Morgen.Brilage des Wiesbadener Tagblatts. & =? j
Nr. 212. Sonntag» 10. September. 1916.
(82. Fortsetzung.)
Krau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von Käte van Beeker.
(Nachdruck verboten.)
Als der Vorhang für die Dekorationsverwandlung fiel und die Lichter im Zuschauecraunr aufflammten, wandte sie unwillkürlich den Kopf nach dem neugekommenen Nachbar und wurde im selben Moment ganz bläst. Zwei stahlblauschimmerndc Augen sahen mit grübelndem Blick in ihr Gesicht, Augen, an die sie monatelang mit Zorn und Verwirrung und gerade jetzt, in dieser Stunde, mit einem Gefühl heißer Unruhe und Erwartung gedacht hatte. Der Reiter, der an ihrem Einsegnungstage ihre Hand geküßt und dazu jene wunderbaren Worte gesprochen hatte, saß neben ihr, blickte sie an und suchte in seiner Erinnerung, wo er dieses zartfarbige, strenge Mädchengesicht, diese köstlichen, goldrot flimmernden Haare und die erschreckten, braunen Kinderaugen wohl schon einmal gesehen habe. Er suchte wirklich. Vom ersten, flüchtig rekognoszierenden Blick sin der Dunkelheit an war ihm ein unklares Erinnern aufgestiegen, ineinander und auseinander fließend, so nnd doch ganz anders, nicht yreUbar und nicht zu halten, aber gesehen hatte er diese eigenartige Erscheinung schon einmal und irgend etwas knüpfte sich an dieses Sehen. Darüber war er sicher, und nun suchte er. Nirgends paßte sie in sein Leben und in den Kreis der Frauen, an die sich für ihn Erinnerungen knüpften, und doch hing etwas mit ihr zusammen, und doch war sie ihm nicht fremd.
Nun, da ihr Gesicht bei seinem Anblick erblaßte, schwand ihm jeder Zweifel, daß ihn vielleicht nur eine Ähnlichkeit oder die Erinnerung an ein Bild täuschte, — sie kannten sich.
Wahrhaftig, wie sie jetzt die Lippen so fest und trotzig aufeinander preßte, das abgeblaßte Rot ihr wieder in heißen Wellen in die blütenzarte Haut stieg und die Lider sich tief über die Augen senkten, wußte er genau, -aß er das alles schon einmal gesehen habe, so — und doch anders. Aber er konnte es nicht packen, wo und wie das gewesen. Sein sonst so vorzügliches Gedächtnis ließ ihn im Stich. Und dabei war das doch eine Mädchenerscheinung von so eigenartigem Reiz, daß er selbst nicht begriff, wie man vergessen konnte, sie einst gekannt zu haben.
Da glänzte auf der Bühne der Prunkwal der Capu- lets auf. Der junge Offizier sah und hörte kaum hin, er blickte immer nur auf das feine Mädchenprofil neben sich. Seine schnell an dir Dunkelheit gewöhnten Augen sahen, wie die Farbe darin in schnellem Wechsel kam und ging, wie die Brust sich hastig atmend hob und senkte und die den Theaterzettel krampfhaft umschließenden Finger leise zitterten. Sie trug keinen Handschuh auf der rechten Hand. — eine schlankgestreckte, wunderschöne Hand, die auch irgend eine Erinnerung in t£«i Derkts. — - — 7 — — . -
„Entweihte meine Hand verwegen dich, o Heil'gen- bild, so will ich's lieblich büßen. Zwei Pilger neigen meine Lippen sich — den herben Druck im Kusse zu versüßen", sprach drüben auf der Bühne Romeo zu Julia und die
Finger seiner Nachbarin zitterten heftiger. Wie jung mußte sie noch sein, um von dem Spiel so ergriffen zu werden, wie jung!
Und da, urplötzlich wußte er es, hatte er es gefunden. Er sah den ragenden Wald, die grünenden Wiesen und Felder, hörte den Lerchentriller und das widerspenstige Schnauben eines Pferdes, und auf dessen Rücken saß das wilde Kind im Bubenanzuge, die zürnende, rot- mähnige, junge Walküre I
Wie reizvoll amüsant! Dieses schöne junge Weib dachte noch an das kleine Abenteuer auf der Landstraße, dachte noch daran, wie er die rauhe, ungepflegte Mädchenhand geküßt und dazu gesprochen hatte, wie jetzt dort drüben Romeo zu feiner Julia. Wie seltsam und lieblich das war, beinahe so wie sie selbst, diese köstlich entfaltete, weiße Mädchenblüte, von der ein Hauch der Frische und entzückender Herbheit ausging, und deren Hand dabei doch zitterte, deren rote Lippen sehnsüchtig seufzten in Erinnerung an ein Backsischabenteuerchen, einen flüchtig vorübergaukelnden Schmetterling, dessen Flügel das Kinderherz gestreift und es aus dem Kinder» schlaf zum Bewußtsein seines Weibtums geweckt hatte.
Er lächelte vor sich hin. Famoser Zufall, der ihn gerade heute ins Theater geführt hatte: die Begegnung mit diesem reizvollen, jungen Geschöpf war ihm eine köstliche Anregung. Es lag darüber ein ganz besonderer Schmelz und Zauber, ein Stückchen Poesie und Märchen, wie er es gern einmal zur Abwechslung in die Reihe seiner Tage schob. Ein klarer, im Himmelslicht schimmernder Tautropfen zwischen all den bunten, feurigen Steinchen, mit denen er sonst sein Leben schmückte. Etwas Wald- und Wiesenduft, lauter Morgenfrische und Reinheit darum: — ein Ding nicht zum Aufassen und Festhalten, das hieße es zerstören und wertlos machen, aber um sich entzückt zu seiner Schönheit niederzubeugen und mit freudigem Stolz sein eigenes Bild dort im klaren Spiegel zu schauen.
Graf Schmiesing war unter Umständen eine poetische Natur, ein geistiger und seelischer Feinschmecker, ec fühlte, daß sich ihm hier etwas Besonderes bot, und ec war bereit, sich daran zu erfreuen, — solange es ihm gefiel.
„Das ist denn doch ganz hübsch", sagte Frau Min> chen, als der Vorhang gefallen war, zu ihrer Tochter. „Bloß ein bißchen unnatürlich, daß sie sich gleich küssen. Und die Julia sind' ich auch nicht schön genug. Abei: Kind, ist dir so heiß? Du hast ganz rote Backen, und mir sind die Füße wie Eisklumpen."
„Ja, wundervoll!" atmete Fee auf, und kam nicht zur Erklärung, ob sie damit Mutters Eisfüße oder die Vorstellung meinte, denn der Theaterzettel war ihren Fingern entglitten, im Niederfallen von ihrem Nachbar Mfgesangen worden, und wurde \l)t Ht mit einer höflichen Verbeugung überreicht.
Dabei schaute der Nachbar mit leuchtendem Blick in das heiße, junge Gesicht, das sich ihm nun zuwenden
