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S Der Roman. §
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Morgen-vellage der Wiesbadener Tagblatts. !»—s)
Nr. 211.
Samstag» 9. September.
1916.
(81. Fortsetzung.).
Stau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von KSte van Beeker.
(Nachdruck »ertöten.!!
Und wirklich hatte jene Mitteilung den ersten Anstoß gegeben, daß Fee aus ihrer Versunkenheit und Unklarheit aufgerüttelt wurde, sich aufreckte und daran ging, ihr Leben in feste Hände zu nehmen. Sie hatte in der Nacht, die jenem Tage folgte, lange und leidenschaftlich geweint und das Leben so verzweifelt grau und trostlos vor sich gesehen, daß sie darunter zu ersticken meinte. Aber als dann der Morgen anbrach, war sie mit dem unverwüstlichen Mut der Jugend entschlossen daran gegangen, den Kampf mit diesem Leben aufzunehmen und es, so weit es in ihrer Kraft stand, heller und lebenswürdiger zu gestalten.
Und da die Hoffnung, diese hilfreichste und treueste Freundin der Jugend, neben ihr schritt und ihr, je weiter die Zeit vorwärts eilte, immer tröstender in das Herz sang, daß es nur eine Wartezeit sei, die sie in ihrer unbegreiflichen Torheit über sich heraufbeschworen habe, wurden ihre Augen dabei wieder hell und ihr Herz fröhlich und das Leben schien ihr nicht niehr grau und inhaltslos, sondern trotz seiner Einförmigkeit und Stille wieder lieblich und reizvoll.
So war der Winter ins Land gekommen und in Frau Minchens Herz begannen sich neue Sorgen zu regen. Fee war nun alt genug, ilm in die Welt geführt zu werden, man durfte ihre aufblühende Jugend nicht länger in dieser ländlichen Einsamkeit verschließen. Das Kind, das einzige, was ihr aeblieben war, durfte nicht unter den Sorgen und Schmerzen leiden, die auf dem Hause und auf ihrer Mutter lasteten. Jugend verlangt ihr Recht, llnd vi'stleicht gelang es ihr mit diesem Mittel, auch ihren Mann allmählich wieder in den Bannkreis der Familie und des soliden Lebens zu ziehen. Fee war ja immer sinne zugänglichste Stelle gewesen und es bedurfte gewiß nur einer Erinnerung an seine Vaterpflichten ihr gegenüber, um ihn auf den richtigen Weg und wieder in gute Gesellschaft zu führen.
Sie versuchte es, aber ohne jeden Erfolg. Er blickte noch finsterer als zuvor.
„Ich bin kein richtijer Bejleiter mehr für unser Kind. Das is alles vorbei. Laß mi in Ruh! Wenn du sie auf'n Heiratsmarkt schleppen willst, dann tu's allein, oder, da du 'ne Schwiegertochter mit so jroßem Schachertalent hast, jieb sie der zum Verkauf mit! Pfui Deiwel, nee! M->in Joldststan, mein saub'res klujes Kind! — Aber das wird sich schon selbst schützen!"
Es war, als wenn es ihn packen wollte mit der alten, heißen Liebe für seine Fee. Ach, was er manchmal für eine Sehnsucht nach ihr batte! Aber solch ehrloser, alter Lump wie er belaß kein Recht mehr, sich an seinem braven, ehrlichen Kind-zu erfreuen. Er ging bergab, er war zu nichts mehr nutz als nur noch zum Saufen. Da vergaß er doch Meistens, daß er nichts niehr wert sei. daß er mit der Hundsfötterei seiner Jugend sich die Schinder und Erpresser auf den Hals geladen hatte.
Wie eine fressende Krankbeit faßen solche Gedanken in seinem Hirn und überwucherten alles andere. Die
fixe Idee seiner nroralischen Entartung beherrschte rhn so vollkommen, daß nichts anderes daneben Raum fand. Immer ging die hinter ihni her und geißelte ihn. Es war eine Stelle in seiner Seele getroffen, aus der sich die Hand des Wahnsinns aufreckte, und keiner fand die richtige Waffe, um siegreich dagegen zu kämpfen, denn keiner sah und wußte, wo des Übels Wurzel saß. Nur Frau Minchen, und die war zu schwach, um die Geister zu bannen, die sie in ihres Herzens Unschuld und Un- erfahrenheit selbst heraufbeschworen hatte.
Seufzend mußte sie erkennen, daß selbst der Hinweis aus Fee bei ihrem Mann nichts nutzte. Da konnte nur der liebe Gott helfen! In kindlichem Vertrauen legte sie gll die schweren Sorgen und Nöte also still in die Hände des großen Walters, und inachte sich dann daran, die kleinen selbst auf die alten, schwachen Schul-' tern zu nehmen. Die waren im Laufe dieses Jahres wirklich recht alt und schwach geworden. Wenn sie an Bälle und Gesellschaften dachte, überkam sie eine grenzenlose Müdigkeit. Aber es mußte sein, es war ihre Mutterpflicht, und es kamen ihr jetzt oft Gedanken, daß sie in früheren Jahren dieser Mntterpflicht gegen Fee nicht genug getan habe, da mußte sie wenigstens jetzt das Mögliche leisten; besonders da sie im vorigen Winter mit Ludovika eine nie ermüdende Ballmutter gewesen, hätte sie sich ja totschämen müssen, wenn sie bei dem eigenen Kinde versagte! — Ach ja, im vorigen Jahre, — wie viel frischer und elastischer war sie da, und jetzt auf einmal ganz alt und zusammengefallen! Die Sorgen, die Sorgen!
Aber Fee burfte unter denen nickst noch mehr leiden, als sie doch wohl schon heimlich tat. Ja, ja, eine wußte von der anderen, daß und warum sie sich grämte, aber beide vermieden es, ihre gemeinsamen Sorgen au berühren, uni nicht den anzuklagen, der sie ihnen bereitete, den armen, lieben Mann 'und Vater!
„Wir müssen jetzt an deine Toilette denken, Feechen! Du wirst nun auf Bälle gehen", leitete Frau Minchen ihre Pläne zaghaft ein.
Fee machte große, erschreckte Augen, dann lachte sie und schüttelte den Kopf. „Um Himmels willen. Mütterchen, komm' mir nicht damit. Ich habe nicht die leiseste Lust, in festlichen Gewändern den Reigen zu schwingen, und du siehst mir auch nicht danach aus, als wenn du dein Glück darin sähest. Ballmutter zu spielen. Schenken wir uns das noch ein'Jährchen, bis ich rasende Sehnsucht danach verspüre."
Die Mutter sah nrit zwiespältigen Gefühlen in das rosige, lachende Gesicht. Das ging doch nicht, die Jugend verlangte ihr Recht. — aber wenn sie es nicht verlangte, war sie eigentlich heilfroh. Sie parlainen» tierte noch ein Weilchen im Gefühl ihrer Pflicht, aber als Fee beini Kopfschütteln und Abwehren blieb, gab sie mit einem behaglicheil Seufzer nach.
„Aber Möchtest dii nicht irgend etwas anderes, das dir Vergnügen macht?. Denk mal nach Kind: der
