwindigkeit für den Verkehr niit einem Grafen aus ihren Romanerinnerungen zusammensuchen wollte, nicht anbringen konnte, sondern ganz unbefangen und natür­lich wurde und mit ihm plauderte wie mit einem alten Bekannten.

Fee saß stumm dabei. Sie hörte kaum, was die beiden sprachen. In ihr sang und klang noch immer das zärtliche Liebesduett, das üe eben auf der Bühne gehört, und dem ein Ton aus ihrer eigenen Seele ent­gegenhallte, fremd und lockend und doch allvertraut, quälend zwiespältig und doch berauschend süß und hin­reißend.

Als Graf Schmiesing sich nach Beendigung der Vor­stellung von den Damen trennte, war er fest entschlossen, dem heutigen zufälligen Besuch der klassischen Vor­stellungen ein festes Abonnement auf diesen bestimmten Platz folgen zu lassen. Er fühlte eine starke seelische Anregung in diesem Gedanken, so stark, daß er dafür sogar bereit war, die Langeweile der gesamten Klassiker über sich ergehen zu lassen. Vielleicht hatte das auch seine Reize und paßte zu der knabenhaft fröhlichen Er- Wartung, mit der er daran dachte, dieses holde, junge Geschöpf, in dem spröder Trotz irnd unbewußte Zärt­lichkeit sich so entzückend mischten, zu studieren und hm, ja, und vielleicht zu regieren.

Fee hüllte sich auf dem Heimwege in den dicken Pelz und den Fragen ihrer Mutter gegenüber in schwer zn brechendes Stillschweigen. Sie war nicht imstande zn sprechen, am wenigsten mit der Mutter, die so banal fragte und so banal von dem schönen, eleganten, liebens­würdigen und vornehmen Mann sprach und schwärmte. Ihr war all das, was diese betonte, nebensächlich. Für sie war heute ein köstlicher Traum zum Leben gewor- den, ein Neues, ganz Neues in ihr Empfinden getreten, etwas, das vorläufig sie noch umhüllte wie eine Wolke und ihr Denken verschleierte, dann (wer im Laufe der Tage viel Verwirrung und Unruhe, viel Zwiespältig- keit und Zweifel über sie brachte. Sie verstand sich nicht. An Rolf dachte sie und an den anderen auch, an Rolf sehnsüchtig, sehnsüchtiger als vorher, aber an den an­deren init heißem Herzklopfen und ivie Im Rausch, be­fangen von hundert reizenden Träumen, umstrickt von hundert entzückenden Torheiten.

Das goß nun seinen Glanz über die tonst so öden Winterwochen. Mutter und Tochter lebten eigentlich nur noch in Gedanken an die Theaterabende. Frau