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M.— ■ ! Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» ^

Nr. 210. Zreitag. 8. September. 1916.

1(30. Fortsetzung.)

$rau Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Nöte van Beeker,

(Nachdruck verboten.)

Es war, als wenn aller gesunde Sinn und alle ge­sunde Kraft in ihm gestorben sei und aus dem Unter­gründe seiner Seele sich die bösen Elemente aufreckten, die, vielleicht als Erbteil des Blutes, ftill unten ge­ruht und von kwr gesunden Luft der Arbeit und Zu­friedenheit in Bann gehalten waren. Selbst die Liebe zu seiner Fee besaß momentan keine wirksame Kraft. Er ging auch ihr aus dem Wege. Ihr vielleicht am meisten, denn vor dem reinen, iorglich fragenden Blick seines Lieblingskindes drückte ihn der Gedanke am schwersten und die Scharn geißelte ihn blutrot, wenn er dachte, was seine Fee sagen und ob sie ihn noch lieben würde, wenn sie wüßte, daß er nur noch von der Gnade und dem guten Willen dieser Berliner Schurken abhing, die seine Frau bezahlen mußte, damit sie über ihres Mannes Sünde schwiegen. Und Fee war die dritte in der Familie, die sich unglücklich fühlte. Das Leben, das ihr bis jetzt so leicht und schön erschienen, zeigte plötzlich eine dunkle, traurige Färbung. Gerade hatte sie gedacht, daß nun, wenn Ludovika aus den« Hause käme und die anderen widerwärtigen Menschen auch das Feld räum­ten, alles, was hier und da nicht recht passen wollte, sich glatt und freundlich ordnen und das Leben noch be­glückender und schöner würde als bisher, und da hatte sich plötzlich alles viel verwirrter und trüber gestaltet. Sie war grenzenlos unzufrieden mit sich, hatte unbe­greiflich gehandelt und selbst verschuldet, was jetzt drückend und trostlos aus ihr ruhte. Jetzt sah sie es. Und doch, wenn es noch eininal vor ihr stände, — wer weiß, ob sie anders handelte? Wer weiß? Sie konnte es nicht mit Gewißheit sagen, solch große Unruhe und Verwirrung lag über ihr. Rolf Schweichler war abge- reist, vor Schluß seiner Ferien, abgereist ihretwegen, durch ihr Verschulden.

Fee deckte die Hände über das heiße Gesicht und dachte zum hundertsten Male nach, warum sie bei seiner zärtlichen Frage, ob sie seine liebe, qlllckspendende Frau werden wolle, nicht glückselig bejahend geantwortet habe? Überrascht war sie gewesen und erschreckt, aber doch nur wie von einem großen, köstlichen Licht geblen­det, nicht gleich fähig, in die Rosenglut hineinzuschauen und sich in sie zu hüllen wie in einen Zaubermantel. Seliger Schreck war es gewesen und schon neigte sie sich ihm entgegen mit Herz und Munde, da — sie begriff es selbst nicht und das Blut sisioß ihr immer wieder angstvoll heiß in die Wangen — da war plötzlich etwas lose und leicht durch ihren Sinn geklaftert. Wie ein schimmernder, zarter Schmetterling, wie ein Traum und lindes Lüftewehen, io unfaßbar und märchenhaft und doch sich wie ein Reh um ihren Willen legend, wie ein Netz, in dem sich ihr zärtliches Neigen zu dem Kind­heitsgefährten verfing und nicht hinauskonnte zu ihm. Ein Erinnern und Traum war e?> gewesen, ein Sehn­suchtswunsch aus nebelhast->r Ferne in nebelhafte Ferne hinein. Hastig hatte sie sich von Rolf abgewandt, mit großem, starrem,Blick über ihn fortoesehen. einer Schar weißer Tauben nach, die wie silberne Funken gerade in

den Himmel hineinflogen, — und ihre Sehnsucht war ihnen nachgeflogen in den blauen Himmel eines mär­chenhaften Glückes hinein!

„Ich kann nickt", hatte sie mit erstickter Stimme ge­murmelt, „nein, Rolf, nicht so! Bitte, sag' nichts, frag' nichts, ich kann nicht, ich muh noch warten!"

Und war von ihm fortgestürzt ohne weitere Er­klärung, ohne ein milderndes, freundliches Wort.

Danach hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Er war abgereist und nun saß sie und weinte, fühlte sich un­glücklich und verstand sich selbst nicht, und begriff nicht ihr wunderliches Empfinden und den fremden, selt­samen Ton in ihrer sonst so klaren, reinen Lebens- melodie. Sie hatte Rolf so lieb, so lieb, mit ihrem ganzen jungen Herzen, sie verstand sich mit ihm wie mit keinem anderen auf der Welt, hatte Sehnsucht nach ihm und bereute ihr wunderliches Benehmen, und doch, und doch, ein Etwas lebte in ihrer Seele, ein Märchen­traum voll von buntem, abenteuerlichem Reiz, ein Silbergespinnst, das hieltchie fest mit unzerreißbaren Fäden.

So ging Fee mit klopfendem Herzen und unruhigen, quälenden Gedanken durch die Tage, kragte sich wieder und wieder, wie es möglich sei, daß ein Mensch so hin- und hergezogen würde von zweierlei Gefühlen, deren eines kaum ein richtiges Gefühl und dabei doch so stark war, daß es das andere verdrängt hatte, und ahnte nicht, daß sie im Schatten ihrer Mutter ging, daß es ein Tropfen von deren Blut und romanlustigem Empfin­den sei, der in ihrem gesunden und klaren Denken und Fühlen so wunderlich rumorte und ihr den normalen Sinn verwirrte.

VI.

Während sich im Herrenhaus zu Molitten drei Menschen mit Sorgen, Grämen und schweren, verzwei­felten Gedanken quälten und die Einsamkeit und der Kummer dort graue Netze spannen, in denen sich nichts als Seufzer und verschwiegene Angst ringen, wogte im Vorwerkhause, in dem das junge Paar nun herrschte, das Leben und die laute Lrist >o freudig und heiß, daß Eugen, der nie dergleichen gekannt hatte, oft ganz be­täubt mitten darinnen stand und sich nicht recht klar werden konnte, ob das nun wirklich das heißersehnte Glück sei, oder ob er mit den Händen, die begierig da­nach faßten, nicht vielleicht nur in leere Luft griffe? Seine schöne, vergötterte Frau gehörte ihm wohl der Form nach, aber in Wirklichkeit zerflatterte sie vor feinem Verlangen wie ein Schattenbild und schien allen anderen mehr zu gehören als ihm. Aber wie konnte er auch denken, daß ein so herrliches Geschöpf wie Ludo­vika nur für ihn und die Häuslichkeit leben würde? Mußte er es nicht schon als überschwängliches Glück an- sehen, daß er sie überhauvt sein eigen nennen und ihr Sklave sein durfte? Es war. als wenn alle Kraft und alles Empfinden, das in Eugen lebte, sich in diesem einen Punkt, in der Leidenschaft ftir seine Frau konzen­trierte: er liebte sie besinnungslos und ausschließlich,